TV-Talker

Markus Lanz: Gäste, Geld, Kinder - was das Netz wissen will

| Lesedauer: 22 Minuten
Thomas Andre und Kaja Weber

Foto: via www.imago-images.de / imago images/APress

Lanz ist aktuell der Gewinner der TV-Talker. Keiner fragt Gäste so direkt wie er - doch was fragt eigentlich das Netz zu Markus Lanz?

Hamburg. Markus Lanz ist aktuell unter den Polit-Talkern der große Gewinner. Seine Sendungen haben Unterhaltungs- und Informationswert. Keiner fragt so direkt und hart wie der Hamburger Moderator. Was ihm einst Kritik einbrachte, ist jetzt sein Erfolgsgeheimnis.

Gleichzeitig ist das „Phänomen Markus Lanz“ ein entscheidender Bestandteil der Meinungsbildung: Talkshows sind eminent wichtige Orte, an denen Politik Öffentlichkeit bekommt. „Markus Lanz“ wird in Hamburg-Bahrenfeld produziert und läuft drei Mal in der Woche im TV.

Das Abendblatt begleitet die TV-Talkshow intensiv – auch mit Antworten auf Fragen, die sich zahlreiche User und Fans im Netz stellen, die aber weit über die aktuellen inhaltlichen Themen von Markus Lanz hinausgehen. Manche User-Fragen, die auf das Geschehen hinter den Kulissen oder auf das Geschehen im Studio zielen, beantworten wir deshalb mit einem Augenzwinkern.

Warum mögen manche Markus Lanz nicht?

Na, ist doch klar: Talkshows sind, je nach Sichtweise, Quasselbuden oder Jahrmarkte der Eitelkeiten. Und die Moderatoren sind doch eh immer die schlimmsten: Im besten Fall keine Selbstdarsteller, aber immer viel zu zaghaft im Nachfragen. Überforderte Dompteure des Polit-Betriebs, die den Dampfdiskutanten nicht rechtzeitig ins Wort fallen. Die nicht verhindern, dass sich die Gäste gegenseitig ins Wort fallen.

Die schlechte Fragen fragen und den Gästen durchgehen lassen, wenn sie in nichtssagenden Antworten antworten. Ja, Talkshows können eine Qual sein. Auch „Markus Lanz“. Die aber ganz besonders, weil deren Namensgeber zwar auch mal zu zaghaft ist, aber meistens eben gerade nicht. Paradoxerweise und logischerweise zugleich hatte Markus Lanz lange deswegen den allerschwersten Stand beim Publikum.

Noch 2019 attestierte ein Kommentator ihm „panische Aggressivität“ beim Befragen seiner Gäste und behauptete: „Dieser Mann dürfte nie eine Talkshow leiten“. Anders als seine Kolleginnen und Kollegen von der Befragerfront gehorcht Markus Lanz nämlich nicht dem Gebot der Zurückhaltung und Distanz.

Markus Lanz springt den Gästen mit seinen Fragen förmlich auf den Schoß, wovon die sich manchmal nur hektisch strampelnd befreien können. Nutzt aber nix. Markus Lanz ist ein Festbeißer. Seine Fragen sind so penetrant wie enervierend, oft auch sprunghaft (das gilt für die gesamte Sendung), und dabei ziemlich oft sehr einfach und nassforsch gestellt.

Er habe die intellektuelle Flughöhe eines Schülerzeitungsredakteurs, sagen Spötter. Und belästige das Publikum außerdem oft genug mit seinen eigenen Meinungen. Zu präsent ist er seinen Kritikern eh: Wahrscheinlich nervt Markus Lanz auch deswegen so, weil er als einziger Talker drei Mal die Woche zu sehen ist.

Aber man sagt bekanntlich auch: Viel Feind‘, viel Ehr‘. Markus Lanz ist längst zur Marke geworden. Seine Quotenerfolge geben ihm allemal recht. Auch dank der Coronakrise und Lanz-Dauergast Karl Lauterbach steigerte sich die Anzahl von im Schnitt 1,5 Millionen Zuschauern pro Ausgabe auf zuletzt 1,8 Millionen.

Warum finden viele Markus Lanz so gut?

