Elbphilharmonie

Erina Yashima: Ein neuer Stern am Dirigentinnenhimmel

| Lesedauer: 4 Minuten
Helmut Peters
Die Dirigentin Erina Yashima begeisterte in der Elbphilharmonie.

Die Dirigentin Erina Yashima begeisterte in der Elbphilharmonie.

Foto: Todd Rosenberg Photography

NDR Orchester ließ ein beeindruckendes Panorama kompositorischer Vielfalt entstehen. Die Dirigentin schuf ungeheure Lebendigkeit.

Hamburg. Wo sonst vermischen sich die Attribute unterschiedlichster Kulturen besser als in der Musik? Keine Sprachbarrieren behindern hier das Verständnis gesprochener oder geschriebener Worte. Es genügt eine Klangfärbung, ein spezifisches Skalensystem oder ein bestimmtes Instrument, um Assoziationen zur jüdischen, arabischen oder afrikanischen Kultur auch in westlich geprägter Musik wachzurufen.

Viele Musikerinnen und Musiker sind ja sowieso zu Weltbürgern geworden, manche von ihnen fanden durch Flucht und Vertreibung anderswo eine neue Heimat, andere gingen zur Fortbildung in die Fremde und fanden dort Inspirationen.

Ein beeindruckendes Panorama multikultureller kompositorischer Vielfalt ließ das NDR Elbphilharmonie Orchester unter der Leitung der deutsch-japanischen Dirigentin Erina Yashima am Donnerstag in der Elbphilharmonie entstehen.

Elbphilharmonie: Konzert mit arabischer Harmonik

Schon das kurze Stück „Ramal“ für großes Orchester des in Damaskus als Sohn eines syrischen Vaters und einer amerikanischen Mutter geborenen Kareem Roustom schwankte zwischen arabischer Harmonik und Rhythmen, die auch dem Jazz amerikanischer Musik entlehnt schienen.

Das lebendige Werk zwang mit einem kraftvollen Einstieg voll harter Orchesterschläge und Blechbläserpartien von Beginn an zur Aufmerksamkeit. Ein wirbelndes Motiv sprang rasch durch alle Orchesterregister, bevor die Unruhe in sich zusammenfiel und, wenn auch nur sehr kurz, einem elegischen Streicherthema Raum gewährte.

Rhythmik, die als Soundtrack für einen Thriller hätte dienen können

Mit einer erneuten, fast schon groben Steigerung war man aber schnell wieder zurück in einer von Marimbaklängen und Schlagzeug verzierten Rhythmik, die fast als Soundtrack für einen filmischen Thriller hätte dienen können.

Fantastisch war es anzusehen und anzuhören, wie die junge Dirigentin, die seit einem halben Jahr auch Erste Kapellmeisterin an der Komischen Oper Berlin ist, die genial auskomponierten Übergänge von Energetik zu Ruhe und von wuchtigem Fortissimo zu geheimnisvoll leisen Klangflächen mit dem Orchester hinzauberte. Manch eine Melodielinie zerfaserte dabei und ging im kontrastreichen Orchesterumfeld voller sprudelnder Bläserfiguren und Paukenschlägen unter.

Elbphilharmonie: Intensität an Ausdruck, die unter die Haut geht

Nicht weniger universell war die nachfolgende Hebräische Rhapsodie für Violoncello und Orchester mit dem Titel „Schelomo“ des aus der Schweiz stammenden, aber den Großteil seines Lebens in Amerika zubringenden Komponisten Ernest Bloch vom Beginn des 20. Jahrhunderts.

Eigentlich hatte der in jüdischem Umfeld groß gewordene Komponist einmal Orchesterlieder nach biblischen Texten Salomos (Schelomos) geplant, sich dann aber entschlossen, die Singstimme durch ein Solocello zu ersetzen.

Diese Solopartie nun spielte beim NDR-Konzert der 22-jährige Spanier und einstige Stipendiat der Anne-Sophie Mutter Stiftung Pablo Ferrández mit einer Intensität an Ausdruck, die sofort unter die Haut ging. Die von ihm exponierten pseudojüdischen Melodiefloskeln wanderten durch alle Orchesterregister und wurden von sich kräuselnden Laufgirlanden der Holzbläser gleich wieder mitgerissen.

Yashima baute ein enormes Spannungspotential bei den Steigerungen im Orchester auf, ließ den klagenden Kantilenen des Cellos, die Fernández mit großen Vibrati fast beben ließ, aber stets genug Raum.

Auch in Antonín Dvořáks so herrlich erfrischender, mit vielen folkloristischen Anleihen seiner tschechischen Heimat bestückter Sinfonie Nr. 5 op. 76 schuf Erina Yashima eine ungeheure Lebendigkeit und ließ der Spielfreude ihres NDR Elbphilharmonie Orchesters freien Lauf.

Bei alldem kam sie mit ganz sparsamen Gesten aus, um maximale Wirkungen zu erzielen. Und vor allem die Holzbläser durften sich über die vielen schillernden Soli freuen, die Dvořák seinen Musikern in diesem Werk einmal mehr schenkte.

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