Wie lebt es sich als Schriftsteller? Drei Hamburger erzählen

Sieht man heute kaum noch: Eine Schreibmaschine

Sieht man heute kaum noch: Eine Schreibmaschine

Foto: Getty Images/iStockphoto

Die Krimi-Autoren Simone Buchholz und Till Raether sowie Bestseller-Autor Stephan Bartels geben Einblicke in die Poeten-Seele.

Hamburg. Wir sitzen im Café Schmidt an der Elbe – es ist einer dieser Tage, an dem sich das Hamburger Wetter nicht entscheiden mag, ob es schon in Herbstlaune ist oder noch Sommer spielt. Schließlich setzen wir uns mit den drei Schriftstellern in eine halbwegs ruhige Ecke im Innenraum. Durch das Fenster fällt der Blick auf Kreuzfahrtschiffe, und unweigerlich muss jeder Leser von Till Raethers „Treibland“ an den Thriller denken, der in Altona spielt – auf einem Ozeanriesen, auf dem ein verheerendes Virus wütet. Unweit vom Café ermittelt Simone Buchholz’ Staatsanwältin Chas Riley auf St. Pauli, und auch Stephan Bartels Romanfigur Simon Havlicek ist ein Hamburger.

Vom Leben als Literat träumen viele Menschen ...

Simone Buchholz: So? Was denken die Menschen denn von uns?

Nun, dass ihr bis in die Puppen schlaft, und dann werdet ihr von der Muse geküsst, seid zwei, drei Stunden kreativ und genießt anschließend den Tag. Ein bisschen Recherche hier, ein paar Reisen da. Im Ernst: Wie lebt es sich als Poet?

Buchholz: Man wird immer dann von der Muse geküsst, wenn es gerade nicht passt – etwa beim Kinderarzt oder abends vor dem Einschlafen. Und nachts wache ich auf und habe den Gedanken schon wieder vergessen. Mein Hirn ist auf jeden Fall deutlich kleiner, als viele Leute vielleicht glauben, dass es ist. Manchmal – in brillanten Momenten – glaube ich, ein zweites Hirn zu haben. Aber das schrumpft dann schnell wieder weg. Beim letzten Buch hatte ich so einen kreativen Moment, da konnte ich richtig was wegholzen und habe mir erst eine und dann noch eine zweite Flasche Crémant aufgemacht. Da habe ich mich gefühlt wie ein Klischee. Wenn du aber von der Schriftstellerei leben willst, brauchst du ganz viel Kraft, Ideen und Disziplin. Ich habe zwei Jahre keinen Urlaub gemacht. Schreiben ist ein Knochenjob.

Stephan Bartels: Und Schreiben ist körperlich anstrengend – das Hirn zieht unheimlich viel Energie ab. Nach einem langen Schreibtag habe ich das Gefühl, einen Halbmarathon gelaufen zu sein. Meine größten Glücksmomente sind, wenn plötzlich Figuren um die Ecke biegen, die ich zuvor gar nicht im Kopf hatte und die dann eine Rolle im Buch übernehmen. Da stehe ich staunend daneben.

Buchholz: Da werden Endorphine ausgeschüttet! Das sind genau die Momente, für die man schreibt. Früher hatte ich das manchmal bei Kolumnen. Bei Romanen ist es schwieriger und kommt seltener vor: vielleicht wenn ein Szene richtig gut funktioniert, ein Absatz ein ganzes Kapitel aufreißt oder ein Dialog gelingt, hinter dem eine ganze Welt steckt. Dafür lohnen sich die Strapazen des Langstreckenschreibens.

In welcher Phase des Schreibprozesses befindet ihr euch gerade?

Buchholz: Ich bin in den Presswehen vor der Geburt meines neuen Buches, es erscheint am 23. September, und ich wache jeden Morgen mit einer Mischung aus Angst und schlechter Laune auf, weil ich die Phase vor der Buchveröffentlichung immer ganz schlimm finde. Ich weiß dann, ich gehe bald in die Ohrfeigenanstalt.

