Konzertkritik

Smarte Geigerin glänzt in der Elbphilharmonie

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Die Geigerin Hilary Hahn spielte in der Elbphilharmonie (Archivbild).

Die Geigerin Hilary Hahn spielte in der Elbphilharmonie (Archivbild).

Foto: IMAGO / ZUMA Wire

Hilary Hahn und Robert Trevino mit Sibelius und Mussorgsky im Großen Saal. Wie hier auf Kontrastwirkungen gesetzt wurde.

Hamburg. Manche Konzertprogramme bewegen sich eher auf einem pulsschonend harmonischen Mittelweg zum Schlussapplaus; andere suchen und finden ihren Weg in die Extreme, um ihre Möglichkeiten zur faszinierenden Überwältigung voll auszureizen. Der Abend mit der Geigerin Hilary Hahn, dem Turiner RAI-Orchester und Robert Trevino als Mittler und Motor auf dem Dirigentenpult setzte ganz auf rasante Kontrastwirkungen: Zwischen Hahns hauchleise verstummendem Spitzentönchen, der den Mittelsatz von Sibelius’ Violinkonzert wie eine entspannt ins Nichts schmelzende Schneeflocke beendete, und dem fröhlich brachialen Dröhnen im Finale von Mussorgskys „Bilder einer Ausstellung“ lagen Welten.

Welten und Schauwerte, die Hahn und Trevino im Großen Saal der Elbphilharmonie bravourös auskosteten. Hahn, so uneitel wie smart wie kaum eine andere Virtuosin ihrer Liga, ist für Sibelius existenzialistische Grübeleien mit Orchesterbegleitung eine ziemlich ideale Besetzung.

Konzertkritik: Stück schildert Schmerz der Einsamkeit

Denn sie geht der Versuchung der andächtig staunenden Landschaftsnachmalerei, mit der man Sibelius zum oberflächlichen Skandinavien-Postkarten-Vertoner reduzieren würde, nicht auf den Leim, sondern hat den Mut, diese langen Melodiebögen und die manischen Ausbrüche als Seelenbrodeln und Abschied von den Idyllen der Spätestromantik zu verstehen. Das Stück ist schmerzhaft, hochaktuell im verzweifelt-bockigen Taumeln. Es schildert, alles andere als kühl, den Schmerz der Einsamkeit und die Hoffnung auf Linderung. Und all das hörte man bei ihr, als reife, gereifte Leistung.

Der Texaner Trevino und das italienische Orchester gönnten sich anschließend in Mussorgskys Galerienrundgang das verständliche Vergnügen, jedes der Bilder als Bravourstück darzustellen. Viele sicher gestandene Solo-Gelegenheiten, die Sogwirkung, die mit jedem Wiederkehren des Promenade-Themas wuchs und wuchs, das verständliche Vergnügen daran, die Maschine Orchesterapparat einmal wieder voll aufzudrehen – all das war nicht direkt tiefgründelnd, aber dennoch ein echter Spaß.

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