Markus Lanz ist anders als seine Kolleginnen und Kollegen. Eh klar. Wer fragt schon so unerschrocken, wer lässt sich sonst noch nicht vom Polit-Sprech meist Berliner Prägung einlullen, wer wird auch mal persönlich und lässt so etwas wie eine Haltung zu den Dingen erkennen?

Außerdem sieht Lanz besser aus als Plasberg: Mit freundlichem Gesicht, das Schwiegersohn-Appeal immerhin vortäuscht, drischt Markus Lanz seine Talk-Zudringlichkeiten raus. Fiese Masche? Nö – so moderiert und fragt man sich telegen durch die Streitthemen des Landes, nützt ja nichts, man muss was aus den Leuten herausbekommen.

Außerdem mixt der Mann, der einst seinen Durchbruch mit einer hemmungslos reißerischen Sendung namens „Explosiv“ hatte, auch besser seine Themen. Denn ein reiner Polit-Talker ist Markus Lanz nicht, obwohl die, die ihn kennen, wissen, dass er schon immer auf die ernsten Themen schielte. Bei Markus Lanz sind auch Menschen mit Schicksalen zu Gast, Menschen mit einem neuen Buch (Obama!), Menschen mit einem neuen Film, also Menschen, die etwas zu promoten haben.

Das Gute ist: Es wirkt so, als habe Markus Lanz die Bücher, um die es geht, sogar gelesen. Sein Interesse an den Gästen nimmt man ihm immer ab. Und übertrieben ehrgeizig kann man als Talker vielleicht gar nicht sein. In einer Talkshow will der Fragende immer das wissen, was der Gast eigentlich nicht preisgeben will. Was in der Regel interessanter ist als das, was er preiszugeben vorhat.

Ist Markus Lanz ein Gewinner im TV?

Auf jeden Fall. Nicht nur sind seine Quoten zuletzt ziemlich gestiegen. Er hat sich auch den Respekt der professionellen Kommentatoren erarbeitet. Die gestehen ihm das in der Tat kaum Übersehbare zu: Bei „Markus Lanz“ werden die politischen Gäste am härtesten rangenommen.

Zuletzt grillte Lanz („Was muss passieren, dass Sie verzichten?“) während der CDU-Spektakel-Tage den Dann-doch-noch-Kanzlerkandidaten und ließ dabei den sichtlich überraschten Armin Laschet ziemlich alt aussehen. Gerade, wenn die ganz Großen da sind, jedenfalls die, die es am meisten ins Rampenlicht drängt, wirkt Markus Lanz wie aufgeputscht.

Nicht etwa durch chemikalische Hilfsmittel, sondern durch die bloße Lust, Debatten allerneuestes Leben einzuhauchen. Lanz ist erkennbar mehr auf Klarheit der Interessen, Strategien, Vorgänge aus als die Talk-Konkurrenz – in pandemischen Zeiten, in denen der gesellschaftliche und individuelle Fokus mehr denn je auf dem Verstehen des Geschehens liegt, trifft er damit einen Nerv.

Gab es wirklich mal eine Petition gegen Markus Lanz?

Gab es: 2014, als die Fernsehnation noch das wahlweise biedere Schnarch-Talken oder den topseriös-gepflegten Polit-Plausch à la Anne Will oder Günther Jauch gewohnt war, befragte Markus Lanz die Linken-Politikerin Sahra Wagenknecht („Das ist sicher keine Sternstunde der Streitkultur gewesen“) so rigoros und in der Tat mindestens grenzwertig in seiner Vehemenz, dass danach Hunderttausende eine Online-Petition unterschrieben.

Das war zu einer Zeit, in der es sowieso normal war, Markus Lanz zu attackieren – auf der Sonnenseite stand der zwischenzeitliche „Wetten, dass..?“-Moderator längst nicht immer. Es war ja auch einfach, ihn zu hassen: Wie andere Ehrgeizlinge (erinnert sich noch jemand daran, dass Lanz’ ZDF-Kollege Johannes B. Kerner früher mal praktisch alle Sendungen wegmoderierte, die es überhaupt gab?) stellte sich Markus Lanz eine Zeitlang vor jede Kamera, die man nicht vor ihm in Sicherheit brachte.

