Gastbeitrag

Sigmar Gabriel: „Schicksalsjahre für deutschen Journalismus“

Lesedauer: 6 Minuten
Sigmar Gabriel
Sigmar Gabriel arbeitet heute als Berater und Publizist. Er war knapp acht Jahre lang Bundesvorsitzender der SPD.

Sigmar Gabriel arbeitet heute als Berater und Publizist. Er war knapp acht Jahre lang Bundesvorsitzender der SPD.

Foto: Stefan Boness/Ipon

Der ehemalige SPD-Chef über die Rolle der Medien, regionale Tageszeitungen und deren Beziehung zu den Leserinnen und Lesern.

Hamburg. „Es gibt wohl zwei goldene Regeln, die man als Voraussetzungen für guten Journalismus formulieren kann: Regel Nummer eins stammt von Rudolf Augstein, dem Gründer des ,Spiegel‘. Für ihn hatte der Journalismus vor allem die Aufgabe, zu ,sagen, was ist‘. Und die zweite goldene Regel stammt von Hans-Joachim Friedrichs, dem legendären Journalisten und ,Tagesthemen Moderator‘.

Er erkannte die zunehmende Tendenz im deutschen Journalismus, sich selbst an die Stelle der Politik zu setzen, und warnte deshalb in seinem letzten Interview 1995 seine Kolleginnen und Kollegen mit der Aufforderung: ,Sich nicht gemein (zu) machen mit einer Sache – auch nicht mit einer guten.‘ Vor allem aber, so Friedrichs, sei es nicht Aufgabe, ,die Leute zur Betroffenheit zu animieren. Die sollen selber entscheiden, ob sie betroffen sein wollen oder nicht.‘

Emotionale Beziehung zu den Städten und Gemeinden

Diese Sätze werden gern und oft von vielen Journalisten zitiert, aber insbesondere in der heutigen Geschwindigkeit von Online-Medien längst nicht mehr gleichermaßen gelebt. ...

Jede gute Regionalzeitung braucht eine Beziehung nicht nur zu ihren Leserinnen und Lesern, sondern auch zu dem Raum, in dem sie erscheint. Gute Lokal- und Regionalzeitungen brauchen eine für ihre Leserinnen und Leser spürbare emotionale oder sogar leidenschaftliche Beziehung zu den Städten und Gemeinden, zum kulturellen, wirtschaftlichen, sozialen und auch zum politischen Leben im eigenen Verbreitungsgebiet. Zu wissen, worüber geschrieben und berichtet werden muss, ist das eine. Das andere aber ist, dass Leserinnen und Leser einer Lokal- und Regionalzeitung auch anmerken wollen, dass sie es gut meint mit den Menschen und der Region, in der sie erscheint.

Heimat ist ein hochmoderner Begriff

Das heißt nicht, dass Sachverhalte oder Entwicklungen sozusagen ,schön geschrieben‘ werden sollen – ganz im Gegenteil: Probleme notfalls auch schonungslos zu benennen, Verantwortlichkeiten festzustellen und die unterschiedlichen Möglichkeiten abzubilden, wie Dinge zum Besseren gewendet werden können, ist auch Teil der Zugewandtheit einer Regionalzeitung zu ihrer Heimat.

Heimat übrigens klingt zwar nach letztem oder gar vorletztem Jahrhundert, ist aber in Wahrheit ein hochmoderner Begriff. Denn in einer Welt, die sich scheinbar jeden Tag schneller zu drehen scheint und in der sich beinahe täglich alles ändert, suchen Menschen auch nach Orten, an denen sie sicheren Grund unter den Füßen haben. Dazu gehören lebendige, vielfältige und sichere Städte und Gemeinden, in denen man sich im wahrsten Sinne des Wortes ,beheimatet‘ fühlt. Gut geführte Städte und Gemeinden erzeugen kulturellen und sozialen Zusammenhalt. Schlecht geführte Orte dagegen produzieren verwirrte Köpfe und Seelen.

