Buch-Kritik

Jonathan Franzen wird im neuen Buch zum Familienanzünder

| Lesedauer: 12 Minuten
Jonathan Franzen, Jahrgang 1959, ist der wichtigste amerikanische Autor der Gegenwart.

Jonathan Franzen, Jahrgang 1959, ist der wichtigste amerikanische Autor der Gegenwart.

Foto: Ennio Leanza / picture alliance/AP Photo

In seinem neuen Roman „Crossroads“ porträtiert der gefeierte Schriftsteller den kulturellen Wandel der US-Gesellschaft in den 1970er-Jahren.

Hamburg.  Was böte sich als dramatisches Element für ein Normalleben Besseres an als eine Midlife-Crisis? Und in dieser Krise speziell der Ausweg, woraus auch immer, dem eigenen Leben oder der Krise, im Sexuellen? Und wo könnte man dies zugespitzter in Szene setzen als bei einem Pastor?

Russ Hildebrandt heißt die Figur, die der Literaturweltstar Jonathan Franzen mit seinem neuen Roman „Crossroads“ in die Weltliteratur einführt. Er ist Mitte 40, seit mehr als 20 Jahren mit Marion verheiratet. Sie haben vier Kinder. Russ, ein supermoralischer Typ, dessen oberste Instanz Gott ist, begehrt seine Frau nicht mehr. Seine „Seelenfenster“, wie Franzen Pastor Hildebrandts sensorische Antennen nennt, die das Brennen in der Lende miteinschließen, sind weit geöffnet für andere Frauen. „Jetzt, mit fünfundvierzig, sah er Schönheit, wo er ging und stand“, schreibt der am Menschlichen, allzu Menschlichen eminent interessierte Erzähler Franzen.

Jonathan Franzen ist der entschiedenste Menschenerkunder der Gegenwartsliteratur

Und so sind es die 40-Jährigen, 30-Jährigen, 20-Jährigen, die Hildebrandts Interesse wecken. Das Interesse eines tugendhaften, ehrenwerten Mannes!

Der Mann Gottes, der vom Pfad nicht nur der Religion abkommt, der Ehebruch, das ist einer der Handlungsstränge in Jonathan Franzens um 1970 spielenