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EcoMedia: Die Sendung mit dem Mauss

Der Hamburger Produzent Stephan Lamby hat mit politischen Dokumentationen Fernsehgeschichte geschrieben.

Die Erfolgsgeschichte der TV-Produktionsgesellschaft EcoMedia ist unorthodox, denn sie zeigt, wie man auch heute noch mit sorgfältig recherchierter und geschickt aufbereiteter Hintergrundberichterstattung Interesse wecken kann. Es sind Dokumentationen wie "Helmut Kohl. Ein deutscher Kanzler", "Schlachtfeld Politik" und "Der Domino-Effekt. Kippt der Euro?", die EcoMedia zu einem Markenzeichen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen gemacht haben - belegt durch Auszeichnungen, positive Kritiken und nicht zuletzt gute Quoten.

Stephan Lamby hat die kleine Produktionsgesellschaft vor 15 Jahren gegründet - "aus einem biografischen Zufall heraus", sagt der Autor, Regisseur und Produzent, der auch Geschäftsführer der Firma ist, die heute neun fest angestellte Mitarbeiter hat und auf ein Team von 20 bis 25 freien Spezialisten zurückgreifen kann. Um nicht von der Familie getrennt leben zu müssen, verzichtete er damals darauf, als Redaktionsleiter mit dem "Zeit"-TV-Magazin nach Berlin umzuziehen. EcoMedia startete mit einem Auftrag, dem Greenpeace TV auf RTL, das nach der ersten Staffel eingestellt wurde. "Danach hatten wir ein bisschen Geld, aber nichts zu tun. Wir entschieden, künftig Dokumentationen zu drehen, ohne damit Erfahrungen zu haben", erzählt Lamby.

Dank seiner Hartnäckigkeit als Reporter gelang ihm für seinen Erstling ein Coup: Er überredete den Top-Agenten Werner Mauss, der damals in Kolumbien inhaftiert war, seine Geschichte zu erzählen. Durch diesen Film, der erstmals das Phantom Mauss vor der Kamera zeigte, wurde die ARD auf Lamby und Partner aufmerksam - EcoMedia war im Geschäft. Den entscheidenden nächsten großen Schritt machte Lamby im Jahr 2003/2004 mit seinem Helmut-Kohl-Porträt. Er gewann das Vertrauen des Altkanzlers, versorgte ihn bei seinen vier Hausbesuchen in Oggersheim mit Häppchen und brachte Kohl dazu, sich überraschend freimütig zu äußern. Der Zweiteiler wurde zum Fernsehereignis und zum Türöffner. Angela Merkel und Joschka Fischer waren danach bereit, sich von Lamby porträtieren zu lassen, obwohl sie ohne Einspruchsrecht auf das Ergebnis waren. "Das ist eine Sache des Vertrauens. Wir machen keine Filme, in denen Leute vorgeführt werden. Es geht uns darum, Politik zu verstehen, indem wir hinter die Kulissen blicken", sagt Stephan Lamby, Jahrgang 1959.

Dass die Gesprächspartner meist mehr preisgeben, als sie wollen, führt Lamby auf die besonderen Gesprächsbedingungen zurück, die EcoMedia pflegt: "Politiker haben gelernt, sich zu kontrollieren. In mehrstündigen Interviews aber werden sie irgendwann müde und dann fallen solche Sätze, die wir gebrauchen können, aber nicht missbrauchen. Der Gesprächspartner weiß, dass er fair behandelt wird."

Zweites Erfolgsgeheimnis ist der Umgang mit dem Material. "Wir schneiden alles selbst und verbringen damit viel Zeit. Bei kontroversen Themen pflegen wir eine quasi literarische Montagetechnik, die widersprüchliche Äußerungen verschiedener Akteure gegeneinanderstellt. Der Zuschauer bekommt das Gefühl, einen anderen Blick auf Ereignisse zu bekommen, die er kennt", erzählt Lamby und fügt hinzu, dass es wichtig sei, sich Zeit zu nehmen. "Elektronische Medien sind enorm schnell, ebenso ihre Rezeption. Wir machen bei unseren größer angelegten Filmen das Gegenteil und entziehen uns für zwei, drei Jahre der schnellen Nachricht und folgen den Akteuren."

Lamby ist überzeugt, dass diese Arbeitsweise gerade in der gegenwärtigen Krise einen Mehrwert bietet. "Unsere Branche hat vor lauter Nachrichten Entwicklungen wie die Parallelwelt der Investmentbanker viel zu spät erkannt", sagt er. "Ich behaupte, Dokumentaristen können sich darauf besser einstellen, weil sie Antennen für solche Strömungen entwickeln."

Als Beleg für diese Kompetenz nimmt er die auffällig guten Quoten, vor allem die vom kürzlich gesendeten "Euro-Schwindel", einem von acht EcoMedia-Filmen zur Finanz- und Euro-Krise in den vergangenen drei Jahren. "Man könnte sagen, dass wir zu den Gewinnern der Krise zählen", sagt Lamby und grinst. "Sicher ist, dass die Zeiten politischer werden. Die Menschen machen sich mehr Gedanken über Politik und Wirtschaft - deshalb brauchen Dokumentationen gute Sendeplätze."

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