TV-Tipp

Priol & Alfons stürmen aus der Tiefgarage ins ZDF

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Hamburgs Puschel-Reporter Emmanuel Peterfalvi (“Alfons“) feiert im Zweiten Premiere neben Urban Priol. Die Kabarettreihe „Ein Fall fürs All“ hat eine ungewöhnliche Entstehungsgeschichte

Hamburg. Aus einer Tiefgarage in Saarbrücken rein in ein Raumschiff und direkt auf einen prominenten Sendeplatz am Dienstagabend im ZDF – diesen Weg legen auch Kabarettisten nicht alle Tage zurück. Urban Priol hatte just seinen Wagen, einen alten Citroen CX, abgestellt, da rief vom anderen Ende der Garage jemand: „Urban, was ist das für ein Auto?“, fragte Emmanuel Peterfalvi, besser bekannt als Alfons, der unbeholfene Reporter mit Puschelmikrofon. „Das ist meines!“, antwortete Priol. „Und er musste sich erst mal daran erinnern, was für schöne Autos die Franzosen früher gebaut haben“, erzählt Priol von der zufälligen Begegnung der komischen Art. Es war der Beginn einer neuen deutsch-französischen Satire-Freundschaft.

„Wir haben in der Garage tatsächlich schon angefangen, etwas zu konzipieren und zu spielen. Wir wurden immer lauter, manche haben auch schon komisch geguckt“, erinnert sich Alfons an das Treffen. „Wahrscheinlich ist das die einzige Sendung, die in einer Tiefgarage geboren worden ist.“

„Ein Fall fürs All“ lautet der Titel der neuen Show. Mit der feiert Urban Priol an diesem Dienstag fast genau ein Jahr nach der letzten Folge der populären ZDF-Sendung „Neues aus der Anstalt“ – eine satirische Sternstunde der deutschen TV-Geschichte – ein Bildschirm-Comeback auf dem angestammten Sendeplatz.

Schon damals stand fest, dass Priol, der das politische Kabarett im Zweiten 2007 nach 27 Jahren Pause zunächst mit dem unvergleichlichen „Patientensssprecher“ Georg Schramm, danach mit dem fränkischen Konsonantenverdreher Erwin Pelzig alias Frank-Markus Barwasser als Partner wiederbelebt hatte, 2014 zurückkehren soll. Gut drei Millionen Zuschauer im Durchschnitt und Marktanteile zwischen 14 und 17 Prozent waren ein zusätzliches Argument.

„Nach sieben Jahren in der Anstalt wollte ich mal etwas über den Tellerrand des rein Deutschen hinaus machen“, sagt Priol jetzt. Ein europäischer Partner, einer mit Migrationshintergrund also, musste her. Einer wie Alfons.

Schon länger hatte Priol Alfons’ Wirken im Fernsehen verfolgt. „Ich habe das immer bewundert, wie er auf seine menschliche, drollig-naive Art Gesprächspartnern Dinge entlockt hat, die ich mit meinem direkteren Zugang so wahrscheinlich nie erfahren hätte“, räumt Priol ein. „Sehr geehrt“, fühlte sich Alfons ob Priols Interesse, „überrascht etwas weniger“, sagt der Franzose, der im Vorjahr gleich zweimal in „Neues aus der Anstalt“ in München zu Gast war.

Anno 2014 zog es Alfons mehrmals zu Priol nach Aschaffenburg. Dort haben der seit 1991 in Hamburg lebende gebürtige Pariser Peterfalvi, als bewusst unbeholfener Trainingsjacken-Trottel Alfons dank Umfragen fürs NDR-Satire-Magazin „extra 3“ bekannt geworden, und die populäre Pointenschleuder aus Unterfranken zusammen etwas Neues erarbeitet.

Statt wie früher auf dem Niendorfer Tibarg und dem Eidelstedter Wochenmarkt Passanten mit Fragen wie „Wer ist fauler: ein Arbeitsloser oder ein Ausländer?“ teils entlarvende Vorurteile als Antworten zu entlocken („Natürlich der Ausländer“), schrieb und probte Peterfalvi mit Priol. Nach zehn Tagen gemeinsamer Arbeit spielten Alfons, der schon vier Soloprogramme auf die Bühne gebracht hat, und der rasante Rampenprofi Priol in dessen Theater im Hofgarten im Februar ein gemeinsames Programm – eine Art Pilot für die TV-Sendung.

Diese wird 2014 noch dreimal, 2015 dann mit voraussichtlich acht Folgen jeweils live in den Münchner Arri-Studios produziert. Von dort wird seit Februar auch die Maßstäbe setzende, weil meist monothematische Kabarettsendung „Die Anstalt“ mit Claus von Wagner und Max Uthoff sowie die satirische Talk-Show „Pelzig hält sich“ live gesendet.

Mit „Ein Fall fürs All“ weitet das ZDF nun seine Kabarett-Offensive am Dienstag nochmals aus. In ihrem deutsch-französischen Raumschiff landen Priol und Alfons monatlich mit jeweils zwei Gästen zur satirischen Stippvisite und sezieren mit Beam-Maschinen sowie Vergangenheits- und Zukunftsmonitoren die aktuelle Politik. Zum Auftakt helfen ihnen der musikalische Querdenker Andreas Rebers und die für ihre pointierte Schauspiel- und Lesekunst bekannte Kleinkunstpreisträgerin Christine Prayon.

„Wir wollen gut und anspruchsvoll unterhalten und das Publikum nicht unterfordern“, sagt Priol. „Kabarett und Science-Fiction zu verbinden, das gab es bisher im Fernsehen so noch nicht“, skizziert Alfons das neue Format. Und während der gemeinsamen Arbeit hat der Franko-Hamburger festgestellt: „Eigentlich bin ich mehr Deutscher als Urban.“ Während er, sagt Peterfalvi, als Alfons gleich gründlich und konzentriert loslegen wollte, habe Priol ganz entspannt eingewandt: „Lass uns erst mal einen Rotwein trinken und langsam machen ...“ Diametral zu ihren Bühnenfiguren.

Dessen ungeachtet wird Alfons außer nach München auch 2015 regelmäßig nach Saarbrücken reisen. Beim Saarländischen Rundfunk produziert er weiterhin seine Sendungen „Alfons & Gäste“ und „Puschel-TV“ fürs dritte SWR-Programm. Die Shows liefen in der ARD bisher nur als Wiederholungen unregelmäßig dienstags nach Mitternacht. Weitere Ironie von Alfons’ erfolgreicher TV-Laufbahn: Seit dem Ausstieg 2007 bei „extra 3“ ist Hamburgs Lieblingsfranzose im NDR nicht mehr zu sehen, obwohl er nur knapp zwei Kilometer vom TV-Gelände in Lokstedt entfernt in Niendorf wohnt.

„Ein Fall fürs All“ Premiere Dienstag, 22.15 Uhr, ZDF live