Edgar Selge

Deutsche Brutalität und Häftlinge beim Hauskonzert

| Lesedauer: 7 Minuten
Schauspieler Edgar Selge präsentierte am Donnerstagabend sein Memoir "Hast du uns endlich gefunden" im Hamburger Schauspielhaus.

Schauspieler Edgar Selge präsentierte am Donnerstagabend sein Memoir "Hast du uns endlich gefunden" im Hamburger Schauspielhaus.

Foto: Thorsten Ahlf / FUNKE Foto Services

Bühnenstar Selge stellte sein erstes Buch im Schauspielhaus vor. Beim Publikum regte sich Unmut – jedoch nicht gegen den Schauspieler.

Hamburg. Eine persönliche Neuerfindung könnte man das nennen. Wenn ein 73-jähriger Schauspieler seinen ersten Roman veröffentlicht. Und Edgar Selge ist nicht irgendein Schauspieler. In Hamburg schon gar nicht, wo er am Schauspielhaus zuletzt heftig gefeiert wurde für das Ein-Person-Stück „Unterwerfung“. Selge monologisierte sich 2016 auf beeindruckende Weise durch die mitteleuropäischen Kulturkämpfe und Männlichkeitskrämpfe Michel Houellebecqs.

Selge hätte auch scheitern können, wenn er nun, als gestandener, gepriesener Mime, von der Bühne in die Schreibproduktion wechselt. Ist er aber nicht, wie die ersten Reaktionen auf sein Memoir „Hast du uns endlich gefunden“ belegen: Sie sind durchweg begeistert. Bei einem Auftritt mit diesem Buch an genau dem Ort, der zum Schauplatz einer seiner größten Triumphe wurde, untermauerte Edgar Selge den Verdacht, dass ihm im Herbst seiner Karriere tatsächlich etwas Außergewöhnliches gelungen sein könnte.

Edgar Selge stellt "„Hast du uns endlich gefunden“ in Hamburg vor

Wie wäre es zum Beispiel mit der Klassifizierung von „Hast du uns endlich gefunden“ als einem bedeutenden deutschen Gesellschaftsroman und außerdem einem Coming-of-age-Roman von Rang? Fünf Jahre lange, erläuterte Selge seinem Hamburger Publikum, habe er an dem Text gearbeitet. Dabei ist der nicht mal so lang, aber der zeitliche Umfang bezieht sich doch, das sollte umstandslos einleuchten, auf ganz andere Dinge: Hier trug einer vielleicht ein halbes Leben lang ein Buch im Kopf herum, und er fand, als er endlich damit anfing, nicht gleich die Form für das, was er erzählen will. Nämlich nichts anderes als die eigene Familiengeschichte.

So schilderte es Selge, der in Sportschuhen und bequemem Hemd ziemlich uneitel auf die Bühne kam. Er sprach von der Familie als „Zelle der großen Dramen“, und von den Ohrfeigen, mit denen sein Vater einst die Welt besser machen wollte. Die Schläge des Vaters waren im solcherart autoritären Herforder Elternhaus Selges die wiederkehrenden kleinen Dramen; und sie waren die Symbole für eine von Weltkrieg und Nazismus verheerte Elterngeneration.

Häftlinge mussten bei Hauskonzerten von Selges Familie erscheinen

Mit Moderatorin Iris Radisch („Die Zeit“) navigierte Selge durch den Text und seine Bedeutungsebenen. Radisch verkündete gleich am Anfang das Offensichtliche: Das biografische Material Selges ist unbedingt romanhaft. Dieses Aufwachsen in der Familie des Direktors einer Justizvollzugsanstalt für Jugendliche, in der die Häftlinge zur gegenseitigen Erbauung bei den Hauskonzerten der Selges auftauchen mussten: Hier war das kunstbeflissene Bildungsbürgertum zu Hause, mit Piano, Dostojewski und Sonaten von Brahms.

Das Reifen und Wachsen, das stille Verzweifeln am Tod zweier Brüder. Der eine starb krank, der andere zermantscht von einer Nachkriegsgranate. Das neugierige Betrachten des Generationskonflikts: Wie die überlebenden Brüder die Eltern vor die Wand der bei denen weiter bestehenden antisemitischen Ressentiments laufen ließen. Und der Lebens-, Erfahrungs- und Kinohunger des Heranwachsenden, der sich nachts unter großen Ängsten hinausschlich, um Filme zu sehen.