Aber deine Karriere als Autorin läuft doch super ...

Buchholz: Gerade das ist das Problem. Ich habe das Gefühl, in den letzten Jahren viel Glück gehabt zu haben. Jetzt muss doch irgendwann der Punkt kommen, wo mein Lauf aufhört.

Schaut ihr vor der Veröffentlichung schon mal auf Amazon, ob es bereits Bewegung beim Verkaufsrang gibt?

Buchholz: Auf gar keinen Fall. Ich möchte mit Amazon nichts zu tun haben. Ich verachte diese riesigen Konzerne so sehr, dass ich denen nicht mal meine Zeit auf deren Internetseite geben will.

Bartels: Ich schaue schon, denn Amazon ist der einzige Indikator, wo man eigentlich steht in dem Moment. Vom Verlag bekomme ich nicht so viele Informationen.

Buchholz: Doch, ich schon. Und wenn ich wissen will, wie es mit einem Buch so läuft, kann ich ja fragen.

Bartels: Ich hatte mal ein Amazon-Aha-Erlebnis. 2008 war ich mit meinem Buch „Der Kilo-Killer“ bei Johannes B. Kerner in seiner Talkshow, direkt nach der Ausstrahlung rückte ich zum ersten und einzigen Mal in meiner Karriere als Autor in die Top 100. Diesen Moment habe ich nie vergessen. Das war ein Glücksgefühl – Scheiß-Konzern Amazon hin oder her.

Buchholz: Aber so ein Glücksgefühl ist doch flüchtig! Permanent seine Verkaufsränge zu checken, das hat doch was vom Junkie-Leben. Ich möchte lieber in den Arm genommen werden – ich brauche handfeste Reize.

Till Raether: Mein neues Buch ist gerade erschienen, und ich habe auch noch nicht geguckt, wo es steht, aber das liegt nur daran, dass ich keine Zeit habe. Ich bin gerade in drei Phasen gleichzeitig unterwegs: Ein Buch ist gerade draußen, mit dem vorherigen Buch bin ich auf Lesetour, und währenddessen schreibe ich an einem Roman, der nächstes Jahr erscheint. Die Amazon-Junkie-Situation hatte ich 2002 mit meinem ersten Buch „Der kleine Beziehungsberater“ jedoch auch. Inzwischen halte ich mich an einen Tipp von Sven Regener, der gar keine Kritiken mehr liest, auch nicht die guten. Ich will gar nicht wissen, ob mein Buch nur auf Platz 200.000 steht, da würde ich meinen Verlag nie nach fragen. Es reicht mir, dass die Mitarbeiter dort anscheinend zufrieden sind und noch niemand wegen meiner Bücher entlassen werden musste.

Wann hattet ihr zum ersten Mal das Gefühl, vom Schreiben leben zu können?

Buchholz: Ich hatte einen Drei-Buch-Vertrag für meine ersten Krimis. Der Vorschuss war nicht exorbitant hoch, und ich hatte damals kaum Lesungen, aber spätestens bei Band sechs habe ich gemerkt, dass ich nicht nur einen kleinen, sondern einen ordentlichen Teil zu unserem Haushaltseinkommen beitrage. Hat aber sechs, sieben Jahre gedauert, man braucht also Geduld. Wirklich reich wird man mit Büchern jedoch nur, wenn man regelmäßig einen Bestseller hat.

Stephan, du hast mal gesagt, dein Roman „Dicke Freunde“ finanziere dir die Hälfte der Miete.

Bartels: Davon habe ich 60.000 Exem­plare verkauft, das ist tatsächlich viel. Letztes Jahr allerdings erschien von mir „Vatertage“ – und das lief gar nicht gut, aus verschiedenen Gründen, die nichts mit der Qualität des Buches zu tun haben, da bin ich mir sehr sicher. Es ist verglichen mit „Dicke Freunde“ eigentlich das bessere Buch, ich habe in den letzten Jahren noch viel besser schreiben gelernt.