Dramatische Entwicklung im Zeitungswesen

Der Lokal- und Regionaljournalismus lebt deshalb wegen seiner besonderen Nähe zum Objekt seiner Berichterstattung jeden Tag in einem ganz besonderen Spannungsverhältnis zwischen Zugewandtheit und Distanz, zwischen Verantwortungsbewusstsein für die eigene Region und dem notwendigen kritischen Blick auf die dort existierenden Entscheidungsprozesse, die Entscheider und die denkbaren Alternativen. ...

Gerade im Zeitungswesen ist die Entwicklung dramatisch. Zeitungen werden zugemacht, Redaktionen schrumpfen und werden zusammengelegt. Das Wort von der Pressedämmerung macht die Runde. Seit den 1990er-Jahren hat sich die Auflage der Tageszeitungen in Deutschland halbiert.

Besonders alarmierend: Gerade Regionalzeitungen hat es schwer getroffen. In vielen gerade kleineren Städten dominieren inzwischen Anzeigenblätter und nicht mehr die örtliche Lokal- oder Regionalzeitung.

Vielen Medienhäusern droht derzeit Sturm

Für die deutschen Print-Medien stellt sich längst die Schicksalsfrage nach dem richtigen Geschäftsmodell für das nächste Jahrzehnt. Vielen Medienhäusern droht derzeit Sturm. Denn nach wie vor gelingt nicht ausreichend, mit digitalem Journalismus Geld zu verdienen.

Die Bereitschaft der Online-Leserschaft, für das Produkt zu zahlen, das sie jahrelang umsonst lesen konnten, ist bedenklich gering. Rückblickend war es ein unfassbarer Fehler, Qualitätsprodukte im Netz preisfrei anzubieten – denn kostenlos sind sie ja gerade nicht. Gute Arbeit hat ihren Preis und das gilt eben auch für die intellektuelle Arbeit von Journalistinnen und Journalisten.

Nicht nur ökonomische Grundlagen stehen infrage

Fest steht: Die Zwanzigerjahre werden Schicksalsjahre für den deutschen Journalismus. Denn nicht nur seine ökonomischen Grundlagen stehen infrage, sondern auch die bisher für die Demokratie in Deutschland so erfolgreiche Rolle der Medien. Oftmals sind ,fake news‘ viel schneller, weil Qualitätsjournalismus auf eine Ressource zwingend angewiesen ist: auf Zeit. Zeit zum Recherchieren, Prüfen, Abwägen.

Der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen spricht von einer Entwicklung hin zu einer ,Empörungsdemokratie‘. Der Kampf um die Deutungshoheit ist entsprechend viel brutaler geworden – die Bereitschaft zuzuhören, nachzudenken und den eigenen Standpunkt zu hinterfragen, hat nachgelassen. Das ,große Gespräch‘ innerhalb der Gesellschaft ist immer mehr ein Selbstgespräch und dient vor allem der reflexhaften Selbstvergewisserung – das gilt für Menschenverächter und Tugendwächter gleichermaßen.

Digitale Präsenz weiter ausbauen

Medien und Politik müssen ihre digitale Präsenz weiter ausbauen, kreativ und innovativ sein, neue Formate entwickeln und raus aus der Defensive. Das wird viel Geld kosten, doch ansonsten werden sie für die Mitglieder, Wähler, Leser und Zuschauer der jungen Generationen irrelevant werden. Wir sollten uns umgekehrt jedoch beherrschen, beim ,Ratten-Rennen‘ um die schnellste Meldung gewinnen zu wollen – ob als Politiker/-in oder als Journalist/in. Wir müssen unsere Stärken stärken – Qualität, Sorgfalt, Vertrauenswürdigkeit.“

Diese Rede hielt der ehemalige SPD-Vorsitzende, Vizekanzler, Bundesminister und Regierungschef von Niedersachsen in dieser Woche zur Verabschiedung von Armin Maus als Chefredakteur der „Braunschweiger Zeitung“, die wie das Hamburger Abendblatt zur FUNKE MEDIENGRUPPE gehört. Wir veröffentlichen Sigmar Gabriels Ansprache hier leicht gekürzt. Sie ist mehr als nur eine Festrede – sie ist zugleich eine Auseinandersetzung mit der Bedeutung und Zukunft von Tageszeitungen.