Bestsellerautor

Bernhard Schlinks Versuch, mit Rechten zu reden

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Bernhard Schlink gelang 1995 mit „Der Vorleser“ ein weltweiter Bestseller.

Bernhard Schlink gelang 1995 mit „Der Vorleser“ ein weltweiter Bestseller.

Foto: Henning Kaiser / dpa

Der neue Roman des Schriftstellers handelt von einem Mädchen aus braunen Sumpfgebieten. Ist das Kitsch und kann das weg?

Hamburg. Bei Bernhard Schlink ist es der Fluch der frühen Tat, der ihn zu verfolgen scheint. Schlinks „Der Vorleser“ war vor einem Vierteljahrhundert ein Welthit. Danach hat der Jurist, der zum Bestsellerautor wurde, noch viele weitere Bücher geschrieben. Romane, Erzählungsbände. Keiner so erfolgreich wie „Der Vorleser“, aber das kann man ihm nicht vorwerfen: Millionenfach verkaufte Bücher sind die Ausnahme. Blöder war allerdings, dass Schlink das qualitative Niveau nicht halten konnte.

Besonders ärgerlich war in dieser Hinsicht der im vergangenen Jahr erschienene Erzählungsband „Abschiedsfarben“, der vor Klischees strotzte und Tiefe vorgaukelte, wo nur der Wille zur Tiefe war. Schlink ist ein Deutschland-Erzähler, ein Chronist des Landes, in dem er lebt. Diesem reichen und dramatischen Stoff widmet sich der 77 Jahre alte Erzähler auch in seinem neuen Roman „Die Enkelin“. Ein Roman, in dem der stilistisch stets mittelmäßig interessierte Autor wieder sehr viel will – zum Beispiel das Land von seinen ideologischen Irrwegen heilen. Den Sumpf austrocknen.

Bernhard Schlink: Sein letztes Buch war Mist

Um was geht es? Ein Anfangsiebziger, ein Berliner Buchhändler findet seine Frau tot in der Badewanne. Ein Unglück einer unglücklichen Frau; der Mann mit Namen Kaspar, auf sich selbst zurückgeworfen, macht nach diesem Ableben eine unvermutete Entdeckung: Er kannte seine Frau gar nicht. Sie, der er auf riskante Weise zur Flucht aus der DDR verhalf und mit der er keine Kinder bekam. Schlink wählt ein breit aufgespanntes Erzählpanorama. Vom langweiligen Miefwesten der alten BRD führt er seinen Ich-erzählenden Helden in einer Rückschau in das aufregende, geteilte Berlin der 1960er-Jahre, wo ihn die Sehnsüchte nach dem ganzen Land plagen und antreiben. Seine persönliche Vereinigung führt zur Ehe mit Birgit.

Aber, wie gesagt: Sie hatte Geheimnisse. Er entdeckt ein Manuskript auf ihrem Rechner, in dem sie verkündet, kurz vor ihrer Flucht eine Tochter zur Adoption freigegeben zu haben. Dies ist der erste Teil dieses Romans, er zeigt einen Mann in Trauer, der seinen Erfahrungsschatz mit der geliebten Person einer grundsätzlichen Prüfung unterziehen muss. In Depressionen verfällt er nicht, weil er einen gangbaren Weg findet, mit dem doppelten Schock umzugehen. Kaspar sucht und findet diese Tochter.

Und über Svenja, die als Opfer des Eingesperrtseins in der DDR (oder so ähnlich) in einer Post-Wende-Nazi-Gemeinschaft landete, findet er auch die titelgebende Enkelin des Romans – Svenjas Tochter Sigrun. Was nun folgt, gibt dem Roman einen völlig anderen Schwerpunkt: Das intendierte Loslösen eines jungen Menschen von der Scholle, auf der es unschuldigerweise hockt. Der Roman ist Schlinks Version des Themas „Mit Rechten reden“.

Rechte Lebenswelten: Auf den Spuren Juli Zehs

Nach Juli Zehs „Über Menschen“ ist „Die Enkelin“ der zweite Roman in diesem Jahr, der sich mit der Annäherung an rechte Lebenswelten beschäftigt. Wenn man sich entscheidet, den späten Großvater in Schlinks Buch für eine rührende Figur zu halten, ist das Thema erquicklich, in seiner Menschlichkeit sympathisch. Alle anderen werden Kaspars Versuche, die deutschtümelnde, völkisch erzogene Sigrun mit klassischer Musik, Literatur und Museumsbesuchen zu bekehren, für puren Kitsch halten. Bernhard Schlinks neuer Roman ist auf seine Weise auch mutig.

( tha )

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