Woran lag es dann?

Raether: Ich glaube, am Cover.

Bartels: Zwei Puschen, die auf einem Kissen liegen. Ich stand oft im Buchladen und habe verzweifelt den Kopf geschüttelt, wie mein Cover so negativ herausstach.

Habt ihr denn keinen Einfluss auf die Gestaltung?

Bartels: Eigentlich schon. Aber ich bin Spezialist im Prokrastinieren: Ich habe die Abgabe so lange hinausgeschoben, dass meine Verhandlungsposition nicht mehr die beste war. Und dann sitzen da bei Heyne 40, 50 Leute, die alle eine unterschiedliche Meinung haben, und herausgekommen ist ein lauwarmer Kompromiss, der nicht funktioniert hat. Irgendwie tragisch, das hat das Buch nicht verdient.

Buchholz: Ich glaube, es ist extrem wichtig, dass in deinem Verlag alle auf das Buch eingenordet sind. Die Mannschaft muss hinter dir stehen, nur dann hat ein Buch eine Chance. Bei Suhrkamp darf ich sogar eigeninitiativ das Cover-Foto vorschlagen, weil das alles Fotos aus einer Serie eines Freundes von mir sind. Ich weiß allerdings, dass das ein Privileg ist.

Habt ihr bestimmte Schreibroutinen?

Bartels: Ja. Till und ich fahren in unregelmäßigen Abständen gemeinsam ein paar Tage zum Schreiben weg in irgendein Kaff in Norddeutschland.

Raether: Wenn man wirklich was schaffen will, ist eine neutrale, unvertraute Umgebung ideal. In meiner eigenen Hütte denke ich nur, ich müsste noch mal schnell den Rasen mähen oder einen Apfelbaum pflanzen.

Aber habt ihr denn den gleichen Rhythmus, wenn ihr zum Schreiben gemeinsam verreist?

Raether: Nein, leider überhaupt nicht, das wird auch zunehmend zum Problem.

Bartels: Ich muss immer erst mal runterkommen, während Till gleich loslegt. Der sitzt schon früh am Schreibtisch. Ich kann dafür nachts lange arbeiten. Dieses Unverhältnis, dieses Nicht-Synchrone, das führt bei uns gegenseitig zu Druck. Ich fühle mich schlecht, wenn er schon schreibt, er fühlt sich schlecht, wenn ich immer noch nicht angefangen habe.

Stimmt es, dass du mit Klebezetteln, Post-its, arbeitest, Till?

Raether: Jedes fertiggestellte Kapitel bekommt bei mir einen roten Sticker an einem Post-it, ja. Als Autor arbeitet man ja fast die ganze Zeit alleine. Niemand kommt rein und klopft einem auf die Schulter. Ich finde es wichtig, sich selbst Erfolgserlebnisse zu verschaffen. Ich muss abends einfach das Gefühl haben, etwas geschafft zu haben. Ich nehme mir auch stur Seitenzahlen vor, die ich je nach Abgabetermin pro Tag zu schreiben habe. Wenn ich an einem Tag mein Ziel nicht erreicht habe, wird es am nächsten noch schwieriger, dann würde ich irgendwann nur denken: Es geht sowieso nicht. Wie soll ich bitte einen spannenden 500-Seiten-Krimi schreiben, der den Leuten auch noch gefällt?

