Der Rote Faden

Von Bach bis Baywatch: Die talentierten Rethwisch-Brüder

Konstantin (l.) und Alexander Rethwisch in ihrem Studio in Altona

Konstantin (l.) und Alexander Rethwisch in ihrem Studio in Altona

Foto: Andreas Laible

Die Insel Föhr, klassische Musik und Los Angeles haben Alexander und Konstantin Rethwisch geprägt. Jetzt kommt ihr viertes Album heraus.

Hamburg. Das Beste am Norden sind die Männer. Äußerlich echte Kerle mit ein bisschen Bart im Gesicht – und bloß kein Wort zu viel. Zumindest auf Alexander Rethwisch trifft diese Beschreibung perfekt zu. Ehe er antwortet, lässt er den Satz reifen. Aber es gibt ja den etwas auskunftsfreudigeren Bruder. Wird die Pause zu lang, schließt der die Lücke. „Manchmal mussten wir die Zähne schon etwas zusammenbeißen“, sagt Konstantin Rethwisch.

Es geht um die Frage, ob es schwierig war, auf dem Gymnasium von der eigenen Mutter unterrichtet zu werden. Die Musiklehrerin ist auf der Insel Föhr, wo die Familie herkommt, die Klassik-Fachfrau schlechthin. Generationen von Schülern sangen im Chor von Doris Rethwisch oder hatten Stimmunterricht. „Ich kann mich nicht mehr so genau erinnern“, antwortet nun auch Alexander Rethwisch. „Ich fand es normal, dass unsere Mutter uns eher zu streng als zu positiv bewertet hat. Ein Homerun war es zumindest nicht!“

Lachen, Blickkontakt; Chemie und Rollenverteilung stimmen. Anders würde die Zusammenarbeit zwischen diesen beiden Männern wohl auch nicht funktionieren. Keyboarder Alexander, 37, und Sänger Konstantin, 34, Rethwisch sind die Gründer von Stanfour, einer englischsprachigen deutschen Band. Mit ihren drei Alben, gefüllt mit melancholischem Poprock, haben sie den Musikmarkt erfolgreich aufgemischt. Album Nummer zwei ist sogar platinveredelt. Am 28. August erscheint Nummer vier mit dem schlichten Titel „IIII“, zwei Wochen vorher die Single „Power Games“ mit der britischen Sängerin und Songwriterin Natasha Bedingfield. Auf ihrer Referenzliste gemeinsam absolvierter Tourneen stehen prominente Namen wie John Fogerty, Pink, A-ha, Alison Moyet , Seal, aber auch die Backstreet Boys und die Scorpions. Zudem schreiben die Brüder Soundtracks und Songs für TV-Serien und Filme, beispielsweise für Til Schweigers Erfolgskomödie „Zweiohrküken“.

Bei den Rethwischs wird immer musiziert

Die Frage, wo sie ihre Musik heute stilmäßig einordnen, steht im Raum. „Melodienfokussiert – vermutlich wegen unserer Bachschen Erziehung“, sagt Alexander Rethwisch. Bruder Konstantin nickt zustimmend. „Klassische Musik hat uns von frühester Jugend an ständig begleitet.“ Im Klartext heißt das: Bei den Rethwischs, auch das ist auf Föhr bekannt, wird immer musiziert. Zuletzt traf man sich Silvester zum Familienkonzert. Aber auch das ursprüngliche Studio in der alten Heimat wird noch genutzt. Für die aktuelle Produktion war die Band mit den Gitarristen Christian Lidsba und Heiko Fischer sowie Schlagzeuger Paul Kaiser gerade ein paar Tage dort, ehe es zurück nach Hamburg ging.

Dass es die musikalischen Söhne einmal fort von der Insel ziehen würde, damit hatten die Lehrerin und der Geschäftsführer des örtlichen Supermarktes gerechnet. Dass es ein Leben ausschließlich für Unterhaltungsmusik werden würde, zudem ein paar Jahre weit weg in Amerika, damit mussten sie sich erst abfinden. Der Ältere, Alexander, hatte sich nach Abitur und Zivildienst mutig und „nur mit der Telefonnummer eines Föhrers in Los Angeles in der Tasche sowie rudimentären Englischkenntnissen“ in die Szene nach Kalifornien verabschiedet. „Insellimitiert, naiv und kontaktlos wie ich war, wollte ich einfach mal in die weite Welt und ein bisschen bei den Großen lernen“, sagt er. Und natürlich war die Hollywood-Stadt erste Wahl.

Als Jugendlicher hatte er sich im Keller zu Hause ein computerbasiertes Aufnahmesystem zusammengebastelt und dabei festgestellt, „dass Technik genau mein Ding ist. Ich war, glaube ich, der erste Föhrer mit einem Mac.“ Um also ein Praktikum im Mutterland der Studios zu ergattern, telefonierte er sich im Ping-Pong-Verfahren („Ich habe ihre Telefonnummer von ...“) zunehmend frustriert durch die örtlichen Anbieter. Und geriet an einen gewissen Matthias Weber. Auch der wollte ihn erst abwimmeln, doch in seiner Muttersprache bewies der Nordfriese Hartnäckigkeit. Das Gespräch kam auf eigene Musikerfahrungen. Dabei stellte sich heraus, dass sie beide einstige Kirchenorganisten waren und daran nicht nur gute Erinnerungen hatten.