Er war es auch, weil kein anderer wollte, der die einst größte deutsche Show beerdigte. Vielleicht nahmen ihm das die vielen „Wetten, dass..?“-Fans so übel, dass sie ihn fortan für alles, was er tat, geächtet wissen wollten. Fest steht: Markus Lanz ist aus der Imagekrise gestärkt hervorgegangen und hat sich im Laufe der Jahre als Moderator auch einfach verbessert – Luft nach oben ist aber immer.

Ist Markus Lanz eigentlich immer gleich gut?

Ha! Eine Suggestivfrage. Natürlich nicht. Ganz und gar nicht. Wie soll es anders sein bei 130 Sendungen im Jahr? Es gibt schwache Sendungen wie die, in der es um die Kanzlereignung Annalena Baerbocks gehen soll, dann aber doch vor allem (zugeschaltet) Manuela Schwesig den SPD-Kanzlerkandidaten anpreisen darf und Markus Lanz auf völlig überdrehte Weise den Berliner CDU-Chef immer wieder auf die interessante Strategie seiner Partei verweist, ihren Chef durch fortgesetzte Söderei erst zerrupft und dann doch zum Kanzlerkandidaten ernannt zu haben.

Früh ist klar, dass Kai Wegner, der in seiner Heimatstadt gerne Bürgermeister werden will, an diesem Abend den Teflon-Politiker gibt; aber Markus Lanz gibt nicht auf. Dabei hat jeder längst begriffen, wie heuchlerisch oder zumindest zynisch das Geschäft nun mal ist, der das Schauspiel um die Kür des potenziellen Merkel-Nachfolgers nur ansatzweise verfolgte.

Wenn Lanz, der Terrier, sich in den Auftrag, den er sich selbst gegeben hat, verbeißt und unnachahmlich und erfolglos und gefühlt fast geifernd nach jedem Schwachpunkt schnappt, den sich ein Polit-Gast rhetorisch erlaubt, dann wird’s unangenehm.

Nur einen Tag später ist er in Hochform. Auch, weil die Gäste andere sind: Eine thüringische Ärztin berichtet von der Arbeit auf der Intensivstation und davon, dass sie gar keine Zeit hat, die Ego-Blähungen von Spitzenpolitikern zu verfolgen. So ist das bei Markus Lanz: Man kann auch bei der Auswahl des jeweiligen Personals sehen, wie der Abend so laufen wird.

Markus Lanz und Karl Lauterbach – ein Traumduo?

Wenn Markus Lanz mal zurückblickt auf, sagen wir, 2500 Sendungen, wird er mit wehmütigem Lächeln an eine schwierige Zeit 2020/21 denken, die seiner Sendung wiederum einen Schub gab – und in der er einen Stammgast etablierte, der so nur in diesem pandemischen Ausnahmezustand zu einem solchen werden konnte.

Karl Lauterbach, SPD-Gesundheitsexperte, studierter Epidemiologe und wandelnde Corona-Alarmanlage, saß gerade zu Beginn der Krise gefühlt jede zweite Sendung bei Markus Lanz (wer es genau wissen will – 2020 war Lauterbach nicht weniger als 17 Mal bei „Markus Lanz“) und erklärte unermüdlich Zusammenhänge. Eine auch andernorts gepflegte Omnipräsenz, die Lauterbach zu einem bekannten Mann machte.

Und zu einem vielgehassten, weil etliche Geplagte leider eine Frust-Projektionsfläche brauchen. In der Sendung vereinten sich die Informationspflicht, der sich Markus Lanz verpflichtet sieht, und die Autorität der Wissenschaft aufs Vortrefflichste. Wer Einschätzungen zur aktuellen Lage eines Themas wollte, das mehr als alle anderen die Menschen einer ganzen Epoche bewegte, der war (und ist) in der Corona-Zeit in den Talkshows gut aufgehoben. Ein Grund dafür, dass mehr Zuschauer als sonst, auch jüngere, einschalteten.

Warum sind die bei Markus Lanz alle um 23.45 Uhr noch so topfit?

Weil die Sendung in der Regel aufgezeichnet wird. Und zwar einige Stunden vor der Ausstrahlung. Wäre „Markus Lanz“ ein Wettbewerb zwischen der Schwätzrunde vor der Kamera und den Zuschauerinnen und Zuschauern vor dem Fernseher, müsste man von unverschämter Chancenungleichheit sprechen.

