SHMF

Konzert in Sporthalle: „Die Elbphilharmonie kann einpacken!“

| Lesedauer: 3 Minuten
Verena Fischer-Zernin
Omer Meir Weiber ist Dirigent, Akkordeonist und Schriftsteller.

Omer Meir Weiber ist Dirigent, Akkordeonist und Schriftsteller.

Foto: Wilfried Hoesl

Wegen eines Wasserschadens musste das Schleswig-Holstein Musikfestival umziehen. Das Orchester trotzte mit Raffinesse der Akustik.

Hamburg.  Ein Festival zu organisieren, verlangt einiges an Improvisationstalent. Nachdem die Norderstedter TriBühne den ganzen Sommer hindurch wegen eines Wasserschadens ausfällt, heißt SHMF-Intendant Christian Kuhnt, um einen launigen Spruch selten verlegen, das Publikum zum Konzert des Schleswig-Holstein Festival Orchestra unter der Leitung des diesjährigen Porträtkünstlers Omer Meir Wellber „in der Moorbek-Philharmonie“ willkommen – Gelächter im Publikum – und scherzt weiter: „Die Elbphilharmonie kann einpacken!“

Nun ja… nicht ganz. Eine Sporthalle ist und bleibt eine Sporthalle, auch wenn sich die Verantwortlichen alle Mühe gemacht haben. Schon in Reihe sieben ist fast nichts mehr von der Musik zu hören. Insbesondere die Geigen in der ersten Fanfare des Doppelkonzerts von Brahms klingen, als hätte man ihnen eine Decke übergeworfen. Und auch Veronika Eberle an der Solovioline und Steven Isserlis am Cello arbeiten sichtlich, um etwas rüberzubringen. Immer wieder muss man sich beim Hören den Wunsch verbieten, an imaginären „Volume“- und „Treble“-Knöpfen zu drehen.

SHMF: Gäste jubeln in Sporthalle – statt Elbphilharmonie

Sind die Ohren erst einmal eingenordet, ist es ein ganz zauberhafter Abend. Wo hat man im Alltag schon ein ganzes Orchester voller junger Leute, die spieltechnisch im Saft stehen und schier um ihr Leben spielen vor Begeisterung? Die Stimmung kocht, in den hinteren Rängen jubeln die Fans.

Was unter den akustischen Verhältnissen nicht leidet, sind Raffinesse und Empfindung der Darbietung. Eberle und Isserlis musizieren aus dem Moment heraus und reagieren seismografisch aufeinander, beziehen das Orchestertutti mit allen rhythmischen Vertracktheiten mühelos ein. Es ist ein später Brahms voll Ernst und Tiefe, ohne Abstriche.

Ballade „Alma“: Hommage an ermordete Geigerin

Meir Wellber als Porträtkünstler hat das Programm mitgestalten dürfen. Bei der sinfonischen Ballade „Alma“ für Klarinette, Akkordeon und Orchester von Joe Schittino, uraufgeführt Anfang dieses Jahres, greift der Dirigent zum Akkordeon, bleibt allerdings eng in Kontakt mit dem Orchester. Und wenn er gerade spielt, leitet der Klarinettist Alessio Vicario die jungen Musiker. Das ist ein schönes Bild für das, was sich Meir Wellber dabei gedacht hat, zwei Doppelkonzerte aufs Programm zu setzen: Sein Motto laute „Freundschaft“, schreibt er im Programmheft.

Trotzdem bleiben Fragen offen. Die Ballade ist zwar farbig instrumentiert und gut anzuhören, aber eine Spannungsentwicklung fehlt. Und wenn das Stück eine Hommage an die von den Nazis ermordete Geigerin Alma Rosé ist, warum bekommt dann die Geige nur ganz am Schluss ein kurzes Solo?

Eine wirkliche Entdeckung ist die erste Sinfonie von Paul Ben-Haim, der 1933 aus Deutschland nach Tel Aviv emigriert ist. Der Komponist verbindet darin gekonnt seine sinfonische Prägung mit Jüdisch-Religiösem und arabischen Tanzweisen. Packende, dichte, anspruchsvolle Musik.

Als Zugabe spielen Meir Wellber am Akkordeon und die Streicher „Oblivion“ von Ástor Piazzolla. Und die Bläser schwenken die Pultleuchten dazu. Was für ein beseeltes Fest.

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Kritiken