Lesung Hamburg

Heinz Strunk disst Ostseebad im Schauspielhaus

| Lesedauer: 6 Minuten
Heinz Strunk am Lesepult (Archiv): Im Schauspielhaus verstieg er sich auch zu einem Ostseebad-Diss gegen Niendorf.

Heinz Strunk am Lesepult (Archiv): Im Schauspielhaus verstieg er sich auch zu einem Ostseebad-Diss gegen Niendorf.

Foto: Imago/Agentur 54 Grad

Bestsellerautor trat mit „Ein Sommer in Niendorf“ vor seiner Stammkundschaft auf. Und die bekam, wonach sie lechzte: den puren Heinzer.

Hamburg. Gegenüber liegen die Räume von Rowohlt, seines Verlags. Im Schauspielhaus werden die Theaterstücke gezeigt, die er mit Studio Braun inszeniert hat. Und gelesen hat er hier auch mehr als einmal. Heinz Strunk war also zu Hause, als er zur Lesung seines immens erfolgreichen neuen Romans antrat.

Was heißt erfolgreich: „Ein Sommer in Niendorf“, jene düster versoffene Ostseeballade, ist ein Tophit gewesen in den Urlaubsmonaten. Nummer eins auf der Bestsellerliste, Strunks dritte wirklich viel verkaufte Buchveröffentlichung nach „Fleisch ist mein Gemüse“ und „Der goldene Handschuh“. Ein Überraschungsdurchstarter auch für den Autor selbst, so ließ sich im Gespräch vernehmen.

Heinz Strunk, ein Mann der Mitte und für alle

Was zeigte sich im Theater? Die komplette Anschlussfähigkeit des monothematischen Vielseitigkeitskünstlers, über den, Achtung These ohne jegliche geografisch exakt vorgenommene Beweisführung, nirgends so gelacht wird wie in seiner Heimatstadt.

Heinz Strunk, ein Mann der Mitte und für alle: Ältere, Jüngere, Männer, Frauen, Bürger und Antibürger, Sakkoträger und T-Shirt-Träger. Für Menschen mit grauen Haaren, blonden Haaren und auch blauen Haaren. Feuilleton und Schützenfest. Sie waren alle da, und ein bestens aufgelegter Strunk, weißes Hemd, Jacket mit Einstecktuch, enterte selbstgewiss die Bühne und schaltete umgehend und beherzt in den Ironie-Modus.

Heinz Strunk konsultierte „Starlogopäde Professor Pfläumlein“

Aufgrund der Eremitage in seiner Altonaer Schreibklause in den letzten schwierigen Jahren befürchte er, „dass der Grad meiner Verschrobenheit noch mal angestiegen ist“, sagte Strunk, „ich weiß nicht, ob ich den hohen Anforderungen, die das zeitgenössische Entertainment stellt, noch entspreche.“

Aber er habe zuletzt seinen Sprachfehler versucht zu beheben. Mit dem „Starlogopäden Professor Pfläumlein“ gab es laut Strunk also angeblich „Exerzitien“, in der „an der Aussprache geschraubt“ wurde.

Heinz Strunk packt wieder die Querflöte aus

Beim Blick in die vollen Reihen des Schauspielhauses dürfte Strunk viel Stammkundschaft gesehen haben. Man weiß ja, was man kriegt, und geht immer gern zu den Strunk-Ereignissen, bei denen stets auch Querflöte gespielt wird, meist ganz zum Schluss.

Diesmal gab Strunk eine (umgetextete) Version von Rocco Granatas Schlager „Marina“ zum Besten, erst gesungen, dann querflötiert. Savina, nicht Marina heißt die junge Bedienung im Touri-Restaurant, der sein notgeiler Romanheld, der Jurist und Möchtegernautor Roth, sinnlos hinterhersteigt.

Heinz Strunk blieb zum eigenen Bedauern nüchtern

Als Strunk zur finalen Musikeinlage ansetzte, waren fast zwei Stunden mit einem glänzend unterhaltenen Publikum vorbei. Einem Publikum, dem Strunk vorher eine spezielle Ehrbezeugung („Sie sind für mich keine amorphe Masse, sondern jeder für sich ist ein Kunde“) zukommen ließ und das er gleich zu Beginn der Veranstaltung über seine Pläne für die 20-minütige Pause informierte: „Ich werde genau eine halbe Flasche Rotwein einatmen.“

Womit er, der zum eigenen Bedauern vor jener angekündigten Pause noch „gleißend nüchterne“ Autor, beim Thema war. In seiner vorgelesenen komprimierten Version, in seinem Schweinsgalopp durch „Ein Sommer in Niendorf“ dominierten die Passagen, in denen Roth gegen, mit und für seine Nemesis kämpft, den Appartmentverwalter und Schnapsverkäufer Breda.

Breda säuft sich an Roth heran, und gegen anfängliche Widerstände ergibt sich der irgendwann in sein Promilleschicksal. Roths Existenz erleidet einen willentlich und willenlos herbeigeführten Totalabsturz. Es ist alles ein totales Desaster. Das ist das Thema dieses Buchs, das ist das Grundthema in Strunks Werk.

Strunk-Humor, bis sich die Balken biegen

Und mit dem bestreitet Strunk seit fast zwei Jahrzehnten gefeierte Leseabende, in denen sich, je nach Humorverständigkeit der Zuhörerinnen und Zuhörer, die Balken biegen.

Auch im Schauspielhaus nuschelte Strunk sich mit Vollgas in seinen aktuellen Roman, stürzte sich mit Verve in die Wörter. Großes Programm mit kleinen Mitteln: einem Pult, einem Mikro. Einem Text, der strunkisch gebaut ist, also beides können muss, die Lesenden zu Hause bei der individuellen Lektüre und das Publikum als kollektive Zuhörerschaft überzeugen.

Deshalb ist Strunks Humor oft leise und laut zugleich. Oder es ist sogar so, dass auf einer Lesung Tieftrauriges komisch erscheint, weil die Dürftigkeit des Lebens so grell ausgestellt wird. Comic relief ist hier nichts oder alles.

Heinz Strunk disst das Ostseebad Niendorf

Strunk wählte seine Live-Munition geschickt, zog die Karte Thomas Mann („Die Nachmittage vergeudete er mit Briefeschreiben, der Trottel“) und sparte auch, na klar, den vielzitierten Ostseebad-Diss („Nightmare in Niendorf“) nicht aus.

Aus seinem Roman destillierte Strunk die unheilvolle Liaison seiner Antihelden Roth und Breda; verstand sich auf die Raffung des Sinkprozesses, in dem sein jämmerlicher Roth rettungslos begriffen ist. Abscheu, Hass, Niedertracht, es ist alles zum Totlachen, gerade, wenn Strunk selbst es ist, der den Vortrag des menschlichen Dramas übernimmt.

Strunk setzt den literarischen Knock-out

Savina („Was für ein geiles Stück“) bleibt unerreichbar für den traurig abgewirtschafteten Roth, und Strunk, der selbsterklärte Archivar von Schnacks und Redensarten, präsentierte dem für jede Hässlichkeit dankbaren Publikum auch einen Satz, den er nachträglich und quasi inoffiziell in den Text hineinstrickte: „Man soll nicht lecken, bevor es tropft.“

Am Ende war man erschöpft vom Elend, literarisch K.O. gesetzt vom Meister des Tristen.

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