Wobei, was heißt wäre; auf gewisse Weise ist es ja so. Denn zur Wahrheit des Phänomens „Talkshow am sehr späten Abend“ gehört ja auch, dass der Unterhaltungs- und Informationswert immer mit der durch die Müdigkeit gesteigerte Langeweile konkurriert.

Immer dasselbe Blabla, Polit-Stanzen, Polit-Theater, Parteienstreit, gähn. Wie unfair, dass diejenigen, die hier ihre gar zu oft vorhersehbare Rhetorik abspulen, das noch im Vollbesitz ihrer Kräfte tun, während wir wehrlosen Zeugen ihres Tuns selbst das Dahinschwinden der eigenen Kräfte nur noch mit Mattigkeit zur Kenntnis nehmen.

Anders ausgedrückt: „Markus Lanz“ ist von Zeit zu Zeit ein prima Schlafmittel. Wegdösen, wenn im Hintergrund die Weltlage erörtert wird: Das ist ein ganz eigenes Statement zu den allgemeinen Aufgeregtheiten.

Warum sind Talkshows, nicht nur die von Markus Lanz, eigentlich so wichtig?

Die spätabendliche Talkshow ist eine Arena des Öffentlichen. Gelebte Demokratie, gelebte Meinungsfreiheit. Ein Austausch der Argumente, Streitgespräche um der Sache Willen, im zivilen Rahmen einer professionellen Runde; eine Veranstaltung, die den Betrachtern bei der Meinungsbildung hilft und zwar auch dann, wenn die manierliche Talkrunde zum anarchischen Hier-darf-niemand-ausreden-Disput wird.

Talkshows sind die Streitbuden der Nation, im optimalen Fall zum Gewinn aller, die sie sich anschauen. Der absolute Ernst, in der sich dort die Gesellschaft mit Politikern und Spezialisten als ihren Repräsentanten austauscht, galt noch nie so drängend und alle angehend wie in der Corona-Krise einem irre relevanten und allumfassenden Thema.

Wer Lanz einschaltet, ist in der puren Gegenwart und in der Hitze des Augenblicks. Kein Wunder, dass die, früh zu Bett gingen, morgens oft als erstes die TV-Kritiken und Talkshow-Zusammenfassungen im Internet lesen – auch auf Abendblatt.de.

Ist „Markus Lanz‘“ der Beweis, dass grundsätzlich alles irgendwie gut wird?

So könnte man das sagen! Nichts klingt banaler und ist doch wahrer: Politik braucht Öffentlichkeit. Der Pluralismus der Meinungen wird jeden Abend aufs Neue zelebriert. Das gilt übrigens auch dann, wenn man wegzappt. Im Zweifel wird auf dem nächsten Sender auch gestritten. Streit ist das Schmiermittel der Demokratie. Es braucht Debatten – eben nicht nur im Bundestag.

Alle Kritik an Talkshows ist trotzdem notwendig. Selbst wenn auf das Einschalten schnell das Aufstöhnen folgt angesichts des Dargebotenen: Die spätabendliche Talkshow ist durch ihre pure Präsenz und Regelmäßigkeit ein Anker im Rauschen des Alltags. Obwohl sie das mediale Gesummse noch verstärken. Keine Talkshow läuft so oft wie die von Markus Lanz. Wenn man einschaltet, ist Markus Lanz da. Als Verteidiger der fruchtbaren Kontroverse.

These: So lange bei Markus Lanz gestritten wird, geht es dem Land noch gut. Erst wenn sich jeder in seinen Filterblasen einrichtet und gar nicht mehr versucht, andere Meinungen auszuhalten, droht der Untergang.

Was muss bei Markus Lanz besser werden?

Es sind immer dieselben Leute eingeladen. Männer häufiger als Frauen. Überhaupt: Von Diversität kann keine Rede sein.

Vorteil Markus Lanz: Dem Hamburger Journalist gelingt es noch am besten, seinen Gesprächspartner die unvermeidlichen Phrasen nicht durchgehen zu lassen.

Was auch stört: Es sind immer dieselben Themen. So drängend das Thema Corona ist, man möchte es nicht jeden Abend vorgekaut bekommen. Schon gar nicht im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, dessen Dreistigkeit ja oft ihresgleichen sucht.

