Premiere

„Die Eiskönigin“: Dieses Musical legt eine Schippe drauf

| Lesedauer: 6 Minuten
Tino Lange
Musical "Die Eiskönigin" feiert Premiere in Hamburg

Musical "Die Eiskönigin" feiert Premiere in Hamburg

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Ein hervorragendes Ensemble, tolle Songs, Kostüme und Effekte. Spannung, Dramatik und Witz: Hamburg hat eine neue Musical-Königin.

Hamburg. Eigentlich hatten sie ihre beste Zeit im Kinderzimmer der Tochter schon hinter sich: Das Spielzeug-Schloss Arendelle, die beiden Elsa-Puppen, Anna, Kristoff, Olaf und Sven. Das Elsa- und das Anna-Kleid. Trinkbecher, Turnbeutel, Schlafanzug, T-Shirt und Unterbüx. Was sich halt so ansammelt in den Jahren nach der ersten von vielen Begegnungen mit Disneys Animationshit „Die Eiskönigin“ auf dem Bildschirm und der Kinoleinwand. Dann aber kommt Stage Entertainment und bringt das Broadway-Musical nach Hamburg ins Stage Theater an der Elbe. Ganz tolle Idee.

Es ist eine fantastische Idee. Die Premiere am Montag, die verschoben wurde, um den Werbeeffekt von 14 Millionen „Wetten, dass..?“-Zuschauenden mitzunehmen, ist das großartigste Musical-Ereignis, dass man seit vielen Jahren in der Hansestadt erleben kann.

Die Pandemie und die Umstände vor und nach der ersten Aufführung bleibt natürlich präsent. Aber „Die Eiskönigin“ hat alles, was ein unterhaltsamer Musical-Abend braucht. Ein hervorragendes Ensemble, tolle Songs, Aufbauten, Kostüme und Effekte. Spannung, Dramatik und Witz.

„Die Eiskönigin“: Musical macht mehr Spaß als die Filmvorlage

Tatsächlich macht das Musical sogar fast noch mehr Spaß als die unfassbar erfolgreiche Filmvorlage aus dem Jahr 2013. Zumindest wenn man den Film bereits mindestens zehn Mal mit der Tochter sehen musste. Die Handlung auf der Bühne folgt in weiten Teilen der Leinwandvorlage, ergänzt und streicht aber, wo es Sinn macht.

Aber auch in Hamburg beginnt alles mit den jungen Prinzessinnen von Arendelle: Elsa kann mit geheimnisvollen, kaum kontrollierbaren Kräften Schnee und Eis hervorzaubern, gestalten und formen. Springinsfeld Anna hat diese Gabe nicht, aber immer tolle Ideen, was man damit machen könnte. Einen Schneemann zum Beispiel.

Doch Elsas Magie birgt Lebensgefahren, und so muss sie ihr Talent verstecken, bis es nach ihrer Krönung auffliegt und sie vom Hof fliehen muss in die Einsamkeit eines Schlosses aus Eis in den Bergen. So verursacht Elsa einen ewigen Winter und Not für die Einwohner von Arendelle. Anna, der Eisverkäufer Kristoff und sein Rentier Sven brechen in die Kälte auf, um Elsas Herz zu erweichen.

Schöneres Bühnenbild als am Broadway

Das alles wird auf der Bühne in schnellen Wechseln zu einem cool glitzernden Leben erweckt. LED-Effekte und das nordisch angehauchte, „hyggelige“ Bühnenbild sind so kitschig wie schön anzuschauen – und stellt nebenbei einfach mal die vor drei Jahren angelaufene Broadway-Version im übertragenen Sinn in den Schatten. Wow.

Aber nicht nur den großen Schauwerten, auch in den Details weiß „Die Eiskönigin“ zu glänzen. Das Puppenspiel von Rentier Sven, in dem Antoine D. Banks-Sullivan ohne Sicht liegen muss, und von Schneemann Olaf alias Elindo Avastia übertragen alte Künste charmant in die Moderne.

Die Hauptrollen von Anna und Elsa wurden ideal besetzt

Aber alles steht und fällt natürlich mit Anna und Elsa, und hier wurden mit Celena Pieper und Sabrina Weckerlin die Idealbesetzungen gefunden. Die anspruchsvolle Rolle der mutigen wie naiven und überkandidelten Prinzessin Anna erfordert maximale Vielseitigkeit, Akrobatik beim Tanz im Glockenkleid und ein Feingefühl für Tollpatschigkeit, die bei allem Witz nicht bloßstellen darf. Diese Aufgabe meistert Celena Pieper bravourös. Nicht zu vergessen den Gesang, der den Großteil der zwei Stunden ausmacht. Die neun Lieder des Filmsoundtracks werden im Musical variiert und ergänzt, zwei Dutzend Songs stehen auf den Noten der Band im Orchestergraben.

Das zentrale Lied „Lass jetzt los“ („Let It Go“) gehört natürlich ganz Sabrina Weckerlin als Elsa. Schon das Original aus dem Film ist eine schwierige Nummer, und die Musical-Adaption legt noch mal eine Schippe höchster Töne drauf. Aber Weckerlin besteigt diesen Nordberg begleitet von einem spektakulären Kleiderwechsel so gut, dass sie die Premierengäste aus den Sitzen reißt. Überhaupt gibt sie der unterkühlten Herrscherin über Eis und Kristall eine fragile Eleganz und Tiefe, die die Film-Elsa mit ihren niedlichen Glubschaugen nicht erreichen kann.

„Die Eiskönigin“: Musical wird hohen Erwartungen gerecht

Auch die begleitenden Rollen überzeugen mit Spielfreude. Eric Minsk als gockelhafter Herzog von Witzbühl … ääh ... Pitzbühl und Benet Monteiro als heimlich verliebter (in Anna, nicht in sein Rentier) Kristoff ernten ebenso verdiente Lacher und Applaus wie Milan van Waardenburg als Prinz Hans aus dem Süden, der seine undankbare Rolle als einziger Bösewicht und zotige Tanzposen bei „Liebe öffnet Tür’n“ mit entsprechender Selbstironie annimmt.

Die Kinderdarstellerinnen, die Tanzgruppen, die kurzen Rollen, Band, Regie, Bühnenbild: So schwer die Proben und die Arbeiten unter Pandemiebedingungen waren, so leicht bringen sie es gemeinsam auf und über die Bühne. Das war nicht unbedingt erwartbar bei einem Musical, das mit den gewaltigen Marken Disney und „Die Eiskönigin“ im Rücken entsprechend hohe Erwartungen weckt. Wenn es überhaupt etwas zu bemängeln gibt, dann vielleicht die für Kinderohren stellenweise überzogene Lautstärke.

Prominente feiern Musical „Die Eiskönigin“ in Hamburg

Das Premierenpublikum, von der Prominenz bis zum kleinen Mädchen im Elsa-Kostüm, schmilzt jedenfalls dahin bis zum langen Schlussapplaus. Es schneit Konfettischnipsel, von denen man noch Tage etwas haben wird Zuhause. Dort heißt es dann auch im Spielzeug-Schloss Arendelle der jungen Premieren-Begleiterin wieder: „Sie öffnen die Fenster und die Tür. Das gab es hier seit langer Zeit nicht mehr.“ Sagt den Wachen: Öffnet nun das Tor. Das! Tor!

„Die Eiskönigin – Das Musical“ tägliche Vorstellungen bis Oktober 2022, Stage Theater an der Elbe, Karten ab 55,90 unter www.stage-entertainment.de

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