US-Serien

Selbst „Breaking Bad“ wollte anfangs niemand haben

Lange verloren sich US-Serien im Einheitsbrei. Eine Arte-Doku zeigt, dass Mut zur Radikalität und Vertrauen in unkonventionelle Geschichten abseits des Mainstreams durchaus Erfolg haben kann.

Ein neues Fernsehzeitalter ruft Bryan Cranston aus. Der „Breaking Bad“-Darsteller hat gut reden als Hauptfigur eines Megahits. Doch lange regierte im US-Fernsehen die Mutlosigkeit und die Angst vor dem Unbekannten. In den Führungsetagen der großen amerikanischen TV-Sender saßen und sitzen überwiegend eindimensionale Anzugträger, die lieber auf halbwegs bewährten Einheitsbrei setzen, als mit neuen Geschichten etwas zu wagen. So zumindest sehen es viele der Macher, der neuen Qualitätsserien, die seit einigen Jahren auf den US-Markt drängen. Christoph Dreher begleitet in seiner Dokumentation „It’s more than TV – die neuen US-Serien und ihre Macher“ einige der einflussreichsten Serienschöpfer Amerikas und zeigt den schwierigen Entstehungsprozess komplexer Serien – unter anderem David Simon, der so Serien-Diamanten wie „The Wire“ oder „Treme“ schuf oder „Breaking-Bad“-Mastermind Vince Gilligan, dessen finale fünfte Staffel an diesem Freitag ab 21.45 bei Arte zu sehen ist.

Die Qualitätsdebatte im US-Fernsehen ist hausgemacht. Seit Jahrzehnten dominieren die vier großen Networks NBC, CBS, ABC und Fox den Markt. Diese vier Sender gibt es für jeden Amerikaner kostenlos, für Kabelfernsehen oder Pay-TV sind teilweise hohe Gebühren fällig. Doch die Networks fahren seit langem die inhaltliche Sicherheitsschiene. Die Serien sind immer gleich, jede Sitcom, jede Anwalts-, oder Polizeiserie hat man so ähnlich schon irgendwo anders gesehen. Aus Angst Zuschauer oder Werbekunden zu verprellen schicken die Programmchefs jedes Jahr neue Formate in Serie, die dann auch in Serie scheitern. Es fehlt an Innovation.

Als Vorreiter für unkonventionelle, wenig massentaugliche Serien gilt seit Anfang der 90er-Jahre der Pay-TV-Sender HBO, der wenig bescheiden mit „It’s not TV, it’s HBO“ für sich wirbt. Ende der 80er Jahre wagte der damalige Programmdirektor Chris Albrecht mutige Entscheidungen und ebnete den Weg für spätere Erfolge wie die „Sopranos“ oder „Six Feet Under“ und agierte als Vorreiter für mutige und radikale Ideen. Albrecht prägte den Satz: „Es ist mir egal, ob Charaktere liebenswert sind, solange sie interessant sind“ und ging damit inhaltlich auf Konfrontation mit dem Mainstream, wo es fast ausschließlich glatt polierte Helden ohne Charaktertiefe zu sehen gab. Der Sender hat sich zur Maxime gemacht, seinen Autoren hundertprozentig zu vertrauen und lässt sie ihre Geschichten so erzählen, wie sie es wollen. Mit einer Seriendauer von 50 bis 100 Stunden erinnern die Formate auch eher an lange Romane als an ein kurzweiliges TV-Erlebnis.

Als eine der ersten Qualitätsserien entwickelte Tom Fontana 1997„Oz“, eine poetische wie politische Sozialstudie über den amerikanischen Gefängnisalltag. Im Vorfeld recherchierte Fontana dafür jahrelang in Gefängnissen, um ein möglichst authentisches Bild des Knastlebens abzubilden. Kommerziell war die Serie nie wirklich erfolgreich, bediente sich aber der künstlerischen Freiheit, die das Kabelfernsehen im Gegensatz zum Networkfernsehen bietet. So nutzte Fontana bewusst die drastische Darstellung von Sex, Gewalt und expliziter Sprache, was bis dahin im prüden US-TV völlig ungewohnt war.

Nicht das Massenpublikum steht im Vordergrund, sondern die Geschichte

Fortan entwickelte sich im Kabelfernsehen eine mutigere Einstellung auch schwierigeren Stoffen gegenüber und ihnen auch in trotz schwächerer Quoten weiter zu vertrauen. Bei den großen Networks ist nach dem Start neuer Serien nicht unüblich diese bereits nach ein oder zwei ausgestrahlten Episoden wieder einzustellen, wenn die Quote nicht stimmt. Und so werden vorab immer mehr Serien produziert als eigentlich benötigt werden, nur damit man im Notfall einen Backup in der Schublade hat.

Auch dem Zuschauer wird mittlerweile mehr vertraut und zugetraut. Die neuen Serien verfolgen einen neuen Ansatz Geschichten zu erzählen, die Autoren lassen bewusst Lücken in der Handlung, die der Zuschauer schließen muss und somit aus seinen passiven Sehgewohnheiten gelockt wird.

Wie wichtig Vertrauen in eine Serie sein kann, zeigt der Mega-Hit „Breaking Bad“, der anfangs auch mit schlechten Quoten startete und erst spät zu dem Erfolg wurde, der er heute ist. Der Kabelsender AMC, der bis dahin nur alte Filmklassiker zeigte, wollte ein eigenes Profil schaffen und vertraute mit „Breaking Bad“ einer Serie, mit der Schöpfer Vince Gilligan vorher reihenweise abgeblitzt war. Doch AMC glaubte an die Vision des Machers und wollte TV-Serien kreieren, die sich an ein Kinopublikum wenden. Drehers Doku begleitet die „Breaking Bad“-Autoren im Writers Room und die Produktion am Set und zeigt eindrucksvoll, wie Fernsehen und Film verschmelzen. Das ist bei Produktionskosten von rund drei Millionen Dollar pro Episode auch immer eine Kostenfrage, häufig lohnt sich das Vertrauen aber, eine Serie mit voller Kompromisslosigkeit zu erzählen – nicht mit dem Ziel der Masse oder dem Werbekunden zu gefallen, sondern allein um die Geschichte und ihre Charaktere voranzubringen und weiterzuentwickeln. „Andere Serien zeichnet der Stillstand aus“, sagt Gilligan, der seinen Chemielehrer Walter White vom Sympathieträger zum Monster werden lässt.

Auch Walter-White-Darsteller Bryan Cranston wusste vorab, dass „Breaking Bad“ kein Stoff für die Massen sein würde, dennoch fand die Serie seinen Platz in der Nische und wurde dann spät zum Massenerfolg. „Der Mainstream ist akzeptabel für alle, aber aufregend für niemanden“, sagt Cranston. „Breaking Bad“ habe dafür seinen ganz eigenen Geschmack, „wir machen nun mal kein Vanilleeis.“

„It’s more than TV“, 6. Dezember, 23.15, ARTE