Hamburger Kunsthalle

Als sich Hamburgs Intellektuelle in einem Engelssalon trafen

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Die Hamburger Kunsthalle: Hier ist Jean-Laurent Mosniers „Engel Christine Westphalen“ zu sehen.

Die Hamburger Kunsthalle: Hier ist Jean-Laurent Mosniers „Engel Christine Westphalen“ zu sehen.

Foto: Marcelo Hernandez

Das Kunstspiel zum Mitmachen – jede Woche im Abendblatt. Heute: Jean-Laurent Mosnier, „Engel Christine Westphalen“.

Hamburg. Manche Eltern haben ein eigenwilliges Verhältnis zu den Vornamen ihrer Kinder. Als dem Hamburger Ehepaar Catharina Maria und Jacob von Axen 1758 als zweitjüngstes Kind eine Tochter geboren wurde, nannten sie sie Engel, Engel Christine, um genauer zu sein. Was für eine Hypothek!

Jean-Laurent Mosniers „Engel Christine Westphalen“ vor Lokstedter Kulisse

Der Franzose Jean-Laurent Mosnier (1743–1808) malte die Hamburgerin im Jahr 1800, als sie etwa 40 Jahre alt war. Er platzierte sie, die damals schon mit dem Kaufmann und späterem Senator Johann Ernst Friedrich von Westphalen verheiratet war, in ein klassisch anmutendes Ambiente. Sie steht, mit einem Blumenstrauß in der linken Hand, auf einer Terrasse vor einer Doppelsäule und trägt ein edel wirkendes Kleid mit weißen Spitzen. Um die rechte Schulter hat sie eine rote Stola drapiert. Die Farbe wird unterhalb der Feder ihres Hutes wieder aufgenommen. Die rechte Hand zeigt auf ein Monument im Hintergrund. Dort steht ein Obelisk, den ihr Bruder, Senator Jacob von Axen, auf seinem Landsitz Collau bei Lokstedt errichten ließ, nachdem seine Tochter gestorben war.

Mosnier war ein französischer Hofmaler, dem auch König Ludwig XVI. und Königin Marie Antoinette Modell saßen. Seine Kundschaft kam meistens aus dem Großbürgertum oder Adel. Nach der Französischen Revolution verließ er seine Heimat, um in London zu arbeiten. Von 1797 bis 1801 lebte er in Hamburg, später zog er nach St. Petersburg weiter.

Mindestens so interessant wie der Maler ist in diesem Fall aber sein Modell. Frau Westphalen führte in der Hansestadt einen literarischen Salon, war aber auch selbst eine Schriftstellerin in einer Zeit, in der dies für Frauen noch nicht unbedingt ziemlich war. Ihr Haus war eine Art geistiger Schmelztiegel, in dem sich nicht nur die Hamburger Intellektuellen trafen, sondern auch französische Flüchtlinge, die damals Schutz vor der Revolution suchten.

Westphalen schrieb Werke wie „Gesänge der Zeit“, „Petrarca“ und die Tragödie „Charlotte Corday“. Versucht hat sie sich in vielen Genres: Sonetten, Romanzen, Elegien, Oden, Idyllen, Liedern und Epigrammen. Goethe war sicherlich ein Vorbild. Der Schriftsteller Max Mendheim schrieb über sie: „Ihre Verse aber sind wirklich gewandt und rein; ihre Sprache ist edel und poetisch, wenn auch ohne den höheren Schwung.“ Schreibt man so etwas über einen Engel?

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