Buchholz: Ich schreibe am liebsten alleine, ich brauche meine Ruhe. Wir wohnen auf St. Pauli zu dritt auf 60 Quadratmetern, da habe ich eine kleine Ecke vor dem Fenster im Wohnzimmer. Am Bücherregal hängt meine Aktstruktur. Ich teile das Buch auf, um es mir kleiner zu machen, und so behalte ich den Überblick. Die Entwicklung des Stoffs schreibe und male ich vorher in ein Skizzenbuch. Da ich ein Buch pro Jahr schreibe und mich genau wie mein Mann auch um meinen Sohn und die Familienarbeit kümmere, bin ich in den Stunden, die ich für mich habe, immer irgendwie am Arbeiten oder auf Lesereise. Meine Bücher sind übersetzt, daher reise in auch ins Ausland, morgen geht es nach England, im Oktober nach Finnland. Immer auf drei Spuren gleichzeitig zu laufen – das ist anstrengend. Da werde ich manchmal richtig wütend. Es gibt diesen feinen Unterschied zwischen dem männlichen Genie und der weiblichen Autorin, die neben ihren ganzen natürlichen Frauen-Aufgaben auch noch schreibt. Ich kann es mir gar nicht leisten, am Schreiben zu leiden, die Zeit habe ich verdammt noch mal nicht. Wenn ich männlichen Kollegen manchmal zuhöre, sie könnten ohne ihr Arbeitszimmer nicht leben, da frage ich mich schon: Hat deine Frau eigentlich auch ein Arbeitszimmer? Nein. Das Arbeitszimmer hat meistens der Mann. Virginia Woolf hat mal gesagt, eine Frau braucht zum Schreiben zwei Dinge: Geld und ein eigenes Zimmer.

Gehören die Lesereisen zwangsläufig zur Aufgabe einer Autorin, eines Autors dazu? Verlangt der Verlag das?

Buchholz: Die Bühnenarbeit wird einfach gut bezahlt. Ein Drittel meines Einkommens verdiene ich durch Lesungen.

Bartels: Das ist bei mir leider nicht so, ich habe nicht so viele Auftritte. Dabei ist das Feedback durch das Publikum so wichtig. Ich wurde bei meinen letzten Büchern vorab zu Leserunden im Internet eingeladen. Da bekommen Blogger das Buch vom Verlag geschickt, und dann wird abschnittsweise gelesen und darüber diskutiert. Das war sehr toll, sehr erhellend für mich.

Raether: Weil man den größten Teil seiner Arbeit völlig alleine verbringt, sind diese Lesungen so wichtig. Du füllst einen Raum mit dem, was du dir im stillen Kämmerlein ausgedacht hast. Leute stehen deinetwegen von der Couch auf und gehen in die Buchhandlung. Da empfinde ich Demut. Bis ich als Vater von zwei Kindern abends von der Couch aufstehe, da muss schon einiges passieren. Außerdem wird ein Buch erst in dem Moment, wo man auf einer Bühne zum ersten Mal daraus liest, real. Da nehme ich mir dann einen kleinen Moment, um zu denken: Das hast du gut gemacht.

Buchholz: Ich höre da gerne mal die Stimme meiner Mutter, die spricht: So, das haben wir jetzt auch. Weiter, Nächstes. Vielleicht habe ich zu viel Distanz zu meinem eigenen künstlerischen Schaffen. Wobei: Wenn ich einen Preis bekomme, bin ich dann auch schon mal richtig stolz. Eine aufrichtige Freude.

Gab es schon Momente, in denen ihr dachtet, die Geschichte von euren Hauptfiguren, der Staatsanwältin Chas Riley oder dem Kommissar Adam Danowski, ist jetzt auserzählt?

Buchholz: Allerdings. Aber dann habe ich den Verlag gewechselt, seitdem treibt mich die Hauptfigur quasi vor sich her, da geht es raketenmäßig ab in meinem Kopf.

Stephan, in deinem Kopf kreist auch die nächste Simon-Havlicek-Geschichte. Worum geht’s?

Bartels: Sagen wir mal: Im weitesten Sinne um Midlife-Crisis und Fehltritte jeder Art, der Arbeitstitel lautet „Kurz vor 50“.

