Theaterkritik

„Liebeslügen“ auf der Bühne: Wenn Frauen zu viel reden

Die Schauspielerinnen Jasmin Wagner (von links) als „Birgit“, Caroline Kiesewetter als „Julia“ und Anke Fiedler als „Nathalie“ spielen in „Liebeslügen oder Treue ist auch keine Lösung“ von Ildikó von Kürthy im Ernst Deutsch Theater statt

Die Schauspielerinnen Jasmin Wagner (von links) als „Birgit“, Caroline Kiesewetter als „Julia“ und Anke Fiedler als „Nathalie“ spielen in „Liebeslügen oder Treue ist auch keine Lösung“ von Ildikó von Kürthy im Ernst Deutsch Theater statt

Foto: Markus Scholz / dpa

Premiere im Ernst Deutsch Theater: Ildikó von Kürthys „Liebeslügen oder Treue ist auch keine Lösung“ bleibt belangloses Geplauder.

Hamburg.  Die wird bundesweit für Romane wie „Herzsprung“ oder „Endlich!“ gefeiert, in denen sie frustrierten, gedemütigten Frauen in dysfunktionalen Beziehungen nachspürt. Das tut sie in der Regel Ironie befreit, auf Kosten der Männer, aber durchaus pointensicher.

Viel Geschnatter ergibt noch keine gute Komödie

Dank dieser bewährten Zutaten funktioniert zumindest der Einstieg ihrer ersten Komödie fürs Theater, „Liebeslügen oder Treue ist auch keine Lösung“, die Regisseur Andreas Kaufmann jetzt im Ernst Deutsch Theater uraufführte. Für die Länge des Abends zeigt sich allerdings: Viel weibliches Geschnatter um triebgesteuerte und irgendwie unterbelichtete Männer ergibt noch längst keine gute Komödie.

In der aus Glasbausteinen und hellem Sofa in 80er-Jahre-Manier gezimmerten Lounge einer Bar (Ausstattung: Tom Schenk) treffen sich drei langjährige Freundinnen, auf der Suche nach Trost für ihre Beziehungsnöte: Das ¬gelangweilte und in ihrer ereignislosen Ehe gefrustete Muttertier Julia (Caroline Kiesewetter), der sexuell abenteuerlustige, auf verheiratete Männer spezialisierte Vamp Nathalie (Anke Fiedler) und die brav in ungewollt kinderloser Ehe vegetierende Birgit (Jasmin Wagner). Drei Figuren wie vom Reißbrett. Ständig wird „Shades of Grey“ zitiert. Aber in den Gesprächen um Sex im Dunkeln (wenn überhaupt) und neidvoll beäugten Schlampen (wie ‚Blowing Bärbel’), findet Kürthy manch amüsant zugespitzten Vergleich.

Die Männer glänzen durch Abwesenheit oder tippen Durchsichtiges in ein projiziertes Smartphone. Für das Trio sind sie ohnehin eher auf dem Niveau eines Neandertalers angesiedelt, denken nur an die Champions League und lassen beim Toilettengang die Tür offen. Vor allem Nathalie weiß da aus ihrem Leben zwischen „Kuschelbärchen mit Dauererektion“ und „fernfahrerhaften Romantikern“ einiges zu berichten: „Bei manchen Küssern denkst du ja, die wollen ihren nassen, trägen Lappen über Nacht in deinem Mund parken.“ Bei den beiden Ehefrauen geht es um vorgetäuschte Orgasmen. Birgit: „Lieber viermal stöhnen als eine Nacht lang reden.“

Hier geschieht nichts – aber äußerst wortreich

Anfangs hat der Zuschauer immerhin einen Wissensvorsprung. Nathalie, die hier die besorgte Freundin gibt, hat eine Affäre mit Julias Ehemann. Schlimmer noch, sie ist ernsthaft verliebt. Je mehr der Prosecco (was auch sonst) fließt, umso mehr zeigt sich, dass die Drei ihre kleinen bis größeren Lügen mit sich herumtragen und nicht alle werden im Laufe des Abends enthüllt. Das führt zu unfreiwillig komischen Situationen. Wenn Birgit etwa die Sensationsnachricht „Ich bin schwanger“ raushaut, gleicht die Emphase ungefähr jener, mit der Promipostillen einen heiß ersehnten Thronfolger verkünden.

Der Versuch, dem Geplauder etwas Hintergründiges zu geben, gerät vollends hölzern. Die Fragen nach Moral, Wahrheit, Freundschaft, Verrat werden nie wirklich verhandelt. Und so dreht sich die Inszenierung schon vor der Pause bald wenig fesselnd um sich selbst. Die Pointen werden müder. Die Kunst einer guten Komödie besteht darin, dass es in ihr um alles geht. Um Leben und Tod. Und dass natürlich etwas geschieht. Hier geschieht hingegen – nichts. Das aber äußerst wortreich.

Regisseur Andreas Kaufmann hat als Schauspieler Erfahrungen in Vorabendserien wie „Marienhof“ und „Rote Rosen“ gesammelt, die ihm hier zugute kommen. In der beliebten Serie kennt man auch Caroline Kiesewetter, die hier mit Anstand die gefrustete Ehefrau und Mutter Julia gibt („Hilfe, drei Jahre kein Sex.“). Vor allem die Bühnen- und Musicaldarstellerin Anke Fiedler macht ihre Sache als Luder Nathalie ziemlich gut. Sie scheut vor keiner Übertreibung zurück, spreizt ihren trainierten Körper und runde Lippen in Playmate-Manier.

Gepfefferte Darstellung des Älterwerdens

In ihrer gepfefferten Darstellung der mit den Realitäten des Älterwerdens konfrontierten Hedonistin sprühen noch am ehesten Funken. Rollenbedingt eher blass -dagegen und etwas gekünstelt: Jasmin Wagner als Spießerin Birgit, die die deutsche Popwelt unter dem Künstlernamen „Blümchen“ kannte. Immerhin darf sie kurz den Vicky-Leandros-Schlager „Ich hab’ so Sehnsucht“ summen. Geschlechterkämpfe können noch so eloquent aufgespießt sein. Sie ergeben noch lange keinen guten Plot.

„Liebeslügen oder Treue ist auch keine Lösung“ Vorstellungen bis 20.4., Ernst Deutsch Theater, Friedrich-Schütter-Platz 1, Karten 20,- bis 39,- unter T. 22 70 14 20; www.ernst-deutsch-theater.de