Elbphilharmonie-Kritik

Frontaldynamik: Bei diesem Dirigent geht die Post ab

| Lesedauer: 3 Minuten
Helmut Peters
Der Dirigent Colin Currie entwickelt beim Konzert im Großen Saal der Elbphilharmonie eine enorme Energie.

Der Dirigent Colin Currie entwickelt beim Konzert im Großen Saal der Elbphilharmonie eine enorme Energie.

Foto: Claudia Höhne

Die Colin Currie Group huldigte Steve Reich in der Elbphilharmonie energetisch. Einen kleinen Makel hatte das Konzert dennoch.

Hamburg. Es war auf jeden Fall ein Konzert, das die ganze Vielfalt von Steve Reichs Ausdruckswelten komprimiert an drei Beispielen widerspiegelte. Viel zu oft wird der US-amerikanische Komponist ja auf die Merkmale der sogenannten Minimal Music reduziert, die in Wirklichkeit viel mehr ist als eine Reihung von Wiederholungsmustern mit wechselnden, ihre eigentliche Dramaturgie bestimmenden Kontrastflächen. Anlass für das von der mit seiner Musik so eng vertrauten Colin Currie Group veranstaltete Steve-Reich-Event am Dienstag in der Elbphilharmonie war auch der 85. Geburtstag dieses, man möchte fast sagen, wahren Popstars der Neuen Musik am 3. Oktober.

Erst vor elf Tagen war im Concergebouw Amsterdam von diesen Interpreten und den Synergy Vocals Reichs jüngstes Stück „Traveler’s Prayers“ für elf Instrumentalisten und vier Stimmen zur Uraufführung gelangt und wir konnten in Hamburg nun die deutsche Erstaufführung erleben.

Elbphilharmonie: Gesang entfaltet ganz eigenen Zauber

Für Reichs meist rhythmisch aufgepeitschte, relativ kurze Musikstücke erschien der ruhige Duktus des gebetartigen Gesangs von „Traveler’s Prayers“ nach biblischen, auf Hebräisch gesungenen Texten und Psalmen eher ungewohnt. Er beziehe sich bei diesem während der Pandemie 2020 geschriebenen Werk auf Texte, die in hebräischen Gebetsbüchern üblicherweise dem vollständigen Gebet von Reisenden hinzugefügt werden, erklärt der Komponist deutsch-jüdischer Abstammung.

Die hohen Männer- und Frauenstimmen entfalteten in Kombination mit einzelnen, elektronisch verstärkten Geigen- und Marimba-Tönen einen ganz eigenen Zauber. Reibungen entstanden bei den oft lang und ohne Vibrato ausgehaltenen Klängen, wenn bestimmte Intervalle bei kanonischen Einsätzen oder in Kombination mit den Instrumenten der Colin Currie Group aufeinandertrafen.

Dieses Vokalwerk war weit zurückhaltender als Steve Reichs lebendiges Stück „Runner“ für großes Ensemble aus dem Jahr 2016, mit dem der Schlagzeuger und Dirigent Colin Currie in einer Art Frontaldynamik den Abend eröffnet hatte. Schon sein Auftritt mit einer Armbewegung, als wolle er einen Tennisball aufschlagen, und sein Sprung aufs Dirigentenpult hatten angedeutet, dass gleich die Post abgehen würde.

Elbphilharmonie: Orchesterinstrumente zeitweise überdeckt

Die Klangebenen wechselten dann auch wie von einem Schalter umgelegt schlagartig. Es war allerdings schade, dass der Soundingenieur des Abends die beiden Vibraphone viel zu laut ausgesteuert hatte und damit die Orchesterinstrumente überdeckte.

Ein fast oratorisches Sakralwerk stellte am Ende „Tehillim“ mit seinen Psalmtextvertonungen aus dem Jahr 1981 dar. Begleitet von kleinen, gestimmten Tamburinen, Maracas-Rasseln, Marimba, Vibraphon und Crotales und sogar zwei elektrischen Orgeln hatten die Vokalisten nicht nur zu singen, sondern dabei auch in die Hände zu klatschen. Und dabei zeigte sich dann auch, was für ein Meister Steve Reich in der Erzeugung schillernder Klangfarben sein kann.

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Kritiken