Meinung
Kommentar

Pyrrhussieg für viele Bahnfahrer

Höhere Entschädigung wird zu höheren Preisen führen

Endlich Klarheit für Deutschlands Bahnfahrer. Nicht länger können sich die Schienenunternehmen – allen voran die Deutsche Bahn – mit mehr oder weniger glaubwürdigen Begründungen aus der Verantwortung stehlen, wenn von ihnen Entschädigungen für Verspätungen verlangt werden.

Der Europäische Gerichtshof (EuGH) hat eindeutig festgestellt, dass die Frage nach dem Warum bei Verspätungen keine Rolle spielen darf. Im Klartext: egal ob Unwetter, falsche Weichenstellung, Streik oder verfehlte Planungen – hat ein Zug am Zielort mindestens 60 Minuten Verspätung, bekommt der Fahrgast 25 Prozent des Ticketpreises erstattet, bei einer mehr als zweistündigen Verspätung sind es sogar 50 Prozent. Auf Wunsch übrigens in bar und nicht als Gutschein.

Die Entscheidung aus Luxemburg ist auf den ersten Blick ein Sieg der Bahnkunden und ein Sieg der Vernunft. Denn wenn ein Unternehmen die von ihm angebotene Leistung nur mangelhaft erfüllt, kann es nicht den vollen Preis verlangen. Diese Selbstverständlichkeit darf nicht nur für produzierende Unternehmen gelten, sie muss auch für Dienstleister Gültigkeit haben. Angenommen, ein Autohersteller liefert seinem Kunden ein neu bestelltes Fahrzeug mit einer großen Beule auf dem Dach aus. Zur Begründung heißt es: Während des Transports sei leider bei einem Unwetter ein Baum auf den Pkw gefallen. Niemand würde ernsthaft verlangen, dass der Kunde das beschädigte Auto im kaputten Zustand zum vollen Preis übernehmen muss.

Die Deutsche Bahn hat umgehend angekündigt, dass sie ihre Entschädigungspraxis an die Rechtsprechung des EuGH anpassen werde – ein logischer Schritt. Bleibt die Frage, wer die höheren Kosten künftig tragen wird? Es ist mehr als unwahrscheinlich, dass die Verkehrsunternehmen auf einen Teil ihres Gewinns verzichten werden. Steigende Ticketpreise sind am Ende der einfachste Weg, um die zusätzlichen Kosten durch die neuen Entschädigungsregeln auszugleichen. So dürfte sich die Entscheidung des EuGH am Ende für viele Bahnfahrer als ein Pyrrhussieg herausstellen. Nur wer häufig in verspäteten Zügen sitzt und sein Recht auch einfordert, wird am Ende wohl günstiger fahren.