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Als "Spiegel"-Chef ist Klaus Brinkbäumer hart am Wind

„Spiegel“-Chefredakteur
Klaus Brinkbäumer am
Hamburger Segelclub an
der Alster, wo er ein Boot
liegen hat

Foto: Andreas Laible / HA

„Spiegel“-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer am Hamburger Segelclub an der Alster, wo er ein Boot liegen hat

Klaus Brinkbäumer muss als "Spiegel"-Chef manch bittere Entscheidung allein treffen, um das Magazin zu reformieren.

Hamburg. Es ist nicht überliefert, dass "Spiegel"-Gründer Rudolf Augstein sonderlich sportlich gewesen wäre. Doch die Chefredakteure, die in den vergangenen Jahren die Geschicke des Nachrichtenmagazins lenkten, waren es fast durch die Bank: Werner Funk steigt auch mit seinen 80 Jahren noch aufs Rennrad. Stefan Aust ist begeisterter Springreiter. Georg Mascolo läuft. Doch Klaus Brinkbäumer ist der erste ehemalige Hochleistungssportler an der Spitze des "Spiegels": Der seit 2015 amtierende Chefredakteur spielte einst in der Volleyball-Bundesliga und in der deutschen Junioren-Nationalmannschaft.

Sportlich ist der heute 50-Jährige nach wie vor. Dieses Jahr wurde er mit der Crew der Yacht "Trivia" des Internet-Investors Wilfried Beeck (Intershop) vor Flensburg Vize-Europameister in der 12mR-Klasse. Die Elbe befährt er mit einem Boot der Laser-Klasse. Und im Yachthafen des Hamburger Segelclubs (HSC) an der Außenalster hat er einen 505er liegen, ein Boot ganz aus Karbon. "Das wird richtig schnell", sagt Brinkbäumer. Seine Augen leuchten. Dem HSC gehört er seit 2011 an. Der Verein auf der Gurlitt-Insel liegt dem Journalisten am Herzen. Wohl auch deshalb hat er als Treffpunkt die Terrasse des HSC-Clubheims vorgeschlagen.

Mit 26 Jahren beendete er Sport-Karriere

Brinkbäumer kommt ein klein wenig zu spät. Er hat die 14,5 Kilometer von seinem Wohnort Blankenese zum Segelclub auf dem Rennrad zurückgelegt und sich dabei in Schweiß geradelt. Deshalb muss er vor dem Gespräch erst einmal unter die Dusche.

Doch dann, im blauen Oberhemd, das Brinkbäumer über der Hose trägt, mit dem über der Brust zusammengeknoteten Pulli steht der Chefredakteur bei Cappuccino und Rhabarbersaftschorle Rede und Antwort. Es stellt sich ziemlich rasch heraus, dass er trotz seines Laser-Boots, in dem er allein segelt, und seiner Leidenschaft fürs Radeln – in der Stadt legt er fast alle Strecken mit dem Rad zurück – Mannschaftssportler geblieben ist. Auf der "Trivia" ist er mit einer 16-Mann-Crew unterwegs. Dort ist Brinkbäumer für das Trimmen des Genua-Segels verantwortlich. "Es ist ein Erlebnis, wenn sich bei Regatten auf einer großen Yacht jeder auf den anderen verlassen kann.", sagt er. "Segeln ist ganz und gar ernsthaft wichtig für mein inneres Gleichgewicht."

Er wollte Fußballer werden

Mannschaftssportarten haben ihn immer schon gereizt. Der Junge aus dem münsterländischen Hiltrup wollte Fußballer werden, am liebsten Nationalspieler. Doch seine Liebe zum runden Leder wurde nicht erwidert. "Beim TuS Hiltrup spielte ich in der E7", erinnert er sich. "Für die erste Mannschaft der E-Jugend oder die E3 oder auch nur die E5 hat es leider nicht gereicht." Dennoch hat der Fußball für ihn nichts an Faszination verloren. Brinkbäumer besitzt nicht nur eine Dauerkarte des FC St. Pauli, er ist auch förderndes Mitglied des Vereins. Als aktiver Sportler aber kam er über den Handball zum Volleyball. Seine Karriere als Hochleistungssportler beendete er 26-jährig. Wenig später, da war er bereits nach Stationen bei der Münchner "Abendzeitung", dem "Berliner Kurier" und dem "Focus" zum "Spiegel" nach Hamburg gewechselt, lernte er segeln.

Allerspätestens an dieser Stelle könnte man mehr oder weniger elegant den Bogen schlagen zum Chefredakteur Brinkbäumer, in dem nicht wenige seiner Redakteure einen "Teamplayer" sehen. Der "Spiegel"-Chef selbst verwendet erstaunlich oft Begriffe wie "Team" und "Teamgedanke", wenn er über seine Arbeit spricht. Und doch behagt Brinkbäumer der Gedanke nicht, er habe auch im Berufsleben reüssiert, weil er in einer Mannschaftssportart als Hochleistungssportler erfolgreich war.

Brinkbäumer steht allein im Führerhäuschen

"Ich bin eher skeptisch, wenn ehemalige Leistungssportler ihre Karriere verklären und dann ihre Erkenntnisse für das spätere wahre Leben überhöhen", sagt er. Gewiss, man könne gerade im Leistungssport einiges lernen: "Ich wollte früher immer angespielt werden, wenn wir im fünften Satz standen und Matchball hatten – oder noch eher, wenn ein Matchball abzuwehren war." Aber trotz seiner Qualitäten musste der Volleyballer Brinkbäumer erkennen, dass das Spiel seiner Mannschaft für den Gegner zu ausrechenbar wird, wenn alle entscheidenden Bälle über ihn gespielt werden.

Vergleichbar mit seiner derzeitigen Aufgabe ist das alles dennoch nicht. Es gibt Entscheidungen, die kann nur der Chefredakteur treffen. Brinkbäumer hat keinen Mitspieler, mit dem er sich die Bälle zuspielen könnte. Zwar gab es beim "Spiegel" häufig Doppelspitzen in der Chefredaktion – von Erich Böhme und Werner Funk über Wolfgang Kaden und Hans Werner Kilz bis zu Georg Mascolo und Mathias Müller von Blumencron. Aber Brinkbäumer steht ganz allein im Führerhäuschen. Er hat auch keinen Herausgeber über sich. "Spiegel"-Gründer Augstein, der diesen Posten sehr aktiv ausübte, ist schon seit knapp 15 Jahren tot.

Seit 1993 ist er in der Redaktion verwurzelt

Natürlich muss sich der Chefredakteur mit Geschäftsführer Thomas Hass und den Gesellschaftern arrangieren – der Mitarbeiter KG, dem Verlag Gruner + Jahr sowie den Erben Augsteins. Aber das ist etwas anderes, wenn auch nicht ohne. Insbesondere die Aus­einandersetzung mit dem Hauptgesellschafter, der Mitarbeiter KG, hat ihre Tücken. Weil Augstein einst seinen Beschäftigten die Hälfte des Verlags schenkte, kann auch noch die heutige Belegschaft dem ranghöchsten Journalisten des Hauses das Leben schwermachen. Brinkbäumers Vorgänger Wolfgang Büchner bekam das zu spüren. Weil er glaubte, ohne – mitunter sogar gegen – die Redaktion das Blatt führen zu können, war nach einem guten Jahr an der Spitze der Chefredaktion Schluss für ihn.

So etwas könnte dem tief in der Redaktion verwurzelten Brinkbäumer, der 1993 als Sportredakteur zum "Spiegel" kam, nicht passieren. Vielleicht hilft ihm dabei dann doch seine Erfahrung als Mannschaftssportler, seine Teamfähigkeit.

Reformen jahrelang verschleppt

Es gibt aber auch Entscheidungen, die er ganz allein treffen muss. Eine der schwersten war vielleicht die Trennung von "Spiegel Online"-Chef Florian Harms Ende vergangenen Jahres. Sie kam für Außenstehende völlig überraschend. Und auch heute mag Brinkbäumer nicht darüber reden. Er ist ja nicht nur Chefredakteur des "Spiegels", sondern auch Herausgeber von "Spiegel Online". Seine wichtigste Aufgabe ist es, den "Spiegel" in die digitale Zukunft zu führen. Und wenn es da jemanden gibt, der nach Ansicht des Chefs nicht mitzieht, muss er sich von ihm eben trennen. So einfach ist das.

Das heißt, eigentlich ist es doch viel schwerer: Auch weil beim "Spiegel" Reformen jahrelang verschleppt wurden, musste Brinkbäumer zusammen mit Geschäftsführer Hass zusammen 2015 ein Sparprogramm verkünden. Rund 130 Stellen wurden gestrichen. Viele Mitarbeiter unterzeichneten Aufhebungsverträge – darunter auch solche, die das Nachrichtenmagazin eigentlich dringend braucht. So wird demnächst Dietmar Hawranek das Blatt verlassen, der dem "Spiegel" gerade erst mit der Aufdeckung von Kartell-Absprachen deutscher Automobilkonzerne einen Riesen-Scoop bescherte. Insgesamt aber gingen die Stellenstreichungen erstaunlich geräuschlos vonstatten.

Mehr Abonnenten des Digital-Angebots gewinnen

Weniger erfolgreich war der "Spiegel" beim Aufbau neuer Objekte, die den Personalabbau begleiten sollten. Die Magazine "Spiegel Classic", ein Blatt für ältere Leser, sowie "Spiegel Fernsehen", eine TV-Zeitschrift neuen Typs, floppten. Nicht schlimm, meint Brinkbäumer. So etwas passiere halt. Beide Titel hätten noch in der Testphase gesteckt. Für ihre Einstellung sei nicht einmal ein Gesellschafterbeschluss erforderlich gewesen.

Viel wichtiger ist in der Tat, was an der digitalen Front passiert. Mitte Mai startete der "Spiegel" mit "Spiegel Daily", eine Art digitale Tageszeitung. Vor einem Monat meldete ein Mediendienst, dass der "Spiegel"-Ableger auf nicht einmal 3000 Abonnenten komme. Brinkbäumer mag die Zahl nicht kommentieren. "Aber selbst wenn sie stimmen sollte", sagt er, "hätten wir damit kein Problem, da wir langfristig planen."

Entscheidend sei das Zusammenspiel der digitalen Angebote seines Hauses. In Kürze will er "Spiegel Daily" enger mit "Spiegel Plus" verzahnen – ein ebenfalls noch recht neues Angebot kostenpflichtiger Artikel auf der ansonsten nach wie vor kostenfreien Site von "Spiegel Online". Sein langfristiges Ziel ist es, die Zahl der Abonnenten von Spiegel Digital zu steigern. Bisher sind es 65.000. Sie haben Zugriff auf alle digitalen Angebote der Marke einschließlich des ePapers.

Eines steht jetzt schon fest. Der Erfolg der Ära Brinkbäumer wird später einmal daran gemessen werden, ob der Chefredakteur und Mannschaftssportler die digitale Transformation des "Spiegels" hinbekommt.

Nächste Woche: Frank Mackerodt,
Beachvolleyball-Pionier

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