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Die Akte Thomas Middelhoff – ein Fall für zwei

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Einst war er Bertelsmann-Chef. Dann musste er ins Gefängnis. Sein Leben erzählt er hier jetzt im Film von Philipp Westermeyer.

Hamburg.  Thomas Middelhoff hat eine neue Heimat gefunden. Der ehemalige Chef von Bertelsmann und Arcandor ist unbemerkt von der Öffentlichkeit vor Längerem nach Hamburg gezogen. Selten sieht man ihn bei gesellschaftlichen Anlässen, eher schon bei Spaziergängen an der Alster.

Middelhoff ist inzwischen 67 Jahre alt; er hat eine Geschichte zu erzählen, wie sie in der Welt der Wirtschaft, mindestens der deutschen, ziemlich einmalig ist. Und die jetzt in einem Dokumentarfilm gezeigt wird – von jemandem, der in Deutschland vor allem mit seinen Podcasts (zuletzt hatte er VW-Chef Herbert Diess zu Gast) bekannt wurde: OMR-Gründer Philipp Westermeyer hat einen 60 Minuten langen Film über Middelhoff gedreht, er taucht darin selbst als Interviewer auf. Ab heute ist das Werk kostenlos im Internet zu sehen.

Middelhoff traf sie alle: Bill Gates, Steve Jobs, Jeff Bezos ...

Und, um es vorwegzunehmen: Die Doku lohnt sich. Schnell, schonungslos und mit (manchmal übertrieben) dramatischer Musik wird der Aufstieg und Fall von Thomas Middelhoff erzählt, der als Chef von Bertelsmann in den USA die größten der großen Wirtschaftslenker traf: Microsoft-Gründer Bill Gates, Apple-Ikone Steve Jobs, Jeff Bezos von Amazon.

Middelhoff kannte sie alle. Bertelsmann war der größte Medienkonzern der Welt, und der Chef begriff schon Ende des vergangenen Jahrhunderts, wie wichtig die Beteiligung an digitalen Unternehmen wird: Er kaufte für Bertelsmann unter anderem Anteile an AOL, die später für 7,5 Milliarden Euro weiterveräußert wurden – der größte Deal in der Geschichte des Unternehmens, der auch Middelhoff sehr reich machen sollte.

„Ich wollte immer der Beste unter den Managern in Deutschland sein“, sagt er in der OMR-Doku, und dazu gehörte auch, dass er am besten verdiente. Offen spricht er darüber, wie viele Millionen er bekam und was er damit machte: Middelhoff kaufte unter anderem eine riesige Villa in Südfrankreich, „obwohl der Preis weit über dem lag, was ich dafür eigentlich auszugeben bereit war. Aber ich wollte sie unbedingt haben.“

Mutige Fragen von Philipp Westermeyer

An Wochenenden flog er von Deutschland in sein Feriendomizil, „natürlich nur mit Privatmaschinen“. Er sei ein Getriebener gewesen, einer von denen, die bei allem, was sie machten, in Gedanken schon beim nächsten Termin gewesen seien, immer weiter, weiter, weiter. Er habe nahezu alle wichtigen Ereignisse im Leben seiner Kinder verpasst, sagt Thomas Middelhoff, aber das habe er damals gar nicht bemerkt.

Es sind diese Passagen, die die Doku besonders machen: Wenn der ehemalige Top-Manager über sein Leben spricht, ohne irgendetwas zu beschönigen. Und wenn er Fragen von Philipp Westermeyer beantwortet, die sich andere gar nicht zu fragen trauen würden – etwa wenn es um Middelhoffs Jahresgehälter geht und ob die nun bei vier oder doch bei mehr als zehn Millionen Euro gelegen hätten. Sehenswert ist der Film aber vor allem, weil die Macher nicht nur Material aus Middelhoffs glänzenden Zeiten vorliegen hatten, sondern auch aus den Jahren, die er nach seiner Zeit als Arcandor-Chef im Gefängnis verbrachte. Wegen Untreue und Steuerhinterziehung war er zu einer Haftstrafe verurteilt worden, „es ging vor allem um nicht ordnungsgemäß abgerechnete Flüge und eine Festschrift für einen ehemaligen Förderer von mir“, erzählt er Westermeyer.

Westermeyer kennt Middelhoff schon länger

Der Film zeigt, wie Middelhoff mit dem Fahrrad „statt mit dem Fahrer“ zu seiner neuen Arbeitsstelle, einer sozialen Einrichtung, fährt. Und er dokumentiert auch die Freilassung des Häftlings. Westermeyers Fazit: Der Manager Middelhoff ist Geschichte, der Mensch Middelhoff ist noch da – und er wirkt nicht unglücklich mit seinem neuen Leben, in seiner neuen Heimat.

Es bleibt die Frage, wie es zu dem ungewöhnlichen Projekt, wie also jemand, der noch nie eine Dokumentation produziert hat, auf genau diese Idee kam. Westermeyer kennt Middelhoff schon länger, er hatte ihn bereits in seinem OMR-Podcast zu Gast, man traf sich öfter. „Irgendwann habe ich ihn dann mal gefragt, warum sein Leben eigentlich nicht verfilmt worden ist“, sagt der OMR-Gründer. Und Middelhoff habe geantwortet: „Mach‘ du das doch.“

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Gut möglich, dass aus dem Einstieg in diesen Medienbereich für OMR mehr wird: Philipp Westermeyer kann sich vorstellen, die Verbindungen seiner Firma in die Welt der (digitalen) Wirtschaft dafür zu nutzen, weitere Dokumentationen zu drehen: „Da draußen gibt es viele Menschen, deren Geschichten zu meinem Erstaunen noch nicht erzählt worden sind.“

„Middelhoff. Der krasse Fall eines Managers“ Ab heute auf YouTube