Meinung
Leitartikel

Feindbild Vattenfall

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Matthias Iken

Der Versorger stoppt die Lesetage. Das kommentieren einige Atomkraft-Gegner mit Häme

Man muss Vattenfall nicht mögen. Der schwedische Energieversorger hat gerade in den ersten Jahren nach der Übernahme der HEW in der Hansestadt einiges an Porzellan zerschlagen, die Strompreisschraube überdreht und wegen vieler Probleme im Kernkraftwerk Krümmel Zweifel an seiner Zuverlässigkeit gesät.

Das alles aber rechtfertigt nicht mehr die öffentliche Beschimpfung, die inzwischen in der Hansestadt auf den schwedischen Staatskonzern einprasselt. Selten sah sich ein Unternehmen in Deutschland einem solchen Shitstorm ausgesetzt – dabei verkauft der Konzern weder Textilien aus Kinderarbeit noch spekuliert er mit Nahrungsmitteln, noch unterdrückt er seine Mitarbeiter oder die Gewerkschaften. Sein Vergehen: Er produziert Strom aus Kohle und Atomkraft. Das reicht heute aus, um als dunkle Seite der Macht wahrgenommen zu werden.

Wer sich ins rechte Licht rücken und auf die gute Seite schlagen möchte, muss sich nur an Vattenfall abarbeiten. Die Grünen idealisieren sich als wackere Gegner der Atomkraft, die Umweltschützer als aufrechte Klimakämpfer, und viele Künstler inszenieren sich in ihrer uniformen Abgrenzung vom „Atomkonzern“ als „Freigeister“. Nun hat der Konzern die Finanzierung der Vattenfall Lesetage gestoppt, des größten Literaturfestivals des Nordens. Weniger als dieser Schritt verwundert die Tatsache, dass Vattenfall angesichts der Gegenveranstaltungen „Lesetage selber machen“ oder „Lesen ohne Atomstrom“ überhaupt so lange durchgehalten hat.

Die schlechte Nachricht für die Kulturstadt Hamburg geht im Triumphgeheul unter. Die Gegner rufen dem Kultursponsor als Dankeschön noch ein hämisches „Tschüs“ hinterher. Es tobt inzwischen ein jakobinischer Furor, der schwer erträglich ist. Wie kann man sich darüber ernsthaft freuen? Jede Lesung, die wegfällt, ist ein Verlust – für die Künstler, die von Lesungen leben, für die Zuhörer, für das Kulturgut Buch insgesamt. Und es kann doch nicht ernsthaft eine Lösung sein, dass nun der Steuerzahler ein Lesefest spendiert, wie die grüne Jugend fordert.

Es gehört in gewissen Kreisen längst zum guten Ton, auf Vattenfall einzuprügeln. Die Initiative zum Rückkauf der Netze spielte geschickt auf der Klaviatur des Vattenfall-Bashings; einige reduzierten das hochkomplexe Rekommunalisierungsthema auf die einfache Frage, wo man gegen Vattenfall unterschreiben kann.

Die Grünen haben das Vattenfall-Bashing sogar zum Kern ihrer Politik gemacht. Sie stellen den Rückkauf der Netze unter das Motto „Nein zu Vattenfall“ und bezichtigten die Schweden in der Bürgerschaft, „für den Atom- und Kohlekonzern zähle nur der eigene Profit und sonst gar nichts“. Da wüsste man schon gerne, warum der rot-grüne Senat die HEW 1999 an diesen Konzern verkauft hat.

Ein Großteil der Vorwürfe gegen Vattenfall ist so interessengeleitet wie durchsichtig – es geht um Spenden, Stimmen, Stimmungen: Die Atomkraftwerke, die Vattenfall betreibt, sind Erbmasse der städtischen HEW, die heute allerorten glorifiziert werden. Bei aller Kritik an Krümmel darf man die Tatsachen nicht ausblenden: Einen Störfall der Stufe 2 oder höher gab es dort nicht. Und das verhasste Kohlekraftwerk in Moorburg entstand in dieser Größe auf Wunsch des damaligen CDU-Senats. Mit Schwarz-Grün kam die radikale Politikwende. Diese wirft eher ein schlechtes Licht auf den Opportunismus der Union als auf Vattenfall, das ganz altmodisch auf einmal ausgehandelten Verträgen besteht.

Bürgermeister Olaf Scholz war gut beraten, nach dem SPD-Wahlsieg auf Vattenfall zuzugehen. Es geht längst nicht mehr nur um einen umstrittenen Konzern, sondern um den Umgang einer demokratischen Gesellschaft mit einem ausländischen Konzern. Vattenfall muss an sich und der Energiewende arbeiten, das stimmt. Mehr aber noch müssen die Kritiker abrüsten – sonst beschädigen sie nach dem Kultur- auch den Wirtschaftsstandort Hamburg.

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