Elbphilharmonie

James Conlon: Alptraumhaftes neben märchenhafter Musik

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Beim Philharmoniker-Konzert in der Elbphilharmonie zog Dirigent James Conlon das Publikum nicht aus seinen Sitzen (Archivbild).

Beim Philharmoniker-Konzert in der Elbphilharmonie zog Dirigent James Conlon das Publikum nicht aus seinen Sitzen (Archivbild).

Foto: Roland Magunia / Funke Foto Services

Vor der Sommerpause spielen die Philharmoniker Schostakowitsch und Zemlinsky. Der zweite Teil gelang Conlon besser – deutlich.

Hamburg. Jede Aufführung einer Schostakowitsch-Sinfonie, die nicht kompromisslos an die Grenzen des Notwendigen geht, hat ihren Daseinszweck erst noch zu suchen. Dass James Conlon für die letzten Philharmoniker-Konzerte vor deren Sommerpause die Neunte als Programm-Bestandteil angenommen hatte, zeigte, dass er um die brisante Höhe dieser Messlatte wusste. Nur leider dirigierte er am Sonntagvormittag das auf scheinharmlos umgeschminkte Stück nicht entsprechend eindeutig und überzeugend.

Okay war es, das schon, alles war gut zurechtsortiert dort, wo es hingehörte: Die auf blauäugig machenden Humor-Momente, die sich immer wieder in Ironie und Sarkasmus steigern; die so gerade eben noch ungalligen Militaria-Parodien, die das ansonsten sehr leicht reizbare Sowjet-Regime amüsieren sollten.

Elbphilharmonie: Der zweite Teil gelinkt Conlon besser

Conlon konnte all das im Griff behalten. Er ist bei solchem Repertoire einer dieser What-you-see-is-what-you-get-Dirigenten, der handwerkliche Genauigkeit und routinierte Erfahrung auf einen Nenner bringen kann. Das funktionierte, aber: Es regte nicht auf, es zog nicht aus dem Sitz, da es nicht jeden Moment ums Ganze ging.

Ungleich interessanter und dankbarer gelang Conlon der zweite Teil, nicht nur, weil mit Zemlinskys H.-C.-Andersen-Vertonung „Die Seejungfrau“ eine Rarität aus dem frühmodernen Wien Eingang ins Abo-Sortiment fand, die gern öfter gebracht werden könnte. In diesem Dreiakter, sehr seelenverwandt mit dem angeberisch Prächtigsten von Strauss und Debussy, funkelt, wogt, schmachtet und moussiert es derart hinreißend spätestromantisch in der Partitur, dass man fürs Verlangweilen schon sehr gegen die opulent ausformulierten Jugendstil-Klangwellen anschwimmen muss.

Conlon dagegen machte nun alles richtiger als zuvor, gönnte sich für das Breitwand-Opus des Schönberg-Schwagers Zemlinsky auch mal den farbsatten, breiten Strich anstatt nur analytischere Kleinteiligkeit und disziplinierte Formstrenge. Hier war das ganz große Ohrenkino gefragt und erlaubt, hier kamen Begeisterung und intensives Wollen im Umgang mit diesem Märchenstoff ohne Happy End ins Spiel. Geht also doch.

Das Konzert wird am 27.6., 20 Uhr, wiederholt. Evtl. Restkarten an der Abendkasse.

( jomi )

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