TV-Experiment

"Terror": Ist Lars Koch ein Held oder ein Mörder?

Eurofighter-Pilot
Lars Koch (Florian David Fitz, vorne) mit Verteidiger (Lars Eidinger, l.), Staatsanwältin (Martina Gedeck) und Richter (Burghart Klaußner)

Eurofighter-Pilot Lars Koch (Florian David Fitz, vorne) mit Verteidiger (Lars Eidinger, l.), Staatsanwältin (Martina Gedeck) und Richter (Burghart Klaußner)

Foto: Julia Ter

Die ARD verfilmt Ferdinand von Schirachs Theaterstück „Terror“ mit Florian David Fitz und Martina Gedeck. Zuschauer entscheiden mit.

Hamburg. „Demokratie braucht Diskussion“ hat der Autor und Jurist Ferdinand von Schirach über sein Theaterstück „Terror“ gesagt. Die ARD setzt diese Forderung heute in einem bemerkenswerten TV-Experiment um. Sie zeigt die fiktive Gerichtsverhandlung gegen einen Bundeswehrpiloten, der eine Passagiermaschine mit 164 Menschen an Bord abgeschossen hat. Das Flugzeug war in der Gewalt eines Terroristen, der es auf die ebenfalls voll besetzte Allianz Arena in München stürzen lassen wollte. Die ARD, die den Film „Terror“ von Lars Kraume zeitgleich mit dem ORF und dem SRF ausstrahlt, widmet dem Experiment einen ganzen Themenabend. Die Zuschauer sollen mittendrin über Schuld oder Unschuld des Piloten entscheiden.

Pilot Lars Koch (Florian David Fitz) war in einem Teufelskreis gefangen. Hätte er die entführte Maschine weiterfliegen lassen, wären mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit Zehntausende Menschen ums Leben gekommen. Das Flugzeug war nur noch 15 Kilometer vom Stadion entfernt. Er setzte sich in dieser Situation über die Befehle seiner Vorgesetzten hinweg und traf nach seiner Abwägung eine eigene Entscheidung.

Der Film zeigt die Gerichtsverhandlung unter dem Vorsitzenden Richter (Burghart Klaußner). Nach dem Plädoyer der Staatsanwältin (Martina Gedeck) und dem des Verteidigers (Lars Eidinger) können die Zuschauer ihr eigenes Urteil fällen. In der Gerichtsverhandlung geht es um die Motive des Piloten Koch und unter anderem auch um die Frage, ob man die Arena nicht noch hätte räumen lassen können. Ist Koch ein Mörder, oder hat er verantwortungsvoll gehandelt? Die Staatsanwältin fragt ihn, ob er auch geschossen hätte, wenn seine Ehefrau und sein kleiner Sohn in der Maschine gesessen hätten. Im Grunde geht es um diese Fragen: Darf man ein Leben gegen ein anderes aufwiegen? In welchem Verhältnis stehen Gewissen und Gesetz zueinander? Gibt es überhaupt Situationen, in denen es richtig, vernünftig und klug ist, andere Menschen zu töten?

Die Zuschauer werden bei diesem TV-Experiment zu Schöffen. Wichtig ist aber nicht nur, zu welchem Urteil sie gelangen, sondern dass sie sich auch klarmachen, wie sie zu ihrem Urteil kommen. Und ist so ein Plebiszit in diesem Fall überhaupt angemessen? Lars Kraume verzichtet in seinem Film auf visuelle Experimente und verlässt sich ganz auf den dichten Text der Vorlage. Auch die Schauspieler agieren zurückhaltend. Die nüchterne Atmosphäre im Gerichtssaal unterstreicht den Charakter einer Versuchsanordnung.

Im Anschluss an den Film können die Zuschauer abstimmen. Telefonisch unter 0137-102 20 01 für schuldig, 0137- 102 20 02 für unschuldig (oder online unter www.daserste.de/hartaberfair). Danach wird das Urteil gesendet. Frank Plasberg wird den Zuschauern die Modalitäten erläutern. Anschließend zeigt die ARD das Urteil, für das sich die Mehrheit entschieden hat. In „hart aber fair“ diskutiert eine Expertenrunde die Hintergründe des Themas und die Entscheidung. Das sind in diesem Fall der ehemalige Verteidigungsminister Franz-Josef Jung (CDU), der ehemalige Kampfjet-Pilot Thomas Wassmann, Ex-Innenminister Gerhart Baum (FDP) und die Theologin Petra Bahr.

NDR Info hat eine Hörspielversion von „Terror“ aufgenommen. Es sprechen unter anderen Ulrich Noethen, Karoline Eichhorn, Jakob Diehl und Thomas Loibl. Regie führte Ulrich Lampen. Richter, Verteidiger und Staatsanwältin trugen bei der Aufnahme Roben, der Pilot eine Uniform. Das Stück wurde vor Publikum aufgenommen, das sich, wie bei Gericht üblich, erhob, als der Richter (Noethen) den Raum betrat. Gesendet wird das Hörspiel am Sonntag, 13. November, um 21 Uhr auf NDR Info.

„Ich glaube an den gelassenen Geist unserer Verfassung, an ihre souveräne Toleranz und ihr freundliches Menschenbild“, schreibt von Schirach.

„Terror – Die Verhandlung Mo, 20.15 Uhr, ARD „hart aber fair“ – die Abstimmung, 21.40 Uhr „Terror“ – Ihr Urteil, 21.50 Uhr „hart aber fair“ – die Diskussion, 21.55 Uhr „Terror“ So 13.11., 21 Uhr, NDR Info