Neues „Tatort”-Duo

Tschirner und Ulmen: Die Ermittler-Inflation hält an

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Karolin Jacquemain

Absagen erhielt die ARD für ihre Krimireihe bislang wenige. Für die meisten Schauspieler ist der „Tatort” zum Karrierebooster geworden.

An diesem Sonntag lösen die Münchner "Tatort"-Kommissare ihren zweiundsechzigsten Fall. Als Udo Wachtveitl und Miroslav Nemec den fiktiven Polizeidienst antraten, war die "Tatort"-Landschaft noch eine überschaubare, Schauspieler wurden erst Kommissar bei Deutschlands beliebtester Krimireihe und anschließend berühmt. Der "Tatort" galt als Job auf Lebenszeit, die Haare der Ermittler wurden mit denen der Zuschauer zusammen grauer.

Heute fällt einem kein halbwegs bekannter Darsteller ein, der nicht schon "Tatort"-Ermittler war, ist oder vielleicht bald sein wird. Und hatte man gerade angefangen, sich an einen Kommissar zu gewöhnen, etwa an Mehmet Kurtulus als melancholischen Undercoveragenten, drehte er dem Sonntagskrimi schon wieder den Rücken. Ulrich Tukur schickte seine Figur mit einem Tumor angeschlagen ins Rennen, um sich einen vorzeitigen Abgang vorzubehalten. Nina Kunzendorf verlässt den Frankfurter "Tatort" nach nur drei Folgen aus bislang unbekannten Gründen. Der "Tatort" ist zum Karrierebooster geworden, zum öffentlich-rechtlichen Zwischenstopp, bei dem es bis zu zehn Millionen Zuschauer abzugreifen gibt.

Die Neuzugänge im üppigen "Tatort"-Rudel, das immer mehr an die stetig wachsende Raupe Nimmersatt erinnert, heißen Nora Tschirner und Christian Ulmen. Einmal jährlich sollen die beiden "Superstars" (MDR-Fernsehchef Wolf-Dieter Jacobi) im thüringischen Weimar ermitteln, in einem sogenannten Weihnachtskrimi, der 2013 ausgestrahlt wird.

Grund zum Jubeln, eigentlich. Nora Tschirner, eine der tollsten Frauen im deutschen Kino, berühmt geworden an Til Schweigers Seite im "Keinohrhasen"-Erfolg, ist nun auch regelmäßig im Fernsehen zu sehen, noch dazu mit Ulmen, der selbst lahme Drehbuchsätze in Pointen verwandeln kann. Stattdessen ist der erste Gedanke: Die also auch. Von Blödel-Ikone Otto einmal abgesehen, dem man einst vergeblich die "Tatort"-Dienstmarke angeboten haben soll, dürften Schauspieler wie Armin Rohde und Barbara Auer zu den wenigen gehören, die der ARD eine Absage für die Sonntagsschicht zur besten Sendezeit erteilten. Auch Christoph Maria Herbst erklärte in einem Interview sein Desinteresse an einer "Tatort"-Rolle: "Nur um den 20. verkappt schwulen Kommissar zu spielen, der zu Hause den Spinat aufwärmen muss, bevor seine reaktionäre Scheinfreundin ihm die Hölle heißmacht?" Auch an Schauspielerin Anna Loos hatte der MDR angeblich Interesse, selbst Kinogrößen wie Jürgen Vogel sollen schon Gespräche über den ARD-Krimi geführt haben. Bleibt die Frage: Tut diese Ermittler-Inflation der Marke "Tatort" wirklich gut? Ist der Trend zum Zweit- und Drittkrimi bei jeder Anstalt nur noch internes Gerangel um die meisten Schlagzeilen oder tatsächlich im Dienste der Zuschauer?

Die besten deutschen Schauspieler zum "Tatort" zu locken - dagegen ist überhaupt nichts zu sagen. Wotan Wilke Möhring, der kommendes Jahr erstmals in Hamburg ermittelt, und der neue Kommissar in Saarbrücken, Devid Striesow, sind Beispiele für gelungene Neubesetzungen, die sich bei der Ausstrahlung noch bewähren müssen. Nur könnte man in der ARD darüber nachdenken, ob eine föderale Struktur tatsächlich bedeutet, dass jede Kreisstadt, jeder größere See, jedes Mittelgebirge auf einen eigenen "Tatort" pocht. Der Witz, bald werde ein "Tatort - Prenzlauer Berg" mit Heike Makatsch gedreht, könnte schneller Realität werden, als man "Rundfunk Berlin-Brandenburg" sagen kann.

Der MDR präsentiert das neue Ermittlerteam von vornherein nicht als neue Stammbesetzung, sondern als Gastgespann. Ob es nach dem Weihnachtsevent noch weitere Einsätze für Tschirner und Ulmen geben wird, ist offen. Als relativ sicher dagegen gilt, dass sich die Tonart an der schwarzhumorigen Färbung der Münsteraner "Tatorte" orientieren wird. Krimi light mit schrägen Figuren und Kabbeleien, zugeschnitten auf ein junges Publikum, so dürfte das Konzept lauten.

Die dienstältesten Kommissare aus München haben übrigens lange nicht mehr für Schlagzeilen gesorgt. Dafür lösen sie an diesem Sonntag wieder einmal einen richtig guten Fall.