Meinung
Hamburger Kritiken

Soll am deutschen Wesen die Welt genesen?

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Matthias Iken

Vom Atomausstieg über Sparpolitik bis zur Hysterie um die Spähaffäre. Ticken wir anders – oder aus?

Es soll ja Leute geben, die Sätze allzu gern aus dem Zusammenhang reißen. Auch dem viel zitierten Satz „vom deutschen Wesen“ im national-begeisterten Gedicht von Emanuel Geibel aus dem Jahre 1861 ist es gleich mehrfach so ergangen: Die 40 Zeilen vorneweg sind dem Vergessen anheimgefallen, die letzten beiden Zeilen werden gern zitiert. Ob der großmannssüchtige Kaiser Wilhelm II. oder die braunen Barbaren, sie alle wähnten sich als überlegene Nation.

Gott sei Dank Geschichte. Oder? Zuletzt wird man den Eindruck nicht los, auch das demokratische Deutschland fühlt sich zum Lehr- und Zuchtmeister in Europa berufen. Der selten dämliche Satz von CDU-Fraktionschef Volker Kauder, „auf einmal wird in Europa deutsch gesprochen“ atmete diese Überheblichkeit. Kauder meint ja nicht die Sprache – die hat auch bei der Union keine gute Lobby –, sondern vermeintlich deutsche Errungenschaften wie Haushaltsdisziplin, Schuldenbremse, Reformeifer.

Und nicht einmal da hat der Politiker recht: Denn die schwarz-gelbe Koalition hat trotz sprudelnder Rekordsteuereinnahmen keinen ausgeglichenen Haushalt hinbekommen. In ihrer Regierungszeit sind die Sozialausgaben von 747,4 Milliarden Euro 2009 auf nun 808,3 Milliarden Euro gestiegen.

Besserwisserei gegenüber den Südeuropäern ist da unangebracht. Wer um den fatalen Zusammenhang weiß, dass Wirtschaftskrisen Haushaltslöcher automatisch vergrößern, Wachstum aber nebenbei viele Finanzprobleme löst, mag sich über Kauder nur noch wundern.

Wenn wir gerade beim Wundern sind. Zu Recht fordert Bundeskanzlerin Angela Merkel mehr Europa, eine Vertiefung der Integration. Nur in der Energiepolitik schlägt sie einen ganz anderen Kurs ein. Mit der überstürzten Energiewende nach dem verheerenden Erdbeben in Japan 2011 setzt sie auf einen deutschen Alleingang, der sich als politische Geisterfahrt entpuppen könnte. Während einige EU-Staaten leichtsinnigerweise sogar neue Atomkraftwerke bauen, werden die deutschen Meiler noch schneller abgeschaltet, als es selbst Rot-Grün einst beabsichtigt hatte.

Das gefährdet die industrielle Basis des Landes und verbessert die Sicherheit nicht. Dank diverser Euro-Rettungsschirme haftet Deutschland sogar im Fall eines GAU für seine atomvernarrten Nachbarn mit. Wozu gab es eigentlich eine europäische Einigung, wenn man derlei grenzüberschreitende Probleme nicht international zu lösen versucht? Brüssel darf europaweit das Aufstellen von Olivenfläschchen auf Restauranttischen regeln, bei der Energieversorgung macht ein jeder, was er will.

Die deutsche Macke, es gern und allen zu zeigen, lebt mit Verve auch die Linke aus. Keiner empört sich so lustvoll. Wer derzeit der Linkspartei, Grünen oder Piraten, aber auch der FDP lauscht, muss um das Abendland fürchten. Allen Ernstes plakatierten die Parteien in Hamburg jüngst „Stop watching us. We are all Edward Snowden“. Abgesehen davon, dass sie sprachlich auf der falschen Tonspur unterwegs sind, liegen sie auch sonst ziemlich daneben, etwa wenn „der mit Abstand größte weltweite Überwachungsskandal aller Zeiten“ angeprangert und dem Antiamerikanismus gefrönt wird. Und in dem Bekenntnis, wir alle seien Edward Snowden, verschmelzen Unsinn und Irrsinn.

Sehnen wir uns am Ende nach Asyl in der lupenreinen Demokratie Russland? Oder sind wir in Wahrheit einfach nur Besserwisser und Weltverbesserer – ausgerechnet wir Deutschen mit Gestapo und Stasi-Historie? Natürlich sind kritische Fragen zum Datenskandal der Briten und Amerikaner nötig, aber Vergleiche zum orwellschen Unrechtsstaat verbieten sich.

Es geht hier weniger um Big Brother als um das Sicherheitsverständnis eines Staates, der 2001 massiv angegriffen wurde – übrigens auch von Hamburger Studenten. Die deutschen Hysteriker sollten in Sachen Spähaffäre ein paar Gänge zurückschalten. Deutsche Zurückhaltung wirkt allemal angebrachter als germanische Hoffart.

Matthias Iken beleuchtet in der Kolummne „Hamburger KRITiken“ jeden Montag Hamburg und die Welt

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