Kultur

Sind die Kassen leer, hol' dir einen Investor

Auch der Städtebau in der Türkei, hier
Istanbul, ist Thema

Foto: ARTE

Auch der Städtebau in der Türkei, hier Istanbul, ist Thema

Die Arte-Dokumentation "Wem gehören unsere Städte?" erzählt von dem urbanen Kampf um Raum.

Was geschieht, wenn sich die öffentliche Hand aus der Stadtplanung verabschiedet und privaten Investoren das Feld überlässt?. Als Hamburger hört man den Widerhall der Parolen, der Kritik und Sehnsüchte in diesem sehenswerten Dokumentarfilm besonders laut: "Wem gehören unsere Städte?" heißt er und läuft heute erstmals auf Arte. Eine Reportage von der Front des urbanen Streitens, in der es darum geht, eben jene Frage zu klären, die der Titel stellt.

Was geschieht, wenn sich die öffentliche Hand aus der Stadtplanung verabschiedet und privaten Investoren das Feld überlässt? Sind es nicht antidemokratische Tendenzen, die damit einhergehen, wenn öffentlicher Raum nur noch scheinöffentlich ist, weil er zwar frei zugänglich ist, aber längst privaten Unternehmen gehört? Privaten Unternehmen, die ihre eigenen Sicherheitsdienste einsetzen, die Skateboardern den Zutritt verwehren, aber auch politischen Kundgebungen. "Business Improvement District" (kurz: BID) heißt das Zauberwort der Kommunalverwaltungen. Wo die Kassen chronisch leer sind, werden die Möglichkeiten gerne genutzt, die Verbesserung des öffentlichen Raumes durch private Akteure bezahlen zu lassen. Eine Strategie, die zwiespältig ist, weil sie die Anwohner außen vor lässt – und die in Hamburg mit der "Recht auf Stadt"-Bewegung einen energischen Widerpart bekommen hat.

Die deutsch-französische Produktion beschäftigt sich mit Konzepten und Projekten in London, Paris und Hamburg, wo der schwedische Möbelgigant Ikea dabei helfen soll, Altona aufzuwerten – etwa auch, indem er die Gegend mit Ampelanlagen sponsert.

In "Wem gehören die Städte" kommen die Hamburger Aktivisten zu Wort, aber auch Bezirkschef Andy Grote (SPD). Es treffen die Meinungen derer aufeinander, die das Geld der ökonomischen Elite gerne nehmen, weil mit ihm etwas getan wird, was sonst gar nicht getan wird, und derer, die Wirtschafts- über Anwohnerinteressen gestellt sehen und sich in einem drohenden BID St. Pauli nicht mehr als Bewohner, sondern als Kunden sähen. Der Film ist parteiisch, auch wenn er alle Seiten zu Wort kommen lässt. Schließlich gelangt er von den westlichen Metropolen – mit Londons privat organisierten Bankenvierteln an der Spitze – zu den wuchernden Aufsteigern wie Istanbul, wo der Kampf um Raum zu einer Massenbewegung gegen den autoritären Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdoğan wurde. Auf dem Taksim-Platz ging es aber ursprünglich auch um ein "Recht auf Stadt".

"Wem gehören unsere Städte?"
heute, 21.40 Uhr, Arte

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