Trotz Gebührengeldern wagen ARD und ZDF zu wenig und schauen zu sehr auf die Quoten. Auch Markus Lanz könnte seine Themen mehr streuen, unbekanntere Gäste einladen, Leute von jenseits der Polit-Blasen. Bürgerinnen und Bürger!

Wer weiß, ob sich das nicht sogar positiv auf die Zahl derer auswirkt, die einschalten. Und wenn nicht: siehe oben. Nicht immer nach der Quote schielen, anspruchsvolles Fernsehen machen.

Warum streichen sich die Herren bei Markus Lanz so gerne über ihre Krawatten?

Polit-Talks sind ein beinah schon zu erwartbarer Forschungsgegenstand für die, die sich für die Psychologie der Körpersprache interessieren. Das Glattstreichen des Binders über der Knopfleiste ist der Klassiker maskuliner Selbstzufriedenheit.

Es folgt einer klaren Logik: Der Griff zur Krawatte bindet sozusagen die rhetorische Einlassung ab, mit der man seinen Punkt klar gemacht, den Gegner in Zugzwang gebracht oder seinen Angriff abgewehrt hat. Wer nach der Krawatte langt, der tut das bewusst oder unbewusst: Bewusst ist natürlich noch toller.

Ostentative Selbstgefälligkeit ist ehrlich und spiegelt die Einsicht, dass es beim Debattieren eben auch um Eitelkeiten geht. Die Selbstdarstellung als eloquenter Allesversteher vor Publikum kann zur Sucht werden. Oder warum gehen manche so gern und so oft zu Lanz, Illner, Maischberger und Co.?

Großartig auch, beim Gastgeber selbst ist das ganz herrlich zu beobachten: Das unausgesprochene „Na, siehste, jetzt sagt der oder die natürlich das, das musste ja kommen“ in Richtung eines Gastes, mit dem man sich im besten Einverständnis befindet. Oder der beifallheischende Blick zum Nebenmann, wenn man schlagfertig und spontan war oder etwas halbwegs Geistreiches ventilierte.

Wenn Markus Lanz sich also mit einem Grinsen – über die eigenen Witze lachen, oje – zu, sagen wir, Grünen-Politiker Cem Özdemir dreht oder in Richtung des Publizisten Wolfram Weimer lacht, auf dessen Analysen man bemerkenswerterweise wirklich immer auch selbst kommt. Vielleicht, weil Manuela Schwesig gerade den Kanzlerkandidaten der SPD über den grünen Klee gelobt hat, sowas aber auch.

Die Kamera sieht alles. Auch, dass es solch eitles Gehabe, Buddygetue und entlarvende Selbstverliebtheit bei wem eigentlich praktisch gar nicht gibt? Genau. Bei weiblichen Talkshowgästen.

Hat sich Markus Lanz wirklich mal Erziehungstipps „live“ im TV geben lassen?

Hat er. Und es war sicher nicht seine schlechteste Sendung, eher im Gegenteil. Als der Kinderarzt und Jugendlichenpsychologe Michael Schulte-Markwort („Die Haltung der Eltern gegenüber den Kindern ist wichtiger als Erziehung“) 2019 zu Gast war und das Publikum über das Wesen von kindlichen Bedürfnissen und Elternliebe aufklärte, mutierte die Sendung zur privaten Beratungsstunde für den dreifachen Vater Markus Lanz.

Der ließ sich, durchaus verunsichert, vom Spezialisten darüber aufklären, warum Kinder sich vorm Zubettgehen wehren und dass man als Vater grundsätzlich auch mal nachgeben muss. Lanz wollte dann auch wissen, was zu tun ist, wenn das Kind sich weigert, Gummistiefel anzuziehen, „obwohl es die Gummistiefel schon tausendmal anhatte“? „Ja, mein Gott“, antwortete Schulte-Markwort, „dann geht es eben ohne Gummistiefel, dann geben sie dem Kind Wechselsocken mit.“

