Interview

„Brief an mein Leben“: Wenn Überforderung krank macht

Mit „Pippi Langstrumpf“ fing alles an: Marie Bäumer sah den Film mit sieben
Jahren im Kino und wollte danach selbst Schauspielerin werden

Mit „Pippi Langstrumpf“ fing alles an: Marie Bäumer sah den Film mit sieben Jahren im Kino und wollte danach selbst Schauspielerin werden

Foto: Jürgen Joost / HA

Marie Bäumer über Dreharbeiten, die Balance zwischen Beruf und Privatleben und die schwierige Suche nach guten Rollen.

Marie Bäumer gehört zu den wenigen deutschen Schauspielerinnen, an deren Gesicht man sich einen ganzen Film lang festhalten kann. Nicht nur aufgrund ihrer wirklich außergewöhnlichen Schönheit (nicht einmal tiefe Augenringe und labberige Jogginganzüge können ihr vor der Kamera etwas anhaben), sondern weil in Bäumers Gesichtsausdrücken, ihren Blicken und dem Zucken der Mundwinkel der gesamte Film auf einer zweiten Ebene noch einmal erzählt wird. In dem Drama „Brief an mein Leben“, der heute im ZDF zu sehen ist, spielt die 46 Jahre alte Hamburgerin (die heute in einem kleinen Dorf in Südfrankreich lebt) die Hauptrolle. Der Film beruht lose auf dem gleichnamigen autobiografischen Roman der Journalistin Miriam Meckel („Wirtschaftswoche“), in dem sie ihren Klinikaufenthalt aufgrund eines Burnouts beschreibt. Während des Interviews malt Marie Bäumer mit Kugelschreiber Affengesichter auf ein Blatt Papier. Sie antwortet mit leichter Verzögerung, aber freundlich und mit einem breiten Lächeln im Gesicht.

Hamburger Abendblatt: Frau Bäumer, die Figur der Toni ist ein widersprüchlicher Charakter; eine Frau, die es anderen Menschen nicht leicht macht. Wie haben Sie sich dieser Figur genähert?

Marie Bäumer: Tonis Persönlichkeit ist tatsächlich sehr weit entfernt von meiner eigenen. Ich verstehe es durchaus, das Leben zu genießen und bin auch eher ein kommunikativer Mensch. Aber ich konnte gut nachvollziehen, warum Toni sich emotional derart weggeschlossen hat. Das hängt mit der Kindheit der Figur zusammen – und ist dementsprechend stark in ihr verwurzelt. Beim Lesen des Drehbuchs hat mir vor allem der lakonische Ton gefallen, die Art, in der Toni auch sprachlich alle Emotionen wegdrückt. Ich hatte dazu gleich eine Melodie im Ohr.

Toni hat einen Zusammenbruch, auch weil sie sich über Jahre zu viel zugemutet hat. Kennen Sie diese Überforderung?

Bäumer : Es gab tatsächlich eine Zeit, in der wusste ich vor lauter Arbeit meinen eigenen Namen nicht mehr. Damals habe ich Oskar Roehlers Film „Der alte Affe Angst“ abgesagt – nur um eine Woche später doch zuzusagen. Ich wollte diesen Film unbedingt drehen. Das führte allerdings dazu, dass ich zwei Filme parallel drehen musste. Im darauffolgenden Jahr sollte ich dann drei Kinofilme bewerben, darunter „Der Schuh des Manitu“; es war der totale Wahnsinn.

Wie halten Sie es heute mit der Balance von Arbeit und Privatleben?

Bäumer : Da achte ich zunehmend auf einen Ausgleich, und neben der Schauspielerei gibt es andere Projekte wie zum Beispiel das Dokumentarfilmprojekt „Zwei im Wilden Westen“ auf Arte und Lesungen, außerdem unterrichte ich an einer Schauspielschule. Ernsthaft planen kann man in meinem Beruf allerdings gar nichts. Das ist die erste Regel, die man als Schauspieler lernen muss. Man muss die Dinge nehmen, wie sie kommen – und darauf hoffen, dass man ein verständnisvolles Umfeld hat.

Ist die Arbeit trotz der Berufserfahrung immer noch kräftezehrend?

Bäumer : Die meisten Dreharbeiten sind anstrengend. Das ist wie Hochleistungssport. Man muss darauf achten, dass man sich währenddessen gut versorgt. Ausreichend Schlaf und regelmäßiges Essen sind wichtig. Ich ziehe mich nach Dreharbeiten gern in mein Haus nach Frankreich zurück. Dort kann ich mit gutem Gewissen die Füße hochlegen und gar nichts tun. Die Arbeit ist dann weit weg. Ich habe zwar Schauspieler und Künstler im Freundeskreis, aber die meisten meiner Freunde haben mit der Branche nichts zu tun.

Überlegen Sie lange, ob sie eine Rolle annehmen?

Bäumer : Beim Lesen eines Drehbuchs weiß ich schnell, ob mir eine Rolle zusagt. In diesem Fall wollte ich unbedingt diese Frau spielen. Es ist ja auch nicht so, dass die tollen, komplexen Frauenrollen für meine Generation überall auf der Straße herumliegen. Die muss man eher mit der Lupe suchen. Das ist hierzulande anders als in Frankreich, wo Frauen immer noch eine Art Heldinnenstatus im Kino haben.

Wann wussten Sie denn, dass Sie Schauspielerin werden wollten?

Bäumer : Als ich sieben Jahre alt war, habe ich in Blankenese im Kino „Pippi Langstrumpf“ geguckt. Das war meine Initialzündung; danach wusste ich, dass ich Schauspielerin werden will. Daran hat sich dann nichts mehr geändert. Als ich mit 27 Jahren meine ersten Interviews gegeben habe, hat mich ein Journalist nach meinem größten Traum gefragt. ,Filmschauspielerin werden’, habe ich geantwortet. ,Aber das sind Sie doch schon’, hat er gesagt. Stimmt, habe ich gedacht. Vor lauter Aufregung war mir das gar nicht bewusst geworden.

„Brief an mein Leben“ Montag, 25.4., 20.15 Uhr, ZDF; Zwei im Wilden Westen“ Dienstag, 26.4., 19.30 Uhr, Arte