Meinung
Leitartikel

Demografie als Dogma

Versicherungspflichtige Arbeitsplätze sind wichtiger für die Rente.

Man müsse schon blind sein, wenn man die Folgen der alternden Gesellschaft nicht sehe, hat der Direktor des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), Michael Hüther, gemeint, damit die Rente mit 67 verteidigt und ein noch späteres Renteneintrittsalter gefordert. Recht hat er. Wir werden immer älter, beziehen immer länger Rente und der Nachwuchs wird knapp.

So hat es auch einmal die SPD gesehen, als sie noch an der Regierung beteiligt war und Mitverantwortung an der Stabilität der Rentenkasse trug. Jetzt versucht sie die Rolle rückwärts, entdeckt ihre soziale Ader wieder und stellt das höhere Rentenalter infrage. Das stärkt nicht unbedingt die Glaubwürdigkeit - und wäre gar nicht nötig, hätte nicht auch die Sozialdemokratie in der Rentendiskussion allein auf das Demografie-Argument gesetzt, das in der Debatte gern wie ein Dogma vor sich her getragen wird.

Es ist an sich zwar richtig, beschreibt aber bei Weitem nicht das gesamte Problem. Denn die Renten zahlen nicht die Jungen für die Alten, sondern Beitragszahler für Beitragsempfänger. Ein weiterer wichtiger Faktor ist dabei die Produktivität. Wächst sie weiter, sind durchaus immer weniger Beschäftigte in der Lage, auch mehr Rentner zu versorgen.

Beitragszahler sind sozialversicherungspflichtige Beschäftigte, und die wiederum - der eigentliche Kern der Misere - sind eine schwindende Spezies. Zuerst wurde in Betrieben und auch Behörden zulasten der Allgemeinheit frühverrentet. Als sich die Erkenntnis Bahn gebrochen hatte, dass sich das aktive Erwerbsleben nicht gesellschaftlich vertretbar auf die beiden Dekaden zwischen 30. und 50. Lebensjahr begrenzen lässt, war es schon zu spät. Wer einmal draußen ist, kommt selten wieder herein - jedenfalls nicht auf sozialversicherungspflichtige Stellen. Zwar sind heute wieder mehr ältere Arbeitnehmer beschäftigt als noch vor zehn Jahren, aber auch bei ihnen geht der Trend zu Teilzeit und Leichtlohn. Ihr Know-how soll durch günstigere Fachkräfte aus dem Ausland ersetzt werden. Und viele Junge müssen sich zunächst mit Praktika und Zeitverträgen über die Runden retten. Sie zahlen kaum ein und haben im Alter auch entsprechend wenig zu erwarten. Viel Geld für private Vorsorge bleibt ihnen auch nicht.

Wer die Rentenproblematik allein auf die Demografie beschränkt, sucht einfache politische Antworten oder Kostenvorteile für die Firma. Für die Sicherheit der gesetzlichen Rentenkasse sind solide Arbeitsplätze wichtiger als ein späteres Renteneintrittsalter oder Fachkräfte aus dem Ausland.