Elbphilharmonie-Kritik

Christiane Karg singt berührend: Was für ein Mahler-Abend!

| Lesedauer: 3 Minuten
Verena Fischer-Zernin
Christiane Karg begann ihre Karriere an der Hamburgischen Staatsoper, nun begeisterte sie bei ihrem jüngsten Konzert in der Elbphilharmonie.

Christiane Karg begann ihre Karriere an der Hamburgischen Staatsoper, nun begeisterte sie bei ihrem jüngsten Konzert in der Elbphilharmonie.

Foto: Gisela Schenker

Die Sopranistin bringt dem Publikum Mahler jenseits der maximalen Erschütterung nahe. Beim Hören bleibt einem schier der Atem stehen.

Hamburg.  Wenn die Sopranistin nur den Kopf leicht neigt, ist das ein Ereignis. Manche Kollegin schlachtet Liederabende theatralisch aus, wechselt zwischendrin die Robe oder arbeitet gar mit Requisiten. Das ist nicht verboten; man soll mit der Zeit gehen, und die ist eine des visuellen Wetteiferns um Aufmerksamkeit. Christiane Karg hingegen verlässt sich auf die Musik. Sie braucht keine Märzchen, sondern stellt sich einfach hin und singt. Mahler in dem Fall.

Ein Mahler-Liederabend? Der hat doch Orchesterlieder geschrieben? Hat er auch – aber eben nicht nur. Für solche Entdeckungen ist Karg, die ihre Programme mit skrupulöser Sorgfalt plant, immer gut. Im Verein mit ihrer Klavierpartnerin Ulrike Payer bringt sie dem Publikum im Kleinen Saal der Elbphilharmonie einen Mahler jenseits der XXL-Orchesterbesetzungen und maximalen Erschütterungen nahe – beginnend mit Liedern und Gesängen aus der Jugendzeit des Komponisten, die es tatsächlich nur mit Klavier gibt. Das früheste Lied aus dem Programm, „Hans und Grete“, hat Mahler 1880 auf einen eigenen Text geschrieben.

Elbphilharmonie: Karg und Payer treffen mitten ins Herz

Von den ersten Tönen des einleitenden „Frühlingsmorgen“ an bauen Karg und Payer eine Spannung auf, die ins Innen führt, die keine Ablenkung zulässt. Zu Anfang ist der Klavierklang ein wenig zu präsent im Vergleich zur Singstimme, aber das gibt sich bald. Klavier und Gesang bilden eine wirkliche Einheit, atmosphärisch, metrisch, klanglich. Die beiden fühlen den Gefühlszuständen des Komponisten bis in die feinsten Regungen nach, stauen das Tempo, tasten, zögern, lassen es fließen – und treffen mitten ins Herz. Kaum ein Huster stört die ergriffene Stimmung im Saal.

Karg hat eine magische Art, die Lieder zu erzählen; fast vergisst man über ihrer durchdachten Textgestaltung die schiere Schönheit ihrer Stimme. Die setzt die Sängerin nie als Selbstzweck ein, sondern stellt sie in den Dienst dessen, worum es geht. Berückende Legatopassagen über große Intervalle hinweg, der enorme Tonumfang der Mahler-Lieder, endlose Melodiebögen – nichts davon scheint Karg Mühe zu bereiten.

„Er klopft so leis“, singt sie in „Ich ging mit Lust durch einen grünen Wald“ und senkt ihre Stimme ab zum äußersten pianissimo, dass einem schier der Atem stehenbleibt beim Hören. Für den Sarkasmus der Fischpredigt des Heiligen Antonius aus den Wunderhorn-Liedern reichen ihr winzige Farbnuancen aus. Und das so berühmte wie rätselhafte „Ich bin der Welt abhanden gekommen“ lassen Karg und Payer meisterlich in der Schwebe. Was für ein Mahler-Abend!

Christiane Karg singt für Plan International

Die Stiftung Hilfe mit Plan hatte die Künstlerinnen für das Konzert gewonnen, veranstaltet hat es die Hanseatische Konzertdirektion. Karg ist Botschafterin der Initiative Plan International. Das Anliegen, die Stärkung der Rechte von Mädchen, ist nicht hoch genug zu loben, nur fallen An- und Abmoderation denkbar zäh aus.

Doch Karg hat auch nach der langen Mahler-Strecke noch den dramaturgischen Impetus, den Abend mit Musik ausklingen zu lassen, und singt ein Schlaflied der besonderen – durchaus politisch grundierten – Art von Xavier Montsalvatge: Schlafen soll das Kindchen mit der kaffeefarbenen Haut, denn sonst kommt der weiße Teufel, und der könnte es essen. Eine sanft wiegende Habanera, abgründig und sehr berührend zugleich.

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