Serie: 50 Meisterwerke

Fünf Meisterwerke aus der Hamburger Kunsthalle

Es sind Schätze der Weltkultur, die in Hamburger Museen bewahrt werden. Wir stellen die kostbarsten vor. Serie Teil 1: Die Kunsthalle.

Die Kraft der Verführung, die Unerbittlichkeit des Eismeeres oder ein abgelegter Filzanzug als Symbol der künstlerischen Befreiung. Das Abendblatt stellt einige der wichtigsten Kunstwerke in den Hamburger Museen vor. In Teil 1: Fünf Meisterwerke aus der Hamburger Kunsthalle.

Caspar David Friedrich: Das Eismeer, 1822-24

Schroff ragen die zerklüfteten, gegeneinander verschobenen Platten der gewaltigen Eisberge in den kaltblauen Himmel. Rechts ist das Heck eines Segelschiffs zu erkennen, das zwischen den Eisblöcken zerdrückt wurde. Nirgend sind Menschen zu sehen in dieser ebenso großartigen wie lebensfeindlichen Landschaft.

In der Arktis ist der aus Greifswald stammende Caspar David Friedrich natürlich nie gewesen. Aber von seinem Dresdner Atelierfenster aus konnte er im harten Winter des Jahres 1821 den Eisgang auf der Elbe gut beobachten. Die Schichtungen der Eisschollen und ihre Strukturen, die er hier im Kleinen sah, studierte er eingehend, um sie später auf ein großes Gemälde zu übertragen. Akribisch und mit genauem Blick malte er zunächst Farbstudien mit Eisschollen und deren Absplitterungen, die er vom Ufer aus auf dem Fluss betrachtet hatte. Einige Zeit später entstand dann das berühmte Gemälde „Das Eismeer“, das sich heute als Spitzenwerk im Besitz der Hamburger Kunsthalle befindet.

Es ist ein dramatisches Bild, in dem Friedrich die gescheiterte Suche des Engländers William Edward Parry nach der Nord-West-Passage thematisch anklingen lässt. Die Darstellung der Eisformationen war ihm so wirklichkeitsgetreu geraten, dass sie ein Dresdner Geologe bei seinen Vorlesungen als Anschauungsmaterial benutzte – eine bemerkenswerte wissenschaftliche Inanspruchnahme von Kunst. Für Friedrich waren Schiffe und Häfen Sujets, die er in zahlreichen Gemälden aufgriff und ihnen symbolische Bedeutung verlieh. Auch das Thema Schiffbruch, das seit dem 16. Jahrhundert in der europäischen Kunstgeschichte eingeführt ist, nutzte Friedrich hier als Metapher für das menschliche Scheitern.

Bis zu seinem Tod blieb das Bild im Besitz des Malers, bevor es sein Kollege Johann Christian Dahl aus dem Nachlass erwarb. 1905 konnte Alfred Lichtwark das Bild für die Kunsthalle kaufen. Dort ist es zurzeit in der Sammlungspräsentation „Spot on“ zu sehen, wird aber ab Ende April 2016 wieder einen würdigen Platz in der neugestalteten Dauerausstellung einnehmen.

Jan Massys: Flora (Chloris), 1559

„Ein bezaubernder Hauch von Nichts, den Sie da beinahe anhaben“, das berühmte James-Bond-Zitat passt auch ganz gut auf die Figur der Flora, die der Antwerpener Maler Jan Massys 1559 dargestellt hat. Dass es hier um Erotik und die Kraft der Verführung geht, steht ebenso außer Frage wie die Tatsache, dass derartige Darstellungen im 16. Jahrhundert noch durch einen mythologischen Kontext legitimiert werden mussten.

Bei Ovid wird Flora mit der Nymphe Chloris identifiziert, die von Zephyr, dem Westwind, verfolgt und erobert wird. In der römischen Mythologie gilt Flora als die Göttin der Blüte und der Jugend sowie als Sinnbild des unbeschwerten Lebensgenusses, aber auch der Schwangerschaft. Der flämische Maler Jan Massys zählt zu den bedeutenden Vertretern des Manierismus. Seine „Flora“ befindet sich seit 1919 in Hamburgs größtem Kunstmuseum.

Pablo Picasso: Der Kunsthändler Clovis Sagot, 1909

Es ist noch ein ziemlich zurückhaltender Kubismus, in dem Pablo Picasso im Jahr 1909 den Pariser Kunsthändler Clovis Sagot porträtiert hat. Allein das Jackett ist in geometrische Formen zerlegt und zergliedert, während das Gesicht des Kunsthändlers recht flächig und vereinfacht erscheint. Nachdenklich und fast ein wenig nach innen gekehrt blickt der Porträtierte den Betrachter hier an.

Clovis Sagot, dessen Geburtsjahr nicht überliefert ist, hatte ein recht bewegtes Leben, er war ursprünglich als Clown durch Europa getingelt und hatte erst 1904 als Kunsthändler in Paris Fuß gefasst. Zu Picasso war er schon bald geschäftlich in Kontakt getreten, hatte als einer der ersten Händler Bilder von ihm erworben. Auch das Porträt, das Picasso von ihm malte, kaufte er selbst. Seit 1956 gehört das berühmte Bild zum Bestand der Hamburger Kunsthalle.

Joseph Beuys: Filzanzug, 1970

Ein einziges Mal, nämlich am 4. Oktober 1971, hat Joseph Beuys bei der berühmten Performance „Isolation Unit“ in der Düsseldorfer Kunstakademie den Filzanzug getragen. Gemeinsam mit dem amerikanischen Tonkünstler Terry Fox protestierte er damals gegen das inhumane Vorgehen der Vereinigten Staaten im Vietnamkrieg. Dabei ist der längst legendäre Filzanzug kein Unikat, sondern ein so genanntes Multiple, das in einer Auflagenhöhe von 100 Stück existiert. Die Hamburger Kunsthalle besitzt die Nummer 58.

Zu dem Material Filz hatte Beuys ein besonderes Verhältnis, er assoziierte damit vor allem Schutz und Wärme. In dem abgelegten Anzug sah er ein Symbol der künstlerischen Befreiung. Bewusst verwendete der Aktionskünstler, Zeichner und Bildhauer, der an der Düsseldorfer Kunstakademie lehrte, für seine Werke Materialien, die die Betrachter üblicherweise eher mit Alltagserfahrungen als mit Kunst in Verbindung brachten.

Thomas-Altar: Die Anbetung des Kindes, 15. Jahrhundert

Das Christuskind ist von einem Strahlenkranz umgeben, und goldene Strahlen weisen auch von Gottvater, der in einer Wolke zu sehen ist, auf das neugeborene Kind. Maria und ein Engel mit roten Flügeln beten das Christkind an. Rechts sind Ochs und Esel zu sehen und dahinter auf einem Berg die Hirten mit ihrer Herde, darüber schwebt ein Engel mit dem Spruchband „Gloria in excelsis deo“. Diese Weihnachtsszene gehört zu den neun in der Kunsthalle erhaltenen Bildtafeln des Thomas-Altars, der aus dem frühen 15. Jahrhunderts stammt.

Lange Zeit wurde dieses Spitzenwerk norddeutscher Malerei des Mittelalters „Meister Francke“ zugeschrieben. Erst vor wenigen Jahren konnte die Kunsthistorikerin Martina Sitt als Resultat umfangreicher Forschungen nachweisen, dass diese Zuschreibung nicht mehr haltbar ist. Ihre Beobachtungen zur Malerei des Thomas-Altars hat sie in einem spannenden Buch veröffentlicht.