Und wie läuft’s mit dem Schreiben?

Bartels: So mittel. Aber ich tue mich immer so schwer damit, anzufangen und reinzukommen. Bei meinem letzten Buch gab es auch eineinhalb Jahre lang die ersten 120 Seiten, und ich kam nicht weiter. Da habe ich 1000 Euro investiert, um an einen entlegenen thailändischen Strand zu fahren, raus zu sein aus der Welt, kein Internet, Monsun vor der Tür, das war wie Amrum im November, bloß mit 30 Grad, perfekt. Dort habe ich einen geilen Rhythmus entwickelt – ich habe nachts um zwei Uhr angefangen zu schreiben, habe mir dann um sieben Uhr den Sonnenaufgang angeschaut und bin anschließend schlafen gegangen. So habe ich in drei Wochen 220 Seiten geschrieben – zwei Drittel des Buches.

Buchholz: Egal ob du dir einen passenden Ort schaffst oder dich aus der Welt ballerst: Wenn die Bedingungen stimmen, beeinflusst das deine Schaffenskraft wahnsinnig. Mir ist der Rückhalt im Verlag enorm wichtig: Ich habe neun Bücher mit Chastity Riley in der Hauptrolle geschrieben, das zehnte ist in Planung. Warum sollte ich damit aufhören, wenn ich die Figur gern habe, der Verlag sie gern hat, und die Leser auch?

Wie viel von euch steckt in euren Figuren?

Buchholz: Da steckt viel von mir drin, wahrscheinlich bin ich auch deshalb noch lange nicht fertig mit der Frau.

Bartels: Wie viel Raether steckt in Danowski?

Raether: Am Anfang hatte es vor allem pragmatische Gründe, dass viel von mir in den Figuren steckt. Ich arbeite nebenbei als Journalist und kann nicht ein halbes Jahr recherchieren, um eine Vita komplett zu erfinden. Deshalb hat Danowski Lebensumstände, die meinen gleichen: Er kommt wie ich aus Berlin, ist nach Hamburg gezogen, hat zwei Kinder. Danowski hat aber zwei Töchter, damit es nicht zu ähnlich wird. Nach fünf Krimis brauchte ich nun eine Pause von der Figur und ihrer Entwicklung. Das hängt auch damit zusammen, dass einer der Bände gerade verfilmt worden ist.

Der zweite Band, „Blutapfel“ ...

Raether: Ich habe den fünften Band während der Dreharbeiten geschrieben und wollte erst einmal sehen, was das mit der Figur und mit mir macht. Eigentlich finde ich, dass Danowski nicht so wahnsinnig viel mit mir zu tun hat – er ist übellaunig, empfindlich und etwas depressiv. Als ich hörte, dass Milan Peschel diese Rolle im Film übernimmt, war ich erleichtert: Peschel ist ein ganz anderer Typ als ich, er sieht ganz anders aus. Einmal habe ich die Dreharbeiten am Originalschauplatz in Fischbek besucht, ich hatte eine hellblaue Hose, ein hellblaues Sakko und ein dunkelblaues Hemd an. Und dann kam Peschel aus der Maske, und was trug er? Einen hellblauen Anzug mit einem dunkelblauen Hemd. Obwohl das nirgends in einem der Bücher so steht.

Buchholz: Wie geil.

Raether: Alle haben sich kaputtgelacht: „Guckt mal die Zwillinge, der Autor und sein Geschöpf.“ Die Entfernung, die ich mir immer gewünscht habe, hatte sich mit einem Mal aufgelöst. Ich bin nun gespannt auf die Pause. Mich interessiert aber genauso, was passiert, wenn ich mich im kommenden Jahr wieder an Adam Danowski setze.

Schreibt ihr Serien, um das wirtschaftliche Risiko zu reduzieren?

Raether: Mit Serien setzt man auch alles auf eine Karte. Wenn es klappt wie bei Simone, ist das super, aber es gibt auch Serien, die nicht oder nur kurz funktionieren.

