Theater-Kritik

Anne Frank und ein Lehrstück über Menschlichkeit

Die Schauspielerin Kristin Suckow als Anne Frank in dem Stück Anne

Die Schauspielerin Kristin Suckow als Anne Frank in dem Stück Anne

Foto: Markus Scholz / dpa/picture alliance

Das Ernst Deutsch Theater Hamburg zeigt mit dem Stück „Anne“ eine weitgehend gelungene Premiere nach den weltberühmten Tagebüchern.

Hamburg. Wer dieser Tage von Familien liest, von jungen Mädchen, die versuchen, dem Krieg zu entkommen oder die aufgrund ihrer Religionszugehörigkeit um Leib und Leben fürchten, liest in der Regel über Syrien oder vom grausigen Leid der Jesiden. „Annes Geschichte wiederholt sich“, finden Bestsellerautor Leon de Winter und seine Frau Jessica Durlacher, die im Auftrag des Anne Frank Fonds eine gewissermaßen „offizielle“ Dramatisierung der berühmten Anne-Frank-Tagebücher geschrieben haben. Schlicht „Anne“ heißt ihr Stück, dem in Amsterdam ein eigenes Theater gebaut wurde und das nun in der Inszenierung von Yves Jansen Deutsche Erstaufführung am Ernst Deutsch Theater feierte.

Im Programmheft-Interview benennen de Winter und Durlacher Parallelen, die sie zur heutigen Situation wahrnehmen: „Immer wenn Menschen aus ethnischen oder religiösen Gründen verfolgt werden, gibt es zweifellos Ähnlichkeiten mit dem Schicksal der Familie Frank.“ Wer das wollte, konnte diese Parallelen in der Premiere innerlich ziehen – der Text oder die Inszenierung greifen sie nicht auf. Nicht direkt jedenfalls, denn natürlich ist die Geschichte der Anne Frank auch eine Geschichte über das Mensch-Sein, das Mensch-Bleiben, über Menschlichkeit also in einer unmenschlichen Zeit.

Anne Frank starb mit 15 im KZ Bergen-Belsen

Die Zeit, über die hier erzählt wird, ist lange her. Umso wichtiger, dass immer wieder an sie erinnert wird. „Werde ich jemals etwas Großes schreiben können?“ fragt sich Anne in einem Tagebucheintrag von 1944, sie wolle „nicht umsonst gelebt haben“. Und schließlich der große, jungmädchenhaft anmaßend klingende Wunsch: „Ich will fortleben, auch nach meinem Tod.“ Das schrecklichste Wort in diesem Satz ist das kleine „auch“. Ein ganzes Leben leben durfte das jüdische Mädchen nicht, sie starb mit 15 Jahren. Ein Fortleben nach diesem Tod aber, das hat sie sich durch ihre ausführlichen und herzensklugen Notizen selbst ermöglicht.

Anne, die Schriftstellerin.

Mit dieser Vision beginnt auch die Inszenierung. Paris, ein Straßencafé, Studentenleben, der Krieg ist vorbei. Anne trifft Freundinnen, hat sich ein knallrotes Jackett gegönnt, ist lustig und fröhlich – und unfassbar hungrig. Auf das Leben ebenso wie auf Brathuhn und Schokotorte. „Ich habe jahrelang kaum gegessen“, sagt sie, „ich habe jahrelang nur von Sprache gelebt.“ Sie trifft einen Verleger (der auch Annes große Liebe symbolisiert), dem sie ihre Geschichte erzählt, vielleicht kann er (Oliver Warsitz) ein Buch daraus machen, vielleicht ihren Traum erfüllen.

Warsitz ist der Beobachter am Bühnenrand, zu dem Anne kommentierend aus dem eigentlichen Geschehen springt. Ein gelungener Kniff – zum Beginn jedenfalls, später wird er etwas aus den Augen verloren. Die Handlung ist, wie der tieftraurige Ausgang, weltbekannt: acht Menschen, die sich vor den Nazis in einem Hinterhaus in Amsterdam verstecken, mehr als zwei Jahre im Untergrund, bevor sie doch ins Konzentrationslager deportiert werden.

Es geht mehr um Würde als um Todesangst

Yves Jansens Fokus (und der des Stückes) liegt weniger auf der Todesangst als vielmehr auf dem Bemühen, trotz der Verhältnisse einen Alltag und eine Würde zu bewahren. Fast wirkt es, als sei das alles (nicht nur für Anne, aber vor allem für sie) ein Spiel. Die neben aller Aufgekratztheit bleierne Atmosphäre, das Aufeinanderhocken unterschiedlicher Charaktere, die Routinen, all das hat hier immer wieder eher absurd-komische Züge. Natürlich führt die Enge zu Auseinandersetzungen, aber andererseits ist da Anne, die die tolle, energiesprühende junge Darstellerin Kristin Suckow fast schon als eine Art Pippi-Langstrumpf-Charakter spielt, altklug, aufmüpfig, sehr reif und dabei doch rührend naiv, ein vorlautes, keckes, liebenswertes Mädchen.

Überhaupt sind die Darsteller – mit Suckow im Zentrum – ein unbedingtes Plus dieser mit 15 Schauspielern groß besetzten Inszenierung. Besonders zu erwähnen: Jens Wawrczeck als egozentrischer Zahnarzt, Jessica Kosmalla als exaltierte Frau van Pels, Frank Jordan als Annes Vater oder auch Intendantin Isabella Vértes-Schütter, die Annes Mutter eine verzagte Strenge gibt. Dass es manche Redundanz gibt, ist eine kleine Schwäche; schwerer wiegt, dass der grundsätzliche Schrecken – der Krieg, die ständige Bedrohung – nicht stärker in den Vordergrund tritt.

Äußerliches Zeichen dafür ist vor allem das mehrstöckige Bühnenbild des Designers Peter Schmidt. Es ist schön, klar, offen und hell – und transportiert damit leider so gar nichts von der bedrückenden Enge des verdunkelten Verstecks in der Prinsengracht.

Trotzdem: Annes Wunsch ist wahr geworden. Sie hat nicht umsonst gelebt, sie hat „etwas Großes“ vollbracht. Sie, die Schriftstellerin, ist verantwortlich dafür, dass sich (nicht nur) Schulklassen dieses Stück ansehen werden. Und von der Menschlichkeit zu erzählen, ist ein unbedingt heutiger Auftrag.

Anne im Ernst-Deutsch-Theater, bis 29. September, Karten zu 20-39 Euro unter T. 22 70 14 20; www.ernst-deutsch-theater.de