Bewegende ARD-Dokumentation

„Deutschland 9/11“ – wie ein Tag die ganze Welt veränderte

| Lesedauer: 5 Minuten
Matthias Iken
11. September 2001: Der Nordturm des World Trade Centers brennt, da steuert ein zweiter Jet in den Südturm.

11. September 2001: Der Nordturm des World Trade Centers brennt, da steuert ein zweiter Jet in den Südturm.

Foto: epa afp Seth Mcallister / picture-alliance / dpa/dpaweb

Die ARD zeigt eine bewegende Dokumentation über die Terrorattacken des 11. September 2001 und die Folgen – mit einer ärgerlichen Schwäche.

Hamburg. Es kommt nicht alle Tage vor, dass Abendblatt-Mitarbeiter eine tragende Rolle in Fernsehdokumentationen spielen. Bei „Deutschland 9/11“ ist das anders: Polizeireporter André Zand-Vakili ist einer von mehreren Zeitzeugen, die in dem aufwendig recherchierten Film von Jan Peter und Daniel Remsperger zu Wort kommen. Sie erzählen die Tragödie, die sich an einem sonnigen Septembermorgen 2001 in New York und Washington abspielte, aus ihrer eigenen Perspektive.

Zu Wort kommt Katja Bothe aus Linkenheim bei Karlsruhe, die der 11. September zur Witwe gemacht hat. Ihre Tochter Lara feierte an diesem Tag ihren dritten Geburtstag – ihr Vater tröstete sich, dass er ja den nächsten Geburtstag mitfeiern könnte. „Das waren die letzten Sekunden im Leben meines Vaters“, sagt Lara Bothe heute beim Blick auf die Passagiermaschine, die in das World Trade Center fliegt.

Zu Wort kommen in der 90-minütigen Doku Politiker wie Joschka Fischer oder Otto Schily, der damalige „Tagesthemen“-Moderator Ulrich Wickert, der Lufthansa-Pilot Uwe Harter, aber auch viele hochrangige Polizisten aus Hamburg oder der damalige Geheimdienstkoordinator im Kanzleramt, Ernst Uhrlau.

„Deutschland 9/11“ holt Zuschauer zurück zu historischem Tag

Es geht um die Menschen, die der 11. September für ihr Leben geprägt hat: als Angehörige eines Opfers, als Politiker, als Ermittler, aber auch als Soldat oder als Mitglied der afghanischen Gemeinschaft in Deutschland. Minutiös zeichnet der Film das Geschehen des 11. Septembers und der Folgetage ab, aber auch die langfristigen Auswirkungen des Militäreinsatzes in Afghanistan.

Immer wieder – und das ist die Stärke – holt die Doku die Zuschauer in die Welt des 11. Septembers zurück, der wie jeder andere Tag begann und als einzigartiges Datum endete. Ausschnitte aus dem „Morgenmagazin“ vom Tage befremden nicht nur durch die Ästhetik, sondern auch die Themen wie der Respekt vor der Flagge. Probleme, die vor dem 11. September bewegten – in einer anderen Welt.

Kritik am Islam wird vermieden

Etwas Schlagseite bekommt die absolut sehenswerte Reportage nur durch den Islamwissenschaftler Stefan Weidner, der kein Wort über Islam, Islamismus und das Gottesbild der Terroristen verliert, aber viel von Rassismus schwa­droniert und wortreich den US-Einsatz in Afghanistan kritisiert. Er sagt: „Ich bin aus Deutschland geflohen, weil es mir zu eng war, und habe die Weite im Islam gefunden.“ Offenbar hatte man die Angst, sich dem Thema Islam etwas substanzieller zu nähern.

Hier bleibt die Dokumentation, die sonst vielschichtig ist, seltsam unterkomplex. Klar bringt es der damalige Außenminister Joschka Fischer (Grüne) auf den Punkt: „Die USA wurden angegriffen“, der Nato-Bündnisfall war die logische Konsequenz. Gerade Fischer und den damaligen Innenminister Otto Schily (SPD) zeichnet eine beeindruckende Souveränität aus – fast unvermeidlich stellt sich die Frage, wie ihre Nachnachfolger Heiko Maas (SPD) und Horst Seehofer (CSU) solche Herausforderungen gemeistert hätten.

Abendblatt-Reporter kombinierte Adresse der Terroristen

Bewusst nimmt die Dokumentation eine deutsche Perspektive ein – denn ab dem 12. September hat der Terror direkt mit Hamburg zu tun. Über den Springer Auslandsdienst (SAD) geht der Hinweis ein, dass die Attentäter aus Hamburg stammen. Da die Adresse fehlerhaft ist, kombiniert Abendblatt-Polizeireporter Zand-Vakili als Erster die richtige Anschrift. Es beginnt die größte Ermittlungsaktion der Polizeigeschichte inklusive Rasterfahndung.

Die stärksten Passagen hat der Film, wenn er das Hadern zeigt; wenn Uhrlau von der Schande spricht, den Terroristen nicht auf die Schliche gekommen zu sein; oder wenn die Politik räsoniert, dass aus den USA nie ein böses Wort zum Versagen der deutschen Sicherheitsbehörden kam. Gerade das Gespräch zwischen Schily und seiner Tochter Anna, die zum Zeitpunkt der Anschläge in New York als Austauschschülerin lebte, wirkt über den Film hinaus.

Der 11. September lässt die Menschen nicht los. 20 Jahre sind die Anschläge her. Und doch für viele Menschen nie vorbei. Nur schade, dass die Programmmacher einmal mehr aus Angst vor der eigenen Courage, der Macht der Gewohnheit oder unter dem Diktat der Einschaltquoten diese Dokumentation in den späten Abend verschieben: Zur Hauptsendezeit läuft, man glaubt es kaum: die „Eifelpraxis“.

„Deutschland 9/11“ wird am Freitag um 22.15 Uhr in der ARD gezeigt. Der Film wird am Sonnabend, 11. September, um 22 Uhr im NDR wiederholt. Bereits jetzt ist der Film in der ARD-Mediathek.

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