Meinung
Frankenfelds Welt

Was wichtig ist und was nicht

Die ungeheure Informationsflut macht es immer schwieriger, die Welt zu verstehen. Ohne Experten geht es nicht – in allen Bereichen

Die repräsentative Demokratie beruht ganz wesentlich auf einem vertrauensvollen Abkommen zwischen dem Bürger – der zugleich Wähler und damit Souverän ist – und der ihn vertretenden Politik. Es ist ein Prinzip, dass sich – mit Abstrichen, gewiss – bestens bewährt hat und die Interessen des Bürgers ungleich besser zu schützen weiß als dies in anderen Staatsformen, vor allem natürlich der Diktatur, der Fall ist. Eine direkte politische Entscheidungsgewalt des Bürgers, wie sie in der Attischen Demokratie im alten Griechenland bestand oder heute in Teilen noch in einigen Schweizer Landsgemeinden praktiziert wird, ist für einen großen modernen Staat aus mindestens drei Gründen unpraktikabel.

Zum einen ist es kaum möglich und zudem viel zu teuer, etwa die 80 Millionen Deutschen ständig in allen politischen Belangen abstimmen zu lassen. Zum anderen ist die politische Thematik in unserer Zeit derart komplex geworden, dass man ein sicheres Urteil in vielen Fällen vielleicht lieber Experten überlassen sollte. Und schließlich liegt in der unmittelbaren plebiszitären Demokratie die Gefahr, dass sich Bürger aus akuter emotionaler Erregung zu Entscheidungen mit verheerenden Konsequenzen hinreißen lassen könnten. Es wäre die Stunde der Demagogen.

Doch es gibt in unserem pluralistischen Gemeinwesen noch ein zweites, durchaus vergleichbares, wenn auch eher unerklärtes Abkommen. Es ist die vertrauensvolle Vereinbarung zwischen Journalist und Leser. Der Leser erwirbt die Zeitung und sichert damit dem Blatt und dem Redakteur die wirtschaftliche Existenz. Im Gegenzug vertraut er darauf, dass der Journalist einige Aufgaben sehr gewissenhaft erledigt. Dazu zählen eine gründliche Recherche und eine präzise Sprache. Vor allem aber muss sich der Leser darauf verlassen können, dass der Redakteur aus der ungeheuren, diffusen Flut an täglichen Nachrichten mit sicherem Urteil diejenigen auswählt, die der Leser möglichst kennen sollte, um die Mechanik der modernen Welt zu verstehen. Und der Leser darf darauf vertrauen, dass man für ihn Vorgänge aufbereitet, die zwar nicht wirklich wichtig, aber doch unterhaltsam sind und dazu dienen können, die zwischenmenschliche Kommunikation unterhaltsam zu befruchten.

Über den Fall des Whistleblowers Edward Snowden und der Spionageattacken des US-Geheimdienstes NSA etwa sollte der Bürger gut informiert sein. Darüber, dass der etwas füllig gewordene Barde Costa Cordalis sich nun anschickt, für eine Diät-Show abzuspecken, nicht notwendigerweise. Die tägliche Gewichtung zu treffen ist Sache eines kompetenten Journalisten – und diese Aufgabe ist angesichts des Tsunamis an Nachrichten aller Art, die via Medienkanäle aller Art über dem Bürger zusammenschlagen, heute wichtiger denn je. Dies gilt für Online- wie für Print-Produkte; doch eben für Tageszeitungen in ganz besonderer Weise. Und zwar deshalb, weil der beschränkte Platz zur Disziplin und Klarheit in der Auswahl zwingt. Die gedruckte Zeitung übernimmt zudem noch mehr als die im Minutenrhythmus getakteten elektronischen Medien die heute immens wichtige Aufgabe, eine analytische Einordnung des komplexen Weltgeschehens vorzunehmen. Der Zeitungsredakteur nimmt sich Zeit zum Nachdenken und liefert dem Leser im Idealfall ein Instrument zum besseren Verständnis der Welt. Und während manche elektronischen Quellen eher von Eifer als von Sachkenntnis geprägt sind, setzen sich die Redaktionen großer seriöser Zeitungen heute überwiegend aus Journalisten zusammen, die ein Universitätsstudium absolviert haben, dazu eine zweijährige Berufsausbildung oder den Besuch einer renommierten Journalistenschule. Manche haben dazu einen Doktorgrad.

Bis sie in verantwortlicher Position die oben erwähnte Auswahl treffen können, vergehen viele Berufsjahre. Journalisten, mich eingeschlossen, machen gelegentlich Fehler. Aber ich habe in 31 Berufsjahren bei dieser Zeitung noch niemals einen Redakteur getroffen, dem die Qualität seiner Arbeit für den Leser egal war. Ungesteuerte Informationsflut bedeuten nicht unbedingt mehr Wissen und Verständnis. Das besondere Vertrauensverhältnis zum Leser ist einer der Gründe dafür, warum sorgfältig erarbeitete Zeitungen weiterhin unverzichtbar sind.