Was ist eigentlich die schönste Zeit im Leben eines Autors?

Raether: Die schönste Zeit ist zwischen dem Vertragsabschluss, also wenn der Vorschuss auf dem Konto ist, und dem Moment, in dem das Schreiben beginnt. Glücksmomente habe ich beim Schreiben eigentlich nicht.

Bartels: Manchmal lachst du doch plötzlich beim Schreiben.

Raether: Stimmt. Ich bringe gerne Sachen unter, die mich selbst faszinieren. Das Ausdenken von Geschichten ist ein ungeheures Privileg und hat für mich etwas sehr Kindliches. Als kleiner Junge war es immer mein Traum, so zu arbeiten. Damals war ich besessen von Hubschraubern – und deshalb kommen in meinen Büchern immer ein bis zwei Hubschrauber vor. Wenn der elfjährige Till wüsste, dass der heute 50-jährige Till Hubschrauber in seine Geschichte einbaut, und keiner kann sie ihm herausstreichen, er wäre begeistert. Es macht mir Freude, dem Kind, das ich einmal war, Wünsche zu erfüllen.

Für die nächste Reclam-Lektürehilfe: Achten Sie auf das Hubschraubermotiv …! Was sind denn eure Hubschrauber?

Bartels: Das Einzige, wovon ich im Leben wirklich etwas verstehe, ist Fußball. Und deshalb kommt in meinen Büchern stets der Fußball vor.

Buchholz: In meinen Büchern brennt immer irgendwo noch Licht – das spielt bei mir eine große Rolle. Ich weiß gar nicht, wofür das genau steht. Vielleicht für ein Zuhause? Aber auf St. Pauli brennt ja sowieso immer noch ein Licht.

Raether: Weil wir von den schönen Momenten sprechen: Magisch wird es dann, wenn wir aus unseren ganz eigenen Texten vorlesen – und die Menschen zuhören und sich begeistern lassen.

Buchholz: Eigentlich haben wir ja eigene Sehnsüchte befriedigt und uns etwas geschenkt. Aber diese Sehnsüchte fühlen wohl auch andere.

Wie geht es eigentlich auf der Buchmesse zu? Regiert da eher der Neid, oder versteht man sich als Gemeinschaft?

Raether: Im Krimibereich ist es anders als bei Journalisten: Die Autoren sind unglaublich solidarisch und hilfsbereit.

Buchholz: Und unglaublich uneitel! Alle in der Literaturbranche sitzen einfach im selben Boot: Heute hast du einen Bestseller, und morgen kannst du kaum noch vom Brot abbeißen. Das ist eine warme Blase.

Bartels: Bei euch kommt dazu, dass ihr die literarischen Schmuddelkinder seid.

Buchholz: Hey!

Bartels: Große Literaturpreise bekommen Krimis einfach nicht. Da kommt ihr gar nicht in die Verlosung.

Auch die großen Feuilletons schauen kaum auf Krimis und Bestseller ...

Buchholz: Ich habe Glück, mich beachten die Feuilletons. Und wenn sie etwas scheiße finden, beachten sie es nicht.

Bartels: Mein Buch hat es nie in die Feuilletons geschafft, vielleicht kommt bei mir erschwerend hinzu, dass ich im Hauptberuf als freier Journalist so viel für die „Brigitte“ schreibe. Das ist für einige per se ein Ausschlusskriterium, etwa für andere Frauenzeitschriften – und für solche, die Frauenzeitschriften nicht kredibel genug finden. Weil meine Bücher bei Heyne im Unterhaltungsbereich laufen, ist es zusätzlich schwer. Aber das Abendblatt hat damals ja groß berichtet.

Wem zeigt ihr eigentlich als Erstes ein fertiges Kapitel?

Buchholz und Raether: Niemandem. Erst wenn das Manuskript fertig ist.

