Meinung
Leitartikel

Angst vorm Geschichtsbuch

Foto: Marcelo Hernandez

Warum Angela Merkel so schnell nicht stürzen wird.

Das letzte Mal traf es Gerhard Schröder. Er hatte kaum die Agenda 2010 verkündet, da läuteten Freunde und Gegner gemeinsam kraftvoll das Ende seiner Kanzlerschaft ein. Geblieben ist ihm der Eintrag im Geschichtsbuch, den ebenso wichtigen wie visionären und aus heutiger Sicht erfolgreichen Umbau des Sozialstaates eingeleitet zu haben.

Aber was bliebe von Angela Merkel, wenn sie mit ihrem Sparpaket und ihrem Bundespräsidentenkandidaten Christian Wulff scheiterte und damit Schwarz-Gelb am Ende wäre?

Die Antwort lautet: nichts. Oder jedenfalls: nicht viel. Für einen Machtmenschen wie Merkel ist das ein ebenso furchtbarer Gedanke wie etwa der, womöglich für die Bürger nichts erreicht zu haben. Deshalb sollten sich all diejenigen, die Merkels Sturz schon unmittelbar bevorstehen sehen, an die Zähigkeit erinnern, mit der "Kohls Mädchen" seinen Aufstieg organisiert hat. So jemand fällt auch nach längerem Stolpern nicht gleich hin.

Tut sie es doch, wäre die erste Frau im Kanzleramt nach nur etwas mehr als einer Amtszeit auf ganzer Linie gescheitert. Merkel hätte gute Chancen, als schlechtestes Regierungsoberhaupt in der Geschichte der Bundesrepublik in Erinnerung zu bleiben.

Gleichzeitig würde ausgerechnet die erste ostdeutsche Kanzlerin durch ihr Scheitern der Linkspartei - also den SED-Nachfolgern - in einem rot-rot-grünen Bündnis den Weg an die Macht frei machen. Es geht bei den derzeitigen Auseinandersetzungen deshalb nicht nur um ein ausgewogeneres Sparpaket und eine Personalie im Schloss Bellevue. Es geht vielmehr um die Frage, welchen Weg Deutschland künftig einschlagen wird.

Unterstützung haben dabei diejenigen verdient, die klar sagen: Alle Bürger werden dazu beitragen müssen, Deutschlands Schulden zu bezahlen und Deutschlands Wohlstand auch in Zukunft zu finanzieren. Hartz-IV-Empfänger und Millionäre, Ärmere und Reichere.

Dies gemeinsam anzugehen ist sozial gerecht. Sich dabei gegeneinander auszuspielen, anzuklagen und vorzuführen, wie es derzeit geschieht, ist unfair und verantwortungslos. Jede Regierung, gleich welcher Farbenkombination, muss alle Bürger - auch die des eigenen Lagers - in die Pflicht nehmen. Sonst muss sie weg.