Konzertkritik

Elbphilharmonie: Gesang erschütternd, Gestaltung phänomenal

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Helmut Peters
Elbphilharmonie: Der Bariton Matthias Goerne sang Mahlers Orchester-Lieder und Gesänge aus „Des Knaben Wunderhorn“.

Elbphilharmonie: Der Bariton Matthias Goerne sang Mahlers Orchester-Lieder und Gesänge aus „Des Knaben Wunderhorn“.

Foto: Caroline De Bon / Caroline de Bon

Im Konzert des NDR Elbphilharmonie Orchesters beeindruckte vor allem die Gestaltungskunst des Baritons Matthias Goerne.

Hamburg. Mit Gustav Mahler teilte der fast fünfzig Jahre jüngere russische Sinfoniker Dmitri Schostakowitsch eine von Zweifeln durchdrungene Weltanschauung, in der die Widersprüche unseres Lebens auch mit Mitteln der Ironie und der Negation aufgegriffen und musikalisch verarbeitet werden. Im Konzert des NDR Elbphilharmonie Orchesters unter der Leitung des kolumbianischen Dirigenten Andrés Oroczo-Estrada am Donnerstag wurden zwei Werke dieser Komponisten gegenübergestellt, die das fast exemplarisch zeigten und stilistisch eng miteinander verwandt sind.

Elbphilharmonie: Erschütternder Gesang von Goerne

Zunächst sang der Bariton Matthias Goerne Mahlers Orchester-Lieder und Gesänge aus „Des Knaben Wunderhorn“, in denen zerstörte Idyllen in den poetischen Vorlagen Achim von Arnims und Clemens Brentanos, vor allem aber in der Vertonung quasi Programm sind. In wiegendem Rhythmus begann das „Rheinlegendchen“ und Goerne wandte sich fast schunkelnd nach links und rechts, als er vom goldnen Ringlein als Liebespfand sang, das doch gar zu leicht in den Wellen des Flusses versinken kann.

Hunger, Tod und Krieg sind in diese Liedern allgegenwärtig und es war erschütternd, wie Goerne in „Das irdische Leben“ von einem um Brot bettelnden und schließlich verhungernden Kinde sang und die sarkastisch doppelbödige Fröhlichkeit von Mahlers Orchesterbegleitung einen so bitterbösen Kontrast zur dargestellten Realität darstellte.

Elbphilharmonie: Phänomenaler Körpereinsatz

Ein herrliches Oboensolo von Kalev Kuljus begleitete den Sänger in „Urlicht“, aber als vom Englein die Rede war, das den in größter Not flehenden Menschen abweist, setzte Mahler gleich scharfe Piccoloflöten ein. Die Gestaltungskunst Matthias Goernes, der ja bei der Deutschen Grammophon mit dem Pianisten Daniil Trifonov eine so fantastische Serie von Liedaufnahmen veröffentlicht, ist phänomenal.

Mit großem Körpereinsatz, Armbewegungen und Mimik unterstreicht der Sänger die bitteren Botschaften etwa im Lied „Revelge“, das Mahler mit einer fast fratzenhaften Marschpersiflage begleitet. Und es gelingt ihm hier wie auch im Lied vom traurigen Tamboursg’sell, der sich im Angesicht des Galgens von der Welt verabschiedet, die vielen Zwischentöne herauszuarbeiten, die Mahler in seine Vertonungen einflicht.

Elbphilharmonie: Schostakowitsch – Meister der Zwischentöne

Auch Schostakowitsch war ein Meister der Zwischentöne und versteckten Botschaften, wie das NDR Elbphilharmonie Orchester und Maestro Orozco-Estrada mit dessen Sinfonie Nr. 5 op. 47 am Ende zeigten. Das Werk aus dem für Schostakowitsch schicksalhaften Jahr 1937 ist zum Sinnbild für das Talent des Komponisten geworden, Botschaften musikalisch zu verschlüsseln, um sich vom Stalin-Regime keinen Maulkorb anlegen zu lassen.

Tatsächlich bediente sich der Russe in diesem Werk auch an Tonfolgen aus Mahlers zuvor gehörtem Lied „Des Antonius von Padua Fischpredigt“ und Orozco-Estrada gestaltete ein rasantes Scherzo-Allegretto, das sowohl an Mahler als auch die tänzerischen Rhythmen von Schostakowitschs Jazzsuiten erinnerte.

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