TV-Doku

Das Erste auf der Spur des Euro- und der Euro-Krise

| Lesedauer: 4 Minuten
Karin Franzke

Die Folgen für den Euro waren damals nicht absehbar: Die Hamburger TV-Doku "Der große Euro-Schwindel" schaut hinter die Kulissen.

Hamburg. Hinterher ist man immer schlauer. Aber keiner von den damals verantwortlichen Politikern kann heute sagen, er hätte die Folgen nicht abschätzen können. Die Folgen für den Euro, die Währungsunion, für Europas historisches Gemeinschaftsprojekt. Und warum der Euro, warum Europa jetzt in der Krise steckt. Welche Fehlentscheidungen bereits bei der Vorbereitung der europäischen Einheitswährung getroffen wurden, das zeigt die aufklärende ARD-Dokumentation "Der große Euro-Schwindel".

Der Hamburger TV-Journalist Michael Wech wollte die Entstehungsgeschichte des Euro dokumentieren - und stieß bei seinen umfangreichen Recherchen auf Tricksereien, Missverständnisse und Kompromisse, auf Ausnahmeregelungen und Absprachen in sogenannten Eckengesprächen. Es geht um Einfluss und Macht, um nationale Identitäten und politische Niederlagen. Der Untertitel seiner 45-minütigen Sendung: "Wenn jeder jeden täuscht".

Der Film beginnt mit einer Wette des damaligen griechischen Finanzministers Yannos Papantoniou mit seinem deutschen Amtskollegen Theo Waigel (CSU) im Frühjahr 1996. Beim EU-Treffen bestand der Grieche auf griechische Buchstaben auf den Euro-Scheinen. Waigel antwortete kühl: "Ihr seid nicht dabei, und ihr werdet nicht dabei sein." Von wegen. Seit 2001 ist der Hellenenstaat offiziell dabei. Dass er die Eintrittskriterien in die Währungsunion nicht hätte schaffen können - das Haushaltsdefizit darf drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) nicht überschreiten, die Gesamtschulden dürfen nicht mehr als 60 Prozent des BIP betragen - störte nicht weiter. Das griechische Statistikamt hatte die Zahlen frisiert und den eigenen Staat gesundgerechnet. Wozu gibt es "kreative" Banker? Hier kommt Antigone "Adi" Loudiadis vom weltweit agierenden Geldinstitut Goldman Sachs ins Spiel. Sie schlug unter anderem vor, die Schulden in die Zukunft zu verlagern - und schon hatte man wieder ein Plus auf den Staatskonten. Kontrolliert wurden die Angaben nicht, das war nicht vorgesehen im europäischen Reglement.

Von Goldman Sachs war niemand zu einem Interview mit Michael Wech bereit, der es dennoch auf immerhin 16 Gesprächspartner brachte. Obwohl auch sie rückblickend nicht immer eine tolle Figur abgaben: Neben Waigel und Papantoniou waren das der Ex-Bundesfinanzminister Hans Eichel (SPD), der aktuelle Amtsinhaber Wolfgang Schäuble (CDU), der einstige Chefökonom der Europäischen Zentralbank, Otmar Issing, der frühere Bundesbank-Chef Hans Tietmeyer sowie der langjährige Chef der Euro-Gruppe, Jean-Claude Juncker aus Luxemburg.

Sie erinnern daran, dass nicht nur Griechenland trickste und täuschte. Juncker ist es, der seelenruhig sagt, dass Deutschland auch in der Nach-Schröder-Ära die Regeln nicht immer respektiert habe: "Warum sagt man das nie? Ich bin ja nicht hier, um SPD-Propaganda zu machen, aber bitte ...."

Dass diese einflussreichen Herren ihre sonst oft zur Schau getragene Verschlossenheit aufgaben, hat viel mit vertrauensbildenden Maßnahmen zu tun, es wurden Vorgespräche geführt - und es musste Respekt da sein vor der Herangehensweise des Journalisten. Wech arbeitet überwiegend mit der Hamburger Produktionsfirma Eco Media zusammen, die sich mit dieser Art von Dokumentationen ein Renommee erworben und viele Preise gesammelt hat. Zuletzt für die Produktion "Der Domino-Effekt. Kippt der Euro?", auf die "Der große Euro-Schwindel" aufbaut. Wech und Eco-Media-Gründer Stephan Lamby haben dafür von Juli bis Dezember 2011 die Manager der Schuldenkrise beobachtet. Im Januar wurde der Film auf Arte gezeigt, am Donnerstag wurden die Filmemacher mit dem Deutsch-Französischen Journalistenpreis ausgezeichnet.

Wie geht's mit dem Euro also weiter? Ein Fiskalpakt soll die Währung retten, mit Schuldenbremsen und Sanktionen. Schließt das künftige Tricksereien aus? Wenn Menschen am Werk sind? Das glaubt selbst Schäuble nicht. Juncker fasst die Ziele zusammen: Im neuen Vertrag stehe, dass man nicht mehr ausgeben dürfe, als man eingenommen hat. "Dafür brauche ich keinen Vertrag, das hat meine Mutter mir schon beigebracht." Man hätte es also wissen können.

"Der große Euro-Schwindel. Wenn jeder jeden täuscht" Montag 2.7., 22.45, ARD