Film in der ARD

Die starke Frau an der Seite des Reformators

Regisseurin Julia von Heinz (M.) mit ihren Darstellern Ludwig Trepte (Philipp Melanchton), Karoline Schuch (Katharina
von Bora) und Devid Striesow (Martin Luther, v.l.) am Set in Thüringen

Regisseurin Julia von Heinz (M.) mit ihren Darstellern Ludwig Trepte (Philipp Melanchton), Karoline Schuch (Katharina von Bora) und Devid Striesow (Martin Luther, v.l.) am Set in Thüringen

Foto: picture alliance

Regisseurin Julia von Heinzüber ihren Film „Katharina Luther“, der heute in der ARD zu sehen ist, und ihre Kinopläne.

Hamburg.  Schon 2015 arbeiteten Julia von Heinz und Devid Striesow für die Verfilmung des Hape-Kerkeling-Buches „Ich bin dann mal weg“ zusammen. Nun lässt die Regisseurin den Schauspieler den Reformator Martin Luther geben. Im Mittelpunkt ihres Films „Katharina Luther“ steht aber die von Karoline Schuch verkörperte Katharina von Bora. Luther, der sich der Stärken seiner Ehefrau wohl bewusst war, nannte sie übrigens „Herr Käthe“.

Frau von Heinz, ist Ihr Film ein Reformatoren-Homevideo?

Julia von Heinz: Ja.

Mögen Sie Katharina von Bora?

von Heinz: Zu großen Teilen. Ich kann mich mit ihr identifizieren. Ausgehend davon habe ich diesen Film gemacht. Es gibt auch Bereiche, die ich an ihr nicht so schätze. Die sind aber mit dieser Filmhandlung nicht abgedeckt.

Welche wären das?

von Heinz: Von ihr ist ein einziger Brief überliefert. Sie schreibt über Luthers Tod und zeigt sich dabei extrem judenfeindlich. Ich war ganz froh, dass wir mit unserer Filmhandlung nicht in diesen Bereich kommen. Ich fand sie auf eine gewisse Weise hart.

Wie ist in diesem Film das Verhältnis von Fakten zu Fiktion?

von Heinz: Von ihr selbst ist außer dem Brief so gut wie gar nichts bekannt. Aussagen von Frauen hielt man damals einfach nicht für überlieferungswürdig. Es gibt allerdings Briefe von Martin Luther an sie und jede Menge historischer Romane über sie, aber die fantasieren.

Haben Sie einen Emanzipationsfilm gedreht?

von Heinz: Katharina kommt nicht so viel emanzipierter aus dem Film heraus, als sie hineingeht. Wir lernen am Anfang keine völlig unterdrückte Frau kennen. Ich habe sie als eine Frau gesehen, die sehr früh schon sehr selbstbewusst war und Dinge hinterfragte.

Wie sah Ihr optisches Konzept aus?

von Heinz: Wir haben lange daran gefeilt und nichts dem Zufall überlassen. Viele Mittelalterfilme sind oft starr. Weil man alles zeigen möchte, was man so sorgfältig aufgebaut hat, geht man mit der Kamera weit zurück. Das macht das Mittelalter aber nicht fühlbar. Ich finde eher in Gräsern, Schnecken, Faltern, im Schmutz, in der Patina und in der Nähe zum menschlichen Körper haptische Erlebnisse.

Hatten Sie andere Filme als Vorbilder?

von Heinz: „Ein Prophet“ von Jacques Audiard und „Wuthering Heights“ von Andrea Arnold. Die kleben beide ganz nah an den Protagonisten.

Alles andere wirkt schnell museal.

von Heinz: Ich habe immer etwas boshaft gesagt: tschechischer Märchenfilm.

Wie wichtig war Ihnen die Theologie in diesem Film?

von Heinz: Ich bin selbst Atheistin. Deshalb habe ich das niemals im Fokus gehabt. Interessanter waren für mich die gesellschaftliche Umwälzung und die Geschichte einer Frau, die wir 500 Jahre später immer noch beim Namen kennen. Davon gibt es nicht so viele. Mir war auch wichtig, am Denkmal Luther zu rütteln. Er wird gerade auf ein hohes Podest gestellt. Daran mitzumachen hatte ich kein Interesse.

Nach ihrem Tod war Katharina vergessen. Wie kam sie wieder in unser Bewusstsein?

von Heinz: Früher war es so: Männer sind sichtbar, Frauen unsichtbar. Aber es gibt mittlerweile ja auch Historikerinnen. In Wittenberg gibt es eine Ausstellung über Katharina. Den Leuten ist bewusst geworden, wie groß ihr Einfluss war.

Das Thema Luther wird in diesem Jahr auf allen Medienebenen gespielt. Freuen Sie sich, dass Ihr Film relativ vorn dran ist?

von Heinz: Ich könnte mir vorstellen, dass die Leute spätestens im Mai oder Juni nichts mehr davon hören wollen. Deshalb bin ich froh, dass unser Film schon im Februar gesendet wird. Ich bin sogar selbst schon von diesem Überangebot betroffen und habe meine Eltern gebeten, mir nichts mehr über Luther zuzuschicken. Aber die Beschäftigung mit dem Thema macht die Betrachtung des Mannes ja auch differenzierter. Das Buch „Luthers Juden“ von Thomas Kaufmann habe ich beispielsweise gelesen – eine wertvolle Beschäftigung.

Im Film fällt der Satz: „Das sind adelige Damen. Also benehmt euch auch so.“ Ist das eine autobiografische Anspielung?

von Heinz: Es war ein Ansatzpunkt, von dem aus ich mich der Figur nähern konnte. Ich habe über adelige Single-Frauen den Dokumentarfilm „Standesgemäß“ gemacht. Die hat etwas Ähnliches beschäftigt wie Katharina. Soll man den eigenen Status erhalten oder sogar erhöhen? Für Katharina von Bora war es ein gesellschaftlicher Abstieg, bürgerlich zu heiraten. Mit diesem Thema kannte ich mich aus. Dieser Dünkel ist heute nur wenig schwächer als vor 500 Jahren.

Wie geht es Ihrer Kinoleidenschaft?

von Heinz: Mein nächster Film ist wieder fürs Kino. Eigentlich gehört aber auch dieser Film auf die Leinwand und könnte da standhalten. Ich habe in der Qualität meiner Arbeit da nicht kleiner gedacht oder unsorgfältiger gearbeitet.

Worum geht es in dem Kinofilm?

von Heinz: Er spielt im linksradikalen Milieu. Meistens liegt der Fokus ja eher bei den Rechten, da gibt es schon sehr viele Filme. Ich selbst komme aber aus der völlig anderen Ecke. Ich war politisch sehr aktiv, der Film ist stark autobiografisch. Ich habe selbst das Drehbuch geschrieben. Es geht um eine junge Frau, die sich sehr stark radikalisiert. Hauptdarstellerin wird Mala Emde sein.

„Katharina Luther“, Mi, 20.15 Uhr, Das Erste