Legendäre Kiez-Hure

Das Lieben und Leiden der Domenica Niehoff

Markenzeichen Dekolleté: Domenica galt zu ihrer Zeit als meistfotografierte Sexarbeiterin. Die Bilder von Günter Zint sind legendär. Eine NDR-Doku
zeigt nun aber auch unbekanntere Aufnahmen

Markenzeichen Dekolleté: Domenica galt zu ihrer Zeit als meistfotografierte Sexarbeiterin. Die Bilder von Günter Zint sind legendär. Eine NDR-Doku zeigt nun aber auch unbekanntere Aufnahmen

Foto: Zint

In der ersten Folge der neuen NDR-Reihe „Ein Foto erzählt eine Geschichte“ geht es um die ehemals berühmteste Hure St. Paulis.

Hamburg. Keine Hure in Deutschland ist so oft fotografiert worden wie Domenica Niehoff. Und einer, der sie über 30 Jahre mit der Kamera und als Freund begleitet hat, ist der Kiezfotograf Günter Zint. Eins seiner liebsten Bilder zeigt Domenica Anfang der 1980er-Jahre auf dem Sofa in ihrem Wohnzimmer in der Hein-Hoyer-Straße auf St. Pauli. Sie sieht aus wie eine Madonna, findet Zint, „das Bild hab ich heute noch bei mir zu Hause hängen.“ In Domenicas Gesicht ist tatsächlich ein Ausdruck, als trüge sie das Leid der Welt. Der weite Blusenausschnitt zeigt ihre großen Brüste, ihr Markenzeichen. Aber das täuschte, sagt Zint: „Ihr Herz war größer als ihr Busen.“

Mit der Dokumentation „Domenica und die Suche nach Liebe“ beginnt der NDR am Mittwoch eine neue historische Reihe. „Ein Foto erzählt eine Geschichte“ rekonstruiert die Story hinter mehr oder weniger berühmten Bildern, die ein Stück Zeitgeschichte sind. In der ersten Folge geht es um das Leben einer Frau, die fast wie öffentliches Eigentum erschien – als Hure wie auch als Prominente – und sich mit ihrem Markenzeichen auch selbst als Angebot inszenierte. Der Film nimmt aber auch die andere Aussage des Zint-Fotos auf: Domenica war ein Mensch, der sich um andere kümmerte, mit ihnen litt, der viel mehr zu geben bereit war als Erotik.

Erstmals wird aus ihrer Waisenhaus-Akte berichtet

Zum ersten Mal ist ihr bewegtes Leben Thema einer umfassenden Dokumentation. Der Film zeigt viele bisher unbekannte Aufnahmen und persönliche Notizen, die Günter Zint als ihr Nachlassverwalter für das St. Pauli Museum retten konnte. Erstmals wird auch aus Domenicas Waisenhaus-Akte berichtet, die bisher unter Verschluss war. 1945 in Köln geboren, wuchs sie mit zwei Geschwistern in einem Waisenhaus bei Nonnen auf. Als 17-Jährige lernte sie einen älteren Kölner Bordellbesitzer kennen, der ihr ein sorgenfreies Leben mit Partys, Urlauben und Luxus bot.

Er nahm sich das Leben, als durch den Zusammenbruch der Kölner Herstatt-Bank Anfang der 70er-Jahre sein Vermögen verschwand. Mit 27 begann Domenica selbst als Prostituierte zu arbeiten. „Ich bin nicht hineingeschubst worden, ich bin freiwillig gegangen“, sagt sie im Film.

Alle Höhen und Tiefen

Domenica hat in ihrem Beruf alle Höhen und Tiefen erlebt. Jahrelang schaffte sie im Großbordell „Palais d’amour“ an der Reeperbahn für den Hamburger Zuhälter und „Ritze“-Wirt Hanne Kleine an. 1980 hatte sie genug und machte sich in einem Studio in der Herbertstraße selbstständig, laut Wikipedia als Domina. „Ach was“, sagt Günter Zint, „sie hatte da SM-Zubehör hängen, aber sie konnte gar nicht hauen. Wenn ein Freier das verlangte, musste das immer ihre Zofe machen.“ 1991 stieg sie aus dem Geschäft aus und engagierte sich in St. Georg als Streetworkerin, wo sie auch die Beratungsstelle ragazza für drogenabhängige Prostituierte mitbegründete.

Zu Wort kommen viele ehemalige Freunde und Vertraute, die Domenica über Jahre kannten. Man half sich gegenseitig auf dem Kiez. Als sie in eine Wohnung am Fischmarkt zog, legten Freunde für den Einbau eines Badezimmers zusammen.

Sie war beliebt, kein Kind von Traurigkeit. Ihre „raue Herzlichkeit“ war ebenso legendär wie ihre beschädigte Schönheit. Es war die Zeit der Kiez-Kriege, als sich Luden wie Popstars stilisierten und in Banden um ihre Machtpositionen kämpften. Domenica hielt sich davon fern: Sie wollte nie wieder für einen Kerl anschaffen.

Sie war eine Pionierin der Hurenbewegung

In Fernseh-Talkshows war sie dafür immer häufiger zu sehen. Auch Prominente wie Karl Lagerfeld, Achim Reichel, Gloria von Thurn und Taxis oder Vadim Glowna ließen sich gerne mit Domenica fotografieren, Freier schrieben ihr Liebesbriefe. Aber sie notierte: „Wann kommt endlich ein normaler Mensch?“ Die Pionierin der Hurenbewegung fühlte sich oft allein. Sie sei immer „sehr von Stimmungen abhängig“ gewesen, konnte einstecken, aber „manchmal auch unfassbar pöbeln und wuchtig sein“, sagt eine Nachbarin. In dem kleinen Eifeldorf, in dem sie ein Haus geerbt hatte, hielt sie es nicht lange aus. 2007 war sie wieder auf St. Pauli.

Hier starb sie auch, schwer zuckerkrank, am 12. Februar 2009. Als Domenica im „Garten der Frauen“ auf dem Ohlsdorfer Friedhof bestattet wurde, folgten ihrem Sarg Hunderte Menschen, darunter erstaunlich viele Zuhälter. „Ihre ehemalige Zofe hat damals gesagt: Wenn Domenica das gewusst hätte, wäre sie vor Wut aus dem Sarg gesprungen und hätte denen eine geknallt“, erinnert sich Zint.

In der zweiten Folge „Allein unter Männern“ (Freitag, 16. Dezember, 24 Uhr) rekonstruiert die Reihe weitere Foto-Geschichten: Es geht um drei Pionierinnen in einer Männerdomäne – auf See, bei der Polizei und bei der Berufsfeuerwehr.

„Domenica und die Suche nach Liebe“
Mi 14.12., 23 Uhr, NDR

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