Aus Anerkennung wurde Freundschaft

Das war die Wende. Weber gab dem jungen Mann aus der Provinz eine Chance. Der nutzte sie, traute sich schnell vieles zu, und nach einiger Zeit fand auch seine Arbeit Eingang in die Film-und Serien-Industrie von Los Angeles, beispielsweise in der TV-Kultserie „Baywatch“. Mit den Jahren der Zusammenarbeit wuchs die Anerkennung, wurde Freundschaft daraus. „Matthias ist ein unfassbar talentierter und erfolgreicher Filmmusik-Komponist.“ Zuletzt wurde Weber vor einem Jahr mit dem Deutschen Filmpreis für die beste Musik in dem Western „Das finstere Tal“ ausgezeichnet.

Während der große Bruder in Kalifornien seinen Traum vom Leben als Musiker und Produzent verwirklichte, mühte sich der daheimgebliebene Schüler Konstantin, die Eltern davon zu überzeugen „dass es viel, viel schlauer ist, die Fachhochschulreife zu machen“. Viele Diskussionen später und nach vergeblichen Versuchen, den begabten Sänger zu Vollabitur und anschließendem Musikstudium zu überreden, ließen die Eltern auch ihn in die USA ziehen, schweren Herzens, aber mit voller Unterstützung, wie schon Sohn Nummer eins. Das war 1999.

Fortan arbeitete die Brüder gemeinsam an Musikprojekten, lebten in einem teuren Mini-Appartement in Los Angeles und teilten sich in der Einraumwohnung das Schrankbett. Hier erlebten sie den 11. September 2001, der auch für Nichtamerikaner das Sicherheitsgefühl nachhaltig veränderte. „Wir schliefen vielleicht eine Stunde, plötzlich klingelte das Telefon“, erzählt Konstantin Rethwisch. „Boy, unser Vater, war dran und völlig aufgelöst. Die USA würden angegriffen, und sie seien daheim in Sorge um unsere Sicherheit.“ Auf dem Fernsehsender CNN verfolgten sie das Geschehen nach den Terroranschlägen. Am Tag nach dem grausamen Geschehen an der Ostküste war auch Los Angeles wie gelähmt. „Niemand war auf der Straße, es flogen keine Flugzeuge. Die Nationalgarde pa­trouillierte, sogar Panzer kamen. Es war total surreal“, erinnert sich Kon­stantin Rethwisch.

Shakehand mit der Queen-Legende May

Zwei Jahre später war er es, der zuerst nach Deutschland zurückging. „Ich wollte noch ein paar andere Sachen ausprobieren.“ Es folgte ein halbes Jahr Schauspiel- und Tanzunterricht an der Stage-School in Hamburg. „Das war es aber nicht“, sagt er. „Die Quetscherei in die Ballettstrümpfe, das war nichts für mich.“ Danach ging er für anderthalb Jahre nach Köln und sang und tanzte im Musical „We will rock you“. Seine Motivation, sich nach nur einem halben Jahr Unterricht ins Casting mit Welthits von der Gruppe Queen zu wagen, erklärt er so: „Ich wollte unbedingt Brian May die Hand schütteln.“

Es war eine harte Zeit. Achtmal in der Woche auf der Bühne, sonnabends und sonntags in zwei Shows. Lohn der Mühe waren erstmals ein gutes Einkommen und später bei einem gemeinsamen „Wetten-dass ..?“-Auftritt tatsächlich ein Shakehand mit der Queen-Legende May, aber auch mit Popstar Robbie Williams. Trotzdem beendete er auch dieses Engagement. Nicht das Singen fremder Texte als Darsteller war der Weg, sondern der Prozess des Musikmachens und der Inhalt waren wichtig. „Ich wollte etwas Eigenes schaffen.“ Und weil auch der Bruder wieder zu Hause war, machten sie weiter, wo sie schon einmal waren: Der Ältere arrangierte und produzierte, und der Jüngere brachte Stimme, Bühnenpräsenz und Textqualität ein. „Das sind verschiedene Metiers, deshalb funktionieren wir als Brüderpaar“, sagt Alexander. „Selbst wenn wir streiten, ist es egal. Am nächsten Morgen bist du immer noch der Bruder“, sagt der andere.

Konstantin Rethwischs Augen funkeln. „Fragen Sie ihn mal, wie seine erste Band hieß.“ Genervter Blick. Augenrollen. „Dann erzähle ich es. Die Band hieß Little Rascals, kleine Schlingel, und sie spielte Musikstücke von den B-Seiten großer Bands. Ein Kracher.“ Der große Bruder lächelt milde. „Wir waren auf einer Insel“, sagt er. „Da konnte man froh sein, überhaupt eine Band zusammenzubekommen.“ Und geschadet hat es offensichtlich auch nicht.