Elbphilharmonie

Heikles Programm mit Stärken – und hörbaren Schwächen

| Lesedauer: 4 Minuten
Helmut Peters
Geiger Christian Tetzlaff spielte mit dem Bundesjugendorchester in der Elbphilharmonie.

Geiger Christian Tetzlaff spielte mit dem Bundesjugendorchester in der Elbphilharmonie.

Foto: Giorgia Bertazzi

Das Bundesjugendorchester hatte ein Avantgardewerk wohl zu wenig geprobt. Der Rest gelang besser – auch dank Christian Tetzlaff.

Hamburg.  Es liegt in der Natur eines aus stets wechselnden Mitgliedern bestehenden Landesjugendorchesters und natürlich auch des Bundesjugendorchesters, dass nicht jede Arbeitsphase von besten Ergebnissen gekrönt sein kann.

Für seinen Auftritt am Sonntag in der Elbphilharmonie hatte sich das Bundesjugendorchester unter dem Dirigenten Francesco Angelico allerdings auch ein sowohl technisch als auch interpretatorisch heikles Programm gewählt, das vielleicht zu den bedrückenden Zeichen unserer Gegenwart passen mochte, aber für die vielen Familien zum Teil mit kleineren Kindern im Großen Saal bestimmt nicht ganz so leicht zu verdauen war.

Elbphilharmonie: Bundesjugendorchester mit hörbaren Schwächen

Die 1954 entstandenen Variazioni für Orchester des 1975 gestorbenen italienischen Avantgardisten Luigi Dallapiccola legten zu Beginn eine Reihe von Schwächen der aktuellen Besetzung im Bundesjugendorchester offen. Gleich das Quasi lento, misterioso, in dem Dallapiccola sein zwölftöniges Variationsthema vorstellt, geriet in der Horngruppe bemerkenswert unsauber. Weit besser agierten die Holzbläser, besonders die Solo-Flötistin Yara Maria Reichle und die Solo-Oboistin Cecilia Kaiser, im Mosso – scorrevole.

Abgesehen von den tonlichen Unreinheiten bei den Hörnern fehlte dem Stück aber sowieso die innere Spannung und man wurde das Gefühl nicht los, dass das kurze Werk gegenüber den größeren Werken im späteren Verlauf vielleicht doch viel zu kurz geprobt und vorbereitet worden war.

Auch wenn das Thema im hart und laut angestimmten Allegro – con violenza von der Trompete und dem begleitenden Xylophon dann schön exponiert wurde, zerfiel die Spannung schnell und der Satz zerbröselte. Die Kunst ist es ja eben, bei einem eher spröden Ausdruck eines solchen späten Werkes der Dodekaphonie, die großen Bögen zu verstehen und gezielt aufzubauen.

Elbphilharmonie-Konzert: Heikles Programm vom Bundesjugendorchester

Dies gelang dann auch viel besser bei der hochvirtuosen Fantasie für Violine und Orchester op. 24 von Josef Suk, dem Schüler und späteren Schwiegersohn von Antonín Dvořák. Es war natürlich in erster Linie Christian Tetzlaffs Verdienst, mit seinen hochvirtuosen Soli in diesem Werk die jungen Leute im Orchester mitzureißen. Man spürte sein Bemühen, eine große Nähe zu jedem einzelnen Musiker aufzubauen.

Nach dem lustvoll angestimmten, fast opernhaft-dramatischen Orchestereinstieg jagte ein brillanter melodischer Einfall den anderen. Und Tetzlaffs Aufgabe war es, die Motive in seiner Solopartie gleich zu verarbeiten und in vertrackt anspruchsvolle Abwandlungen voller Doppelgriffe und rasender Läufe zu verwandeln.

Das Bundesjugendorchester und Francesco Angelico gerieten dabei richtig in Fahrt, egal ob eine lange Violinkantilene von präzisen Pizzicati in den Streichern begleitet wurde oder die Flöte in einen munteren Dialog zum Solisten trat. Schön gelangen die oft so spontan aufblitzenden Steigerungen in Tempo und Dynamik und der ebenso rasche Wechsel zurück zur gefälligen, zuweilen ganz unschuldig folkloristisch inspirierten Melodik, die gleich wieder neue Sprungbretter für Christian Tetzlaffs wilde Violin-Parcours bot.

Besser geprobt, aber bedrückend

Eine tolle Idee war es, dass Tetzlaff als Zugabe danach einen Satz aus einem Dvořák-Trio für zwei Violinen und Bratsche spielte, für die er die Konzertmeisterin und die Stimmführerin der Bratschen als Begleiterinnen zu sich bat.

Besser geprobt, aber bedrückend in ihrer düsteren Botschaft stand am Ende die mehr als eine Stunde dauernde Sinfonie Nr. 11 op. 103 „Das Jahr 1905“ von Dmitri Schostakowitsch, die der Komponist dem sogenannten „Petersburger Blutsonntag“ und dem Tod Tausender protestierender Arbeiter vor dem Palast des Zaren in jenem Jahr gewidmet hatte. Eindrucksvoll spielte das Bundesjugendorchester das Adagio zu Beginn.

Ein Vorbote des folgenden Grauens, den der mit drastischen und bildhaften Klangbildern so erfahrene russische Sinfoniker in eine wie erstarrt wirkende nebulöse Streichereinleitung gehüllt hatte, die nur von leisen, wie aus der Ferne herüberwehenden Wirbeln einer kleinen Trommel unterbrochen wurde.

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