ARD, 22 Uhr

"Polizeiruf" im Spätprogramm: Der Terror und der Kommissar

Foto: BR/Bella Halben

Heute sendet das Erste den großartigen "Polizeiruf 110". Aus Gründen des Jugendschutzes verbannte ihn der Fernsehdirektor von der besten Sendezeit.

Hamburg. Es dauert keine fünf Minuten, da klebt schon reichlich Gehirnmasse an der Zimmerwand, hinterlässt eine Blutspur Richtung Boden, bis sie schließlich mit einem merkwürdigen Geräusch auf den Teppich des Verhörraumes im Münchner Polizeipräsidium fällt. Ein blutiger Start in den zweiten Fall von Hauptkommissar Hanns von Meuffel, gespielt von Matthias Brandt. Der Neue hatte gerade einen Kinderschänder überführt, als dieser sich kurz vor Feierabend vor seinen Augen erschießt. Eine Katastrophe - aber es soll noch viel schlimmer kommen.

Das ist er also, der "Polizeiruf 110", der zu hart ist für den Sonntagabend. Hans Steinbichlers "Denn sie wissen nicht, was sie tun" wurde aus Gründen des Jugendschutzes durch den BR-Fernsehdirektor Gerhard Fuchs vom Primetime-Sendeplatz verbannt. Wenige Tage nach dem Attentat auf der norwegischen Ferieninsel Utøya fiel die Entscheidung, den Film erst ab 22 Uhr zu zeigen und am heutigen Freitag.

Aber es ist nicht die Hirnmasse des Pädophilen, die eine türkische Putzfrau wenig später von der Raufasertapete kratzt, das in München für so viel Aufregung gesorgt hat. Sondern das, was sich nach dieser Eröffnungsszene abspielt. Bombenalarm in München: Das neue Ermittlerteam, von Meuffel und Anna Burnhauser (Anna Maria Sturm), macht sich auf den Weg zu einem Fußballspiel in der Allianz-Arena. Ein Mädchen hatte zuvor in der U-Bahn einen Verdächtigen gesehen, in dessen Rucksack sich eine Bombe befinden soll. Von Meuffel ist alarmiert, doch bei dem behäbigen Polizeiapparat dauert es.

+++ Matthias Brandt, das einmalige Dutzend-Gesicht +++

In einem Fußgängertunnel geht die Bombe hoch - der erste Al-Qaida-Anschlag auf deutschem Boden? - und ab diesem Moment spielt sich fast alles im Schreckensszenario der Unterführung ab. Schreie, Rauch, blutüberströmte Verletzte, Leichenteile, ein Kinderfahrrad liegt auf dem Boden, die Handys der Toten klingeln unentwegt. Von Meuffel und seine Kollegin bleiben fast unverletzt. Eine Hand greift nach dem Arm des Kommissars. Ein junger Mann (Sebastian Urzendowski) ringt, unter Betonplatten begraben, mit dem Tod. Während Politik und Polizei sich draußen in Kompetenzgerangel und Machtkämpfen verstricken, bleibt von Meuffel beim Sterbenden.

Für Sabine Mader, die Jugendschutzbeauftragte des BR, waren es vor allem die Vielzahl der "schrecklichen Bilder nach einem Selbstmordattentat" und die "durchgängig gehaltene Spannung", die sie vor dem Krimi warnen ließ. Für Kinder unter 16 Jahren gebe es zu wenig entspannende Momente. Tatsächlich sind die radikalen Bilder nicht ohne: die Enge des Tunnels, die Schreie der Verschütteten. Es kommen Erinnerungen hoch. An Bilder der Loveparade , vom 11. September oder von dem Olympia-Attentat von 1972.

Verglichen mit vielen anderen Krimis, die bei den Öffentlich-Rechtlichen um 20.15 Uhr gezeigt werden, ist nicht nachzuvollziehen, warum gerade Steinbichlers Film der Verschiebung unterliegt. Ja, er ist düster und grausam - aber ab 16? Irritierend war vor allem der Punkt in Maders "Empfehlung", dass das im "Polizeiruf" dargestellte Staatsversagen Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren in ihrer Entwicklung beeinträchtigen könne. Die "Hilflosigkeit des Staates" als Jugendschutzkriterium?

Etwas Gutes hat die Aufregung: Über keinen "Polizeiruf" ist im Vorfeld wohl derart diskutiert worden. Etwas Extra-PR für einen Film, der es verdient hat. Er sticht heraus aus einer Fülle schlechter, mutloser Sonntagabend-Krimis, die aufgrund ihrer Vorhersehbarkeit eher eine Verbannung aus der Primetime verdient hätten als diese kompromisslose Verfilmung. Denn Steinbichlers Thriller über einen jungen Fanatiker ist brutal gut.

Die Kameraführung von Bella Halben durch das verstaubte Inferno ist verstörend beeindruckend und beklemmend, ebenso der stilistische Kontrast zwischen der außer Kontrolle geratenen Außenwelt und den nahezu besinnlichen, tiefgründigen Szenen im Tunnel, die den "Polizeiruf" über weite Strecken zum tragischen Zwei-Personen-Kammerspiel machen. Völlig fern von Pathos sind es die größten Momente, wenn von Meuffel und der Sterbende in brillanten Dialogen über den Tod sprechen und das, was wirklich wichtig ist im Leben. Matthias Brandt als lakonischer, verstörter Ermittler, der den Glauben an das Gute im Menschen verloren zu haben scheint und dann doch als Einziger in der staubigen Hölle die Menschlichkeit hochhält, spielt preisverdächtig.

Man muss lange überlegen, ob man schon einmal einen so gelungenen "Polizeiruf" gesehen hat. Vermutlich nicht.