Bartels: Ich zeige es als Erstem: dir, Till.

Raether: Wann gibt’s denn mal wieder was? Ich habe lange nichts mehr bekommen.

Buchholz: Du bist so gemein.

Hand aufs Herz. Finden sich eigentlich Freunde in euren Büchern wieder?

Bartels: Till und ich haben vor elf Jahren mal abgemacht, unsere Figuren im Buch des anderen auftreten zu lassen. Ich habe Danowski mal in mein Buch eingebaut – aber im Nachhinein finde ich es eher peinlich. Deshalb verwahrt sich Till wohl dagegen.

Raether: Deine Figuren spielen ja auch in der Vergangenheit. Meine in der Gegenwart.

Bartels: Das ginge schon!

Buchholz: Alle Menschen, die ich irgendwo mal in der Bar treffe und mit denen ich länger rede, laufen Gefahr, zu Figuren in meinem Buch zu werden.

Raether: Bei mir erkennen sie sich aber nicht.

Buchholz: Ich bin schon vorsichtig, wie ich Bekannte zeichne. Kürzlich fragte ein Freund: Kann ich auch mal auftauchen? Ich habe ihn gefragt, ob er Barmann oder Polizeipsychologe sein will. Mal sehen, ob er sich am Ende erkennt.

Gab es schon einmal Ärger?

Bartels: Ich hatte meine Eltern, die seit 1972 getrennt sind, zur Präsentation von „Vatertage“ eingeladen. Ich hatte meinem Vater vorher zwar ein Exemplar geschickt, er hatte es aber offensichtlich nicht gelesen. Er kam in die Lesung, saß ganz rechts, ganz links saß meine Mutter. Weil das ganze Buch auf einem einzigen Satz meiner Mutter basiert, habe ich den am Anfang zitiert.

Wie geht der?

Bartels: „Wenn dein Vater ein Pflegefall wird, und das Sozialamt will Geld von dir, dann bringe ich ihn um.“ Er war nach meiner Einleitung wahnsinnig empört. Eigentlich ist er stolz auf mich, aber das Buch hat er ganz hinten in die Schublade gepackt. Schade, in Wirklichkeit ging es um eine ganz andere Idee von Vater in diesem Buch. Aber ich habe durchaus Personen eingebaut, die sehr nah an der Realität waren – nur haben die es nicht einmal gemerkt. Wie heißt es so schön: Das eigene Leben ist ein Steinbruch unserer Geschichten.

Raether: Ich habe sogar den Namen eines Bekannten in einem Buch benutzt – der hat es bis heute nicht gemerkt.

Oder das Buch nicht gelesen ...

Raether: Er hieß Knut Behling – mit dem war ich zusammen Austauschstudent in New Orleans, meine erste Begegnung mit einem echten Hamburger, für einen West-Berliner war das schon fremd. Erst war der Name nur ein Platzhalter, aber dann habe ich ihn stehen lassen. Wir ­haben­ seit 25 Jahren keinen Kontakt mehr – aber vielleicht liest er ja das Abendblatt.

Wem widmet ihr ein Buch?

Buchholz: Ich widme es toten Leuten, Menschen, die mich inspiriert haben, zum Beispiel Carrie Fisher oder Alan Rickman.

Bartels: Wenn ich mal eine Krimireihe anfange, werde ich euch konsultieren. Ich habe „Vatertage“ meiner Mutter gewidmet und „Dicke Freunde“ meinem Sohn.

Raether: Ich widme von oben nach unten – meiner Frau, meinen Eltern, meinen Kindern, meiner Kollegin, die mir die meisten Aufträge vermittelt hat. Nun könnte ich anfangen, die Bücher Freunden zu widmen, aber da komme ich total in die Bredouille. Mit wem fange ich an? Mit Simone? Oder mit Stephan?

Bartels: Am besten kickern wir das aus.