Elbphilharmonie-Konzert

Joyce DiDonato: Wie eine archaische Priesterinnen-Zeremonie

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Joyce DiDonato auf ihrem Performance-Podest in der Elbphilharmonie.

Joyce DiDonato auf ihrem Performance-Podest in der Elbphilharmonie.

Foto: Sebastian Madej

Mit bestaunenswerter Leichtigkeit stellt die Mezzosopranistin ihre Konzept-Performance „Eden“ vor. Dem Publikum gab sie eine Aufgabe.

Hamburg. Eine weltbekannte Mezzosopranistin, die nach ihrer 70-Minuten-Show den „The Young ClassX“-Chor aus zehn Mädchen auf die Elbphilharmonie-Bühne holt, um mit ihnen das Säen von Hoffnung zu besingen? Was, bitte, ist daran nicht zu mögen, und Vorsicht Phrasenschleuder: erst recht in diesen Zeiten?

Gegen Krieg und für Frieden hatte sich Joyce DiDonato schon 2018 eine Konzert-Performance maßschneidern lassen. Nun, vorab auf einer Konzept-CD festgehalten, immer noch richtig und wichtig, doch angesichts der akuten Lage im irgendwie leicht falschen Moment: „Eden“. Kleiner hatte sie es nicht.

Elbphilharmonie: Joyce DiDonato schenkt Publikum Blumensamen

Eins werden mit der Natur, hinhören, ins große Ganze hineinfühlen und Schönes schöpfen. Im Programmheft lag als Bonus-Aufgabe für jede(n) Einzelne(n) von der Sängerin eine Portion Wildblumensamen für den Privatgebrauch. 45 Stationen auf fünf Kontinenten soll die „Eden“-Tour haben, dazu Workshops, verbunden mit Experten-Initiativen.

Ein gutes Anliegen, irgendwo zwischen angebrachter Verzweiflung, theatralisch überhöhtem Aktivismus und betreutem Waldbaden. DiDonato ist jetzt so, sie will es nicht mehr anders. Das ist bewundernswert, weil sie große Fragen stellt, ohne realistische oder gar rationale Antworten bieten zu können.

Hörbar machte sie diese suchende Haltung zu Beginn: Das Kammerorchesterchen Il Pomo d’Oro, eigentlich auf barocken Originalklang geeicht, spielte Ives’ Avantgarde-Klassiker „The Unanswered Question“. DiDonato „sang“ textlos den Part der nach Erhellung fragenden Trompete, während sie sich wie in einer archaischen Priesterinnen-Zeremonie aus dem dunklen Saal-Rang der Bühne näherte. Dort wartete ein Podest, mit einem Puzzle, das zwei große Kreise ergab. Alles sehr anspielungsstark, während DiDonato sich wand oder von der existenziellen Wucht ihrer Themen auch mal auf den Boden geworfen wurde.

Joyce DiDonato singt mit bestaunenswerter Leichtigkeit

Ausdrucksstark und mit enorm stilsicherer Hand zusammengestellt war ihre Musikauswahl aus fast fünf Jahrhunderten, von sehr frühem Nischen-Barock, gekonnt tänzelnd, bis zu „Nature, the gentlest mother“ von Copland, der wundersam verrätselte Texte von Emily Dickinson vertont hatte. DiDonatos seidenweiche, leuchtende, fein schattierende Stimme vereinte das extrem unterschiedliche Repertoire mit bestaunenswerter Leichtigkeit.

Mittendrin eine Arie aus Myslivečeks „Adam und Eva“-Oratorium, etwas Gluck und als spätromantische Entrückung zwei passende Rückert-Lieder von Mahler: „Ich atmet’ einen linden Duft“ und, noch schöner, noch zarter, „Ich bin der Welt abhanden gekommen.“ Sogar die Zugabe nach dem Mädchen-Chor war noch Teil dieses Ganzen: Händels „Ombra mai fu“, die schönste Liebeserklärung aller Zeiten an eine schattenspendende Platane.

Aufnahme: „Eden“ (Erato, CD ca. 17 Euro)

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