Edgar Selge gibt Einlicke ins Emotionsmanagement seiner Eltern

Selge („Eigenes Erleben streicht man nicht so einfach durch. Meine Eltern brauchten ein Leben lang, um zu erkennen, wie falsch ihre Ansichten waren“) erzählt im Buch und berichtete auf der Bühne vom Emotionsmanagement seiner Eltern. Und von dem Jungen, der er war. Radisch, die nach eigenem Bekunden Selges Roman zwei Mal „atemlos“ gelesen hat, nannte dessen Erzählton „magisch“. Wenn man ehrlich ist, offenbarte sich diese Magie tatsächlich erst so richtig im Live-Moment. Als Selge ein vor allem leichtfüßiges Kapitel aus „Hast du uns endlich gefunden“ las, in dem es um die tragisch-komischen Fahrversuche der Mutter geht, offenbarte sich das Funktionieren von Selges eigentlich kritisch zu betrachtender Entscheidung, seinem zwölfjährigen Helden oft die späte Sprache des deutlich Älteren zu verpassen.

Der Edgar seines Textes sei eben auch eine Kunstfigur, das Personal grundsätzlich literarisch überspitzt, um diese Geschichte zu erzählen, in der „Bildung mit der Brutalität der deutschen Vergangenheit gemischt“ sei, so Selge. Und so geht das halt doch gut aus, das Überblenden der Bewusstseinsebenen. „Hast du uns endlich gefunden“ ist kein handelsübliches, eher überflüssiges Schauspielerbuch à la Milberg; im Hinblick auf den auch warmherzigen Angang an die eigene Sippe („Ich glaube, ich werde meinen Eltern gerecht, das Buch ist aus Liebe geschrieben“), die Existenzschwere des Verlusts, die Außergewöhnlichkeit des Aufwachsens in Nachbarschaft zu einer Anstalt und den Humor erinnert es frappant an Joachim Meyerhoff autobiografischen Zyklus.

Bedrohungsterror des Vaters und sexuelle Gewalt

Für den Roman- und auch den echten Edgar übernahmen die Aufgabe der elterlichen Konfrontation mit der schuldhaften Vergangenheit die Brüder. Aber Iris Radisch hatte eben doch nicht ganz Recht, wenn sie den Aspekt der persönlichen Abrechnung ganz ausschalten wollte. Indem Selge diesen ganzen ideologischen Sumpf und die Gewalt, die an einem bestimmten Punkt auch eine sexuelle war, indem er den Bedrohungsterror des Vaters so dominant in den Mittelpunkt rückt, ist sein Text halt auch eine verspätete Anklage. Die Kriegsgeneration wird nicht geschont durch Beschweigen ihres Irrwegs, im Gegenteil.

Die Moderatorin Radisch arbeitete den Nukleus des Werks, der gleichzeitig der Kern der Familie und des deutschen Verhängnisses ist, sorgsam heraus – warum war da, trotz all der Kultur, so viel Gewalt? Spätestens als der von der literaturgeschichtlichen Versiertheit Radischs, die unter anderem und keineswegs unpassenderweise Imre Kertesz (der sinngemäß meinte, dass es Auschwitz nicht trotz, sondern wegen der deutschen Kultur gab) anführte, sichtlich erschlagene Selge auf vorübergehende Tonprobleme beinah schreckhaft reagierte, war die dunkle Seite des Landes der Dichter und Denker ausreichend behandelt.

„Ist etwas“, entfuhr es dem Bühnen-konditionierten Selge da mit Blick zum Off – es war aber, bildlich gesprochen, nur der von Radisch hartnäckig bewerkstelligte Einbruch des Ernsten in die eben, bei Selges Lesung von der Fahrprüfung der Mutter, noch vorherrschende Heiterkeit. Oder eben ein nicht störungsfreies Mikrofon.

Publikum äußert Unmut bei Buch-Besprechung

Teilen des Publikums passte übrigens Radischs zugegeben etwas zu großer Redeanteil nicht. Am Ende äußerte diese Motzfraktion lautstark und, das muss man sagen, in der vorgebrachten Vehemenz nicht unbedingt sympathisch seinen Unmut bezüglich Radischs engagiertem Vortrag. Und was tat der grandiose Schauspieler Edgar Selge, der nun auch als Autor einen Namen hat und weiß, welche Situation welche Geste erfordert? Bevor er dem Verlangen des Publikums nachkam und eine weitere Textstelle las, bedankte er sich bei der Moderatorin für die klugen Fragen. Und eine Umarmung bekam Radisch später auch noch.

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Kritiken