Hoffmann und Campe

Ein Hamburger Verleger und seine Bestseller-Mission

Der Verleger Daniel Kampa in seinem Büro beim Hamburger Verlag Hoffmann & Campe

Der Verleger Daniel Kampa in seinem Büro beim Hamburger Verlag Hoffmann & Campe

Foto: Roland Magunia

Über einen Buch-Macher, der für ein besonderes Projekt brennt: Daniel Kampa will bei Hoffmann und Campe einen Roman groß herausbringen.

Hamburg. Péter Gárdos, sagt Daniel Kampa, „ist ein ganz toller Mensch“. Herausgefunden hat Kampa das, als er Gárdos in Budapest besuchte. Seinen Starautor in spe – wenn denn die kühnen Träume, die der Hoffmann-und-Campe-Chef derzeit träumt, in Erfüllung gehen. Diese Träume verbinden sich mit einem Buch, das Kampa bald herausbringen will, ein Buch, von dem Kampa nicht anders als enthusiastisch reden kann, ein Buch mit einer speziellen Geschichte. Inhaltlich und auch sonst. Es ist vielleicht Kampas wichtigstes Projekt bis jetzt.

Kampa erzählt dann mal los, man muss gar nicht viel fragen. Wie das war, auf der Buchmesse in London im Frühjahr, als alle plötzlich nur noch von einem Buch redeten, von diesem Ungarn, der die Geschichte seiner Eltern aufgeschrieben hat. Das Buch war schon vor ein paar Jahren erschienen, wurde auch von manchen Leuten gelesen. Aber ein richtiger Hit war es nicht in Ungarn. Trotzdem gelang es dem Verlag irgendwie, „Hajnali láz“ ins Gespräch zu bringen.

Kmapa ist seit 2013 Chef des Hamburger Verlags

So ist das auf Buchmessen. Mit einem Mal gibt es „the book of the fair“, das Buch der Messe also – Kampa, seit 2013 Chef des ehrwürdigen Hamburger Verlags Hoffmann und Campe, lacht. Und wenn Kampa lacht, dann sieht das in dieser Sache immer ein bisschen spitzbübisch aus. Weil das Verlags-Business „immer auch ein bisschen wie ein Spiel ist“, wie Kampa erklärt. Und in diesem Spiel war in jenem Moment im April 2015 ein unbekannter Autor namens Péter Gárdos, der in seiner Heimat bisher nur als Filmemacher eine gewisse Bekanntheit erlangt hat, der Hauptpreis.

Sein Buch „Hajnali láz“ erscheint nun im Oktober auf Deutsch bei Hoffmann und Campe. Da wird es „Fieber am Morgen“ heißen. Es hat noch kein Cover, und deswegen ist im neuen Verlagsprogramm von Hoffmann und Campe tatsächlich eine ganze Seite, die ein komplett weißes Buchcover zeigt. Aber vorher ist in diesem Programm, das sonst nicht weiter auffallen würde, ein Brief abgedruckt, in dem sich Daniel Kampa an die Buchhändler wendet. Sie sind es, die am Ende Lektüreempfehlungen aussprechen.

Und deshalb umgarnen Verlage die Buchhändler. Sie sagen ihnen in den Vorschauen, wie toll ein Buch ist, welcher Schriftstellerkollege es schon gelesen hat und wie gut er es findet. Sie erzählen den Buchhändlern, wie oft sich ein Buch in anderen Ländern verkauft hat und wie viel Werbung sie in den Zeitungen schalten. Jeder Verlag macht das. Bei sehr vielen Büchern. Wenn man sehr begeisterungsfähig ist, dann möchte man sofort alle Bücher bestellen und großflächig ausstellen. Wenn man ein bisschen erfahrener ist, weiß man: Die Summe aller Verlagsvorschauen ist wie ein riesiger Markt, und jeder muss laut schreien.

Kampas Buchentdeckung ist in 26 Ländern verkauft worden

Einen Brief direkt in die Vorschau hineinplatziert, sagt Daniel Kampa, „das habe ich noch nie gemacht, das ist in unserem Gewerbe auch eher unüblich“. Und genau deshalb fällt die Péter-Gárdos-Angelegenheit auch auf. Besondere Situationen erfordern besondere Maßnahmen, könnte man sagen. Kampa ist ein Mann auf einer Mission, er möchte aus einem Buch, das keiner kennt, einen Bestseller machen. Er glaubt an das Buch. Nicht unbedingt als einziger, schließlich ist „Fieber am Morgen“ in 26 Länder verkauft worden, aber vielleicht am euphorischsten.

Dies ist die Urgeschichte des Büchermachens. Ein Verleger entdeckt einen Roman, er brennt für ihn und schmeißt alle Planungen um, um ihn schnellstmöglich den Lesern zu schenken. „Es gibt Bücher, die sind so außergewöhnlich, dass man zu ungewöhnlichen Mitteln greifen muss“, so steht es in dem Brief der HoCa-Vorschau. Nachdem er das Manuskript gelesen habe, schreibt Kampa, „war ich vom Fieber gepackt“. Was in diesem Fall – „Fieber am Morgen“ – wunderbar doppeldeutig ist. Es geht genauso wunderbar weiter: „Ich ließ sofort den Druck der Vorschauen stoppen, um den Roman – sollten wir den Zuschlag bekommen – noch im Herbst veröffentlichen zu können.“

Das klingt ja einigermaßen dramatisch, und in der verhältnismäßig beschaulichen Welt der Bücher ist es das auch. Weswegen jetzt endlich die Frage geklärt werden muss, worum es in diesem Buch eigentlich geht.

„Fieber am Morgen“ erzählt eine große Geschichte der Liebe, ergreifend, über Leben und Überleben, hat aber auch Züge eines „Schelmenromans“, wie Kampa sagt, „ein Buch für die Ewigkeit“. Es ist 1945, Miklós hat das Vernichtungslager in Bergen-Belsen überlebt, aber er ist todkrank. Der junge Ungar ist nach Schweden gebracht worden, wie viele Überlebende. Der Arzt gibt ihm sechs Monate, das ist eigentlich das Ende aller Pläne und Perspektiven. Aber Miklós verfasst trotzdem denselben Brief 117-mal: 117 Bewerbungsschreiben an 117 junge Frauen, die aus Miklós’ Heimatstadt stammen und nun wie er in Erholungsheimen in Schweden leben.

Eine von ihnen, das ist sein Auftrag an sich selbst, will Miklós heiraten. Seine Wahl fällt auf Lili. Sie schreiben sich Brief um Brief, und diese Briefe sind der Kern des Romans. Ein ernster Hintergrund, vor dem sich nicht unkomisch eine bittersüße Handlung entfaltet: Man kann sich sehr gut vorstellen, was ein Verleger, der immer auf der Jagd ist, in „Fieber am Morgen“ sieht.

„Schlimmer als ein gutes Buch, das sich schlecht verkauft, ist nur ein schlechtes Buch, das sich schlecht verkauft“, sagt Kampa. Der Roman von Péter Gárdos ist nicht schlecht, und er wird sich nicht schlecht verkaufen, nicht zuletzt, weil er eine wahre Geschichte erzählt: die von Péter Gárdos’ Eltern selbst. Was gäbe es für eine schönere Pointe, als dass der Roman eigentlich gar keiner ist, sondern seine Entsprechung im wahren Leben hat? Wenn das Leben ein Roman ist?

Das Feuer, das in Kampa brennt, lodert noch mehr als sonst

Aber zwischen „gut verkaufen“ und der Bestsellerliste besteht immer noch ein Unterschied, und deshalb ist der Mann, den man knapp zwei Monate vor Erscheinen des Buchs trifft, ein Verleger im Zustand gespannter Erwartung. Ob ein Verlag auf die richtigen Titel setzt, stellt sich immer erst später heraus. Was banal klingt, ist eine Grundannahme des Geschäfts, in dem das Publikum immer nur annäherungsweise ausrechenbar ist.

„Natürlich ist das eine Wette, die man als Verleger eingeht“, ist so ein Satz, den Kampa jetzt sagt. Er hat als Programmchef bei Diogenes in der Schweiz und jetzt als Big Boss bei Hoffmann und Campe viele Vorschauen verantwortet; man glaubt aber, wenn man ihn dieser Tage in seinem Büro besucht, zu bemerken, dass das Feuer, das in Kampa brennt, derzeit tatsächlich noch mehr lodert als sonst. Und sollte ihm ein bisschen mulmig sein, weil er ziemlich viel auf die Karte Gárdos gesetzt hat, dann kann er sich bei seinem Vertrieb Beruhigungsmittel besorgen. Die Zahl der Vorbestellungen ist hoch, bei den Buchhändlern hat Kampas PR-Stunt verfangen. 50.000 Exemplare wird die erste Auflage betragen.

Der Verleger als Macher und Durchsetzer ist also das Stück, das derzeit in der herrschaftlichen HoCa-Villa an der Außenalster gegeben wird. Man wünscht einem wie Kampa, der so begeistert und begeisternd über Bücher und Wagnisse reden kann, sowieso alles Gute für sein aktuelles Lieblingsprojekt. Die Konkurrenz in Deutschland – es boten einige Verlage mit – stach Kampa unter anderem deswegen aus, weil er „Fieber am Morgen“ sofort machen wollte, direkt im Herbst. Nicht erst im Frühjahr wie die 26 Verlage in den anderen Ländern. Kampas Tempo beeindruckte die Ungarn, die die Rechte an dem Buch besitzen. Dann war da noch das Liebeswerben, das jeder Verleger beherrschen muss und von dem Kampa ziemlich verschmitzt erzählt.

Gárdos verfilmt derzeit „Fieber am Morgen“. Im Frühjahr soll der Film in die Kinos kommen. „Der Stoff ist so gut, der schreit förmlich nach einer Hollywood-Adaption“, sagt Kampa und blickt damit noch etwas weiter nach vorn.

Das Beste ist: Das „Buch zum Film“ gibt es dann längst.