Schulte-Markwort: „Wer sich mit dem Kind in einen Machtkampf begibt, hat verloren.“ Lanz: „Aber wie setze ich mich durch?“, Schulze-Markwort: „Indem sie zutiefst entschlossen sind.“ Lanz: „Aber dann sagt das Kind nein.“ Schulte-Markwort: „Dann bleiben Sie dabei. Bei den Gummistiefeln müssen sie sich nicht durchsetzen.“

Das klingt in all den Ohren derer, die sich für Kindererziehung nicht interessieren, verzichtbar. Aber es war so oder so ein perfektes Beispiel dafür, warum Markus Lanz ein bisschen anders ist als die Konkurrenz: Er wird persönlich. Das schreckliche Wort „authentisch“ trifft es dann halt auch, und Authentizität ist ein Erfolgsfaktor. In diesem Falle ganz besonders. Manche behaupten, Markus Lanz permanentes Einhaken sei nervtötend und schlechter Stil. Ist dieses Markenzeichen gut für einen politischen Journalisten oder nicht?

Markus Lanz - So liefen die letzten Sendungen

Keiner steht so unter Strom wie Markus Lanz. Er will die allzu gediegene Debattierclub-Atmosphäre gar nicht aufkommen lassen. Also feuert er Nachfragen ab, als gäbe es kein Morgen. Nur, um bei seinem Gegenüber irgendwann eine offene Flanke zu erwischen, ihn zu überrumpeln, weichzukochen.

Längst ist klar: Wer als Berliner Politprofi oder Landesfürst zu Lanz geht, der will sich erst recht wappnen gegen die Unbeirrbarkeit des Hamburgers. Entweder, in dem er ihm, wie unlängst Markus Söder, ein Leckerli hinwirft – Söder war politgeschmeidig wie immer, zitierte aber untypisch aus einer Textnachricht Armin Laschets – oder sich eben noch glatter nach allen Seiten abdichtet und das sattsam bekannte Blabla absondert.

Mit dem Resultat, dass der Fragesteller noch heftiger einhakt. Will man ihm das vorwerfen? Markus Lanz ist, zugespitzt gesprochen, das notwendige Übel in der deutschen Talkshowlandschaft: Aber es ist halt nicht immer schön anzuschauen und beste Unterhaltung nur für den, der neben dem ständigen Durcheinanderreden und Übertönen, wie es in Talkshows gang und gäbe ist, auch den Moderator als beunruhigendes Element schätzt.

Lanz hat längst gelernt, sein Talent zum Nerven etwas dosierter einzusetzen. Einen zweiten Fall Wagenknecht gab es nicht. Und selbst die linke Galionsfigur sitzt regelmäßig bei Markus Lanz – so schlimm scheint sie die Sendung von 2014 nicht gefunden haben, als Lanz auf sie losging wie ein endlich von der Kette gelassener Hund.

Darf man sich einen Spaß aus „Markus Lanz“ machen?

Ganz einfach: Man achtet allein auf Körpersprache und Mimik. Zum Beispiel gleich am Anfang, wenn Markus Lanz („Ich freue mich!“) seine meist bei ihm im Studio in Hamburg-Bahrenfeld sitzenden Gäste begrüßt. Kameraschwenk auf deren Gesicht, Kurzvorstellung von Markus Lanz, ihr Bemühen, dabei freundlich, aber vor allem seriös in die Wohnzimmer der Nation zu schauen. Keine leichte Übung!

Professionell sind die Gäste ja in den meisten Fällen. Sie wissen als in der Öffentlichkeit stehende Zeitgenossen, wie man im Rampenlicht auftritt. Keiner oder keine lümmelt in der Garnitur, alle hocken gleich entspannt oder pseudo-entspannt mit Markus Lanz herum, und trotzdem ist jede Sendung das immer wieder neue Schauspiel eines Bemühens um Haltung, was in erster Linie wörtlich zu verstehen ist.

Man möchte nicht tauschen, ist hinsichtlich des Schweißfilms aber bisweilen amüsiert, der sich bei dem einen oder anderen um den tapfer Worte formulierenden Mund legt. Menschen winden sich nicht nur verbal, wenn man ihnen zu Leibe rückt, sie tun es auch körperlich, und weil gerade Politikerinnen und Politiker manchmal zu recht auch Schadenfreude und Gehässigkeit provozieren, gibt es bei Markus Lanz auch einen versteckten Fun-Faktor.

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: TV & Medien