Kunsthalle Hamburg

Niederländisches Wintervergnügen als Wimmelbild

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Vera Fengler
Die Hamburger Kunsthalle: Hier ist Avercamps "winterlandschaft" zu sehen.

Die Hamburger Kunsthalle: Hier ist Avercamps "winterlandschaft" zu sehen.

Foto: Marcelo Hernandez

Das Kunstspiel zum Mitmachen und Miträtseln. Heute: Hendrick Barentz. Avercamps „Winterlandschaft“.

Hamburg. Wer beim Anblick dieses allein schon vom Format her ungewöhnlichen Bildes spontan ans Alster­eisvergnügen denkt, liegt genau richtig: Auch in „Winterlandschaft“ hielt der Maler Hendrick Barentz. Avercamp (1585–1636) ein ähnlich denkwürdiges Naturereignis fest: Während des Jahreswechsels 1608/1609 zog der kälteste Winter des 17. Jahrhunderts über Nordeuropa hinweg und ließ alle Flüsse, Kanäle und Seen zufrieren. Avercamp, der in Amsterdam geboren wurde und im niederländischen Kampen starb, verbrachte sein gesamtes Leben in der Landschaft zwischen diesen beiden Städten.

Die hier gezeigte Szenerie spiegelt die Stimmung wider, die an vielerlei Orten während dieses Ausnahmewinters geherrscht haben muss: Die Menschen betraten wahrscheinlich zunächst noch zaghaft und skeptisch die Eisflächen, um dann langsam dieses ungewohnte Terrain zu erobern. Wie in einem Wimmelbild (das Gemälde misst gerade mal 18,2 Zentimer im Durchmesser) können wir beobachten, wie einige von ihnen eislaufen, andere Kolf spielen, was eine Urform des Hockey war – Eisvergnügen à la Hollandaise!

Holländisches Wintervergnügen als Wimmelbild

Interessanterweise sind kaum Kinder auf dem Bild zu sehen. Und die Erwachsenen scheint eine gewisse Ratlosigkeit zu umgeben; Schnee, Eis und Kälte haben ihnen Untätigkeit verordnet: Die Fischer können den Hafen nicht mit ihren Booten verlassen, die Frauen nicht auf dem Markt einkaufen gehen, die Geschäfte ruhen. Es scheint, als sei die Zeit und mit ihnen die Menschen eingefroren, und eine Atmosphäre der Stille legt sich über alles. Allein die Schulen scheinen geöffnet gewesen zu sein – wo wären sonst all die Kinder und Jugendlichen?

Francesco Leonelli spürt in der dunstigen Landschaft, in der sich Häuser, Mühlen und Boote kaum abzeichnen, aber auch eine gewisse Wehmut. „Avercamp, der stark von Pieter Bruegel dem Älteren beeinflusst wurde, zeigt hier eine traumhafte Szenerie, in welcher die eiskalte Luft alles zu durchdringen und einzufrieren scheint“, schreibt der Kunsthistoriker in der Sammlung Online der Hamburger Kunsthalle. Wehmut, die mag auch manch einer heute und hier beim Blick aus dem Fenster verspüren und sich ein Alstereisvergnügen wie zuletzt im Februar 2012 zurückwünschen.

Hendrick Avercamp: Intensive Beziehung zur heimischen Landschaft

Bei Hendrick Avercamp rührt dieses Gefühl von einer intensiven Beziehung zu seiner heimischen Landschaft. „Er gehörte zu den ersten Künstlern, die im frühen 17. Jahrhundert die einheimische Landschaft als bildwürdiges Motiv wiederentdeckten und dieser Gattung der Malerei eine neue Wertigkeit gaben“, so Leonelli. Der feine Pinselstrich und die präzise Figürlichkeit in „Winterlandschaft“ verweisen auf Avercamp als herausragenden Zeichner.

Eine große Rolle für seine außergewöhnliche sinnliche Wahrnehmung der äußeren Welt um ihn herum wird die angeborene Taubheit des Künstlers gespielt haben, Avercamp wurde deshalb „de Stomme van Kampen“ (der Stumme von Kampen) genannt. Während seiner Karriere spezialisierte er sich auf Winterlandschaften. Ebenfalls im Besitz der Kunsthalle in der Sammlung Alte Meister sind eine zweite „Winterlandschaft“ (1608/09) sowie die Bilder „Winterlandschaft mit einem Jäger“ (1624), „Eisvergnügen“ (1630) und „Winterlandschaft mit Fischern auf dem Eis“ (1654).

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