Kunst

„Unfassbar und überwältigend": Gemälde in Hamburg

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Volker Behrens
Die Kunsthalle Hamburg beherbergt wahre Schätze (Archivbild).

Die Kunsthalle Hamburg beherbergt wahre Schätze (Archivbild).

Foto: Michael Rauhe

Dreieinhalb Jahre malt Wilhelm Leibl an dem Kunstwerk „Drei Frauen in der Kirche“. Warum das Gemälde fast unvollendet geblieben wäre.

Hamburg. Man hat ihn abfällig als „Bauernmaler“ abgestempelt. Aber Wilhelm Leibl (1844-1900) war ein bemerkenswerter Vertreter des Realismus. Sein Bild „Drei Frauen in der Kirche“ zeigt Landfrauen aus drei Generationen in verschiedenen Stadien der Andacht. Hinten kniet eine Frau mittleren Alters, die Hände zum Gebet gefaltet. In der Mitte beugt sich eine Alte über ihr Gebetbuch. Vorn sieht man eine junge Frau im Sonntagsstaat.

Dreieinhalb Jahre lang hat Leibl an dem Bild gemalt. Er ist zu diesem Zweck ganz nah an seine Modelle herangerückt. Dabei sind die Proportionen ungewöhnlich geraten. Alle drei Frauen haben überdimensional große Hände, die eine aufsteigende Linie bilden. Aber das Bild, das an die Meister der deutschen Renaissance erinnert, zeigt zugleich eine große Detailgenauigkeit. Leibls Ziel soll die größtmögliche Annäherung an die Wirklichkeit gewesen sein. Man erkennt sogar den Staub auf den Kirchenbänken. „Hyperrealistische Feinmalerei“ nennen das Kunstgeschichtler. Vorbild für die Figuren soll „Die Madonna des Bürgermeisters“ von Hans Holbein d.J. gewesen sein.

Wilhelm Leibl kein Kirchengänger

Der Maler war der Sohn eines Domkapellmeisters, selbst aber kein Kirchengänger. Seine Schlosserlehre hatte er abgebrochen bevor er an die Königliche Kunstakademie in München ging. Gut befreundet war er mit seinem Kollegen Gustave Courbet. Stundenlang sollen ihm die drei Frauen für das Bild Modell gesessen haben. Der Pfarrer stellte Leibl dafür in der gottesdienstfreien Zeit die Kirche zur Verfügung. Angeblich soll eine der Frauen sogar über Nacht im Gotteshaus geblieben sein, damit er am nächsten Tag den günstigen Faltenwurf ihres Kleides weitermalen konnte.

Die Dorfbewohner – Leibl verbrachte die letzten 22 Jahre seines Lebens im kleinen Ort Berbling bei Aibling, 50 Kilometer südöstlich von München – waren von seiner Arbeit ebenso angetan wie er von ihnen. „Auf das Urteil der einfachen Bauern habe ich seit jeher mehr gehalten als auf dasjenige der sogenannten Maler, und soll mir diese Äußerung des Bauern ein gutes Omen sein“, schrieb er in einem Brief, nachdem ein Ortsbewohner vor dem noch unfertigen Bild anerkennend ausgerufen haben soll: „Das ist Meisterarbeit!“

„Drei Frauen in der Kirche“ wäre fast unvollendet geblieben

Beinahe wäre das Bild gar nicht fertig geworden, denn der alte Pfarrer starb und sein Nachfolger stellte sich lange quer. Außerdem erkrankte eins der Modelle. Das Bild musste übrigens die ganze Zeit in feuchte Tücher eingeschlagen werden, weil Leibl nur auf weichen Farbschichten weitermalen konnte.

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Der Maler überließ nichts dem Zufall. Der Kunsthistoriker Alfred Langer schrieb über das Bild: „Unfassbar und überwältigend erscheint dem Betrachter die unnachahmliche Feinheit der Malerei. Wie aus einem Guss stehen in greifbarer Echtheit die Menschen und Dinge des Bildes vor uns. Nirgends wird man an die Pinselarbeit oder gar an die opfervolle Mühe des Künstlers erinnert.“

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