Führungswechsel

„Spiegel“-Online-Chefredakteur wird abberufen

Barbara Hans (35) und Florian Harms (43) bei der „20 Jahre Spiegel Online Gala“. Sie übernimmt seinen Job an der Spitze von „Spiegel Online“

Barbara Hans (35) und Florian Harms (43) bei der „20 Jahre Spiegel Online Gala“. Sie übernimmt seinen Job an der Spitze von „Spiegel Online“

Foto: Jürgen Joost

Florian Harms muss gehen, Nachfolgerin wird seine Stellvertreterin Barbara Hans. Aufregung an der Ericusspitze ist groß.

Hamburg.  Die Gerüchte in der bundesweiten (und natürlich Hamburger!) Medienszene wollten schon seit Tagen nicht mehr verstummen. Nun ist es offiziell: Florian Harms, erst seit 2015 an der Spitze von „Spiegel Online“, verliert seinen Chefposten. Auf ihn folgt die bisherige Stellvertreterin Barbara Hans.

Am Dienstagnachmittag verkündete der Verlag in einer Pressemitteilung ohne Nennung von Gründen Harms’ Abberufung sowie die für viele überraschende Nachfolgeregelung. Der bisherige „SpOn“-Chef werde das Unternehmen verlassen, heißt es dort in knappen Worten. „SpOn“-Geschäftsführer Jes­per Doub wurde mit den so warmen wie nichtssagenden Worten zitiert: „Wir sind als führendes journalistisches Angebot im deutschsprachigen Internet hervorragend aufgestellt. Zu dieser starken Position hat Florian Harms in den vergangenen Jahren maßgeblich beigetragen – zuletzt mit einem erfolgreichen Rebrush der Website. Ich danke ihm für sein überaus großes Engagement.“

Die „SpOn“-Mitarbeiter wurden am Dienstag auf einer kurzfristig anberaumten Versammlung über die Personalie Harms informiert.

Die Streitfrage: Reichweite oder Paid Content

Die Aufregung an der Ericusspitze ist dementsprechend groß. Erbittert wurde in den vergangenen Tagen und Wochen um Harms’ Verbleib im Verlag gerungen. „SpOn“-Mitarbeiter in Hamburg und Berlin hatten eine Petition unterzeichnet und sich für eine Fortsetzung der Führung des bisherigen Chefredakteurs starkgemacht. Geholfen hat es nichts, wie sich jetzt zeigt. Auf der anderen Seite soll es beim „Spiegel“ Kritik an Harms’ Führungsstil gegeben haben. So zumindest will es die Medienjournalistin Ulrike Simon gehört haben.

Laut dem Journalistenportal „Meedia“ war Harms vor allem durch seine Haltung zur Bezahlstrategie in die Kritik geraten. Auch der ausbleibende Erfolg in der Kooperation mit dem externen Dienstleister Laterpay soll ihm angekreidet worden sein. Laterpay sieht vor, dass der Nutzer für „Spiegel-Plus“-Artikel im Netz erst dann zahlt, wenn eine Summe von fünf Euro zusammengekommen ist. Nennenswerte Erlöse soll der Verlag damit nicht eingefahren haben.

Machtkämpfe beim „Spiegel“ keine Seltenheit

Die reine Anzahl der „SpOn“-Leser oder die Anzahl der Leser, die für Inhalte auch bezahlen – in der Frage was wichtiger ist, sollen „Spiegel“-Chef Klaus Brinkbäumer und der bisherige Online-Chef (Team Reichweite) höchst unterschiedlicher Meinung gewesen sein. Das Medienportal „Horizont“ will von einem lautstarken Streit im Verlag zwischen Brinkbäumer, Harms und Geschäftsführer Thomas Hass wissen, bei dem es auch um das Thema Bezahlinhalte gegangen sein könnte. Als möglicher neuer Weg, im Netz Geld zu verdienen, wird beim „Spiegel“ angeblich eine Art Abo-Modell diskutiert, das sich an treue „Spiegel“-Leser wendet.

Nun sind Machtkämpfe beim „Spiegel“ wahrlich keine Seltenheit. Noch gut in Erinnerung ist wohl jedem deutschen Journalisten, Medienkenner und Drama-Interessierten die Trennung des Vorgänger-Duos Georg Mascolo und Mathias Müller von Blumencron, der eine Print-Chef, der andere zuständig fürs Digitale. Anders als Mascolo damals verfügt Brinkbäumer über das (vertraglich zugesicherte) letzte Wort, sollte es mit dem „SpOn“-Chef je zu einem unlösbaren Konflikt kommen. Dieses letzte Wort, es scheint nun gesprochen.

Florian Harms twitterte am Dienstag nach seiner Abberufung: „Danke an die fantastische Redaktion von @SPIEGELONLINE & @bento_de! Ihr seid großartig & werdet es immer bleiben. Vermisse euch schon jetzt.“

Die 35 Jahre alte Barbara Hans ist die erste Frau an der Spitze von „Spiegel Online“. Sie volontierte beim „Spiegel“ und wurde 2011 Leiterin des Ressorts Panorama bei „SpOn“. Seit 2014 ist sie stellvertretende Chefredakteurin der Nachrichten-Website.

Hans nicht als Meinungsmacherin bekannt

„Barbara Hans ist eine exzellente Journalistin und wird das publizistische Profil von ,Spiegel Online‘ weiter schärfen“, erklärte „SpOn“-Geschäftsführer Doub. Während manch einer schon vor der Verkündung von Harms’ Abgang von Ambitionen seiner Nachfolgerin sprach, bei Gelegenheit eine Stufe nach oben zu rücken, ist Hans im Haus nicht unbedingt als lautstarke Meinungsmacherin bekannt. Fest steht: „Spiegel Online“ wird sich unter der Führung von Barbara Hans verändern. Wie rasch die neue starke Frau beim Hamburger Nachrichtenmagazin Zeichen setzen wird, wird sich sehr bald zeigen.

Und noch eine Frau steigt auf: Fast zeitgleich zur „Spiegel“-Personalie wurde bekannt, dass Julia Bönisch an die Spitze von „Süddeutsche.de“ rückt.