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Darum sind die Briten bei Street View so gelassen

Die deutsche Diskussion um die geplante Einführung von Google Street View ist schon erstaunlich, zumal wenn man sie von Großbritannien aus verfolgt. Dort ist die gesamte Insel, und zwar nicht nur die größeren Städte, sondern bis hin zum kleinsten Dorf, seit dem Frühjahr durch diesen Service kartiert, doch eine breite Diskussion hat es nicht gegeben. Zwar hört man ab und an, dass Street View etwas weit gehe, man könne ja sogar ins eigene Wohnzimmer schauen. Doch generell heißt es, das sei eben technischer Fortschritt, und Google sei doch eigentlich eine prima Sache.

Der Grund für diese gelassene Haltung ist wahrscheinlich der, dass die Briten es einerseits gewohnt sind, "Big Brother" überall dabeizuhaben, und andererseits nie unter einem totalitären Regime gelebt haben. In keinem anderen westlichen Industriestaat sind so viele observierende Kameras installiert wie in Großbritannien. Die letzte große Erhebung von vor knapp vier Jahren zeigte, dass es damals 4,2 Millionen davon gab, je eine pro 14 Menschen. Inzwischen gibt es wahrscheinlich noch reichlich mehr. Da wird auf der Straße observiert, auf Bahnhöfen, in der Schule, am Arbeitsplatz, in den Behörden und Krankenhäusern, in der Kneipe, beim Einkaufen. Angeblich war damals jeder Mensch in Großbritannien mindestens 300-mal pro Tag auf irgendeiner Kamera zu sehen und zu identifizieren. Bei dieser Omnipräsenz des "Großen Überwachers" zucken die Briten bei Street View nur die Schultern. Doch die deutsche Diskussion ist wünschenswert; sie hilft, die damit verbundenen Probleme zu erkennen und anzugehen..

Googeln ist im Berufs- und im Privatleben praktisch unerlässlich geworden. Aber wir dürfen nicht zu einer Gemeinschaft der Observierten werden. Dazu bedarf es keiner Kameras, das kann das Internet mindestens genauso gut, wenn nicht besser.

Schon jetzt sind die Internet-Gewohnheiten beim Browsen, Einkaufen, Videoschauen, Musikdownloaden abgespeichert und vernetzt. Hinzu kommt die Kreditkarten- oder Kontonummer, wenn wir E-shoppen. Und natürlich das Kontaktmuster, das wir auf dem Handy hinterlassen. Hinzu kommen außerdem die Daten der Freunde von Facebook oder MySpace und die Links, die wir austauschen. Auch in den sozialen Netzwerken ist man nicht untätig, Facebook Places ist zum Beispiel eine der jüngsten Innovationen. Alles im Namen des technischen Fortschritts und des Das-Leben-leichter-Machens.

Das führt zu einer anderen Problematik in der Diskussion: Das Für und Wider ist eine Generationenfrage. Viele der nicht mehr ganz Jungen und der Älteren beklagen nicht nur das Missbrauchspotenzial der Dateien, sondern auch, dass Voyeurismus, Narzissmus und ein Mangel an direkter Kommunikation durch Soziale Netzwerke, durch Add-ons wie Street View oder durch Googles Tochter YouTube gefördert werden.

Die Jüngeren haben kaum Angst vor Missbrauch. Im Gegenteil, sie finden die neuen Anwendungsmöglichkeiten "echt cool". Multitasking ist in und wird ihnen erleichtert, das spart Zeit und macht den Tag länger - und sie fühlen sich inmitten des Geschehens und eingebettet im Kreise der E-Freunde.

Die Jüngeren werden sich hier durchsetzen, denn sie fragen diese Dienste begeistert nach und ihr Ausgabepotenzial ist erheblich. Das ist der springende Punkt, denn Grund für die gewaltigen Investitionskosten, um Dateien aufzubauen und sie zu vernetzen ist das ungeheure Gewinnpotenzial durch personalisierte Werbung. Schon jetzt sind personalisierter Spam und Pop-ups täglich Brot. Das wird mit Quantensprüngen zunehmen. Die Jüngeren sind die primären Werbeobjekte und daher wird die technische Entwicklung hier auch vehement weiter vorangetrieben werden.

Abgesehen vom Missbrauch, den die Dateien offensichtlich ermöglichen, muss aber eins klar sein: Dies sind Merkmale und Vorboten einer weiter fortschreitenden Kommerzialisierung und Finanzialisierung unseres Lebens. Die Manager von Google oder Facebook oder ihre Eigner sind nicht durch Gutmenschentum gekennzeichnet, die uns das Leben leichter machen oder sich gar freiwillig einem gewissen Datenschutz unterwerfen wollen. Nein, sie werden von knallharter Renditekalkulation und Wachstumskalkül getrieben. Sie wissen um ihre zunehmende globale Marktmacht und nutzen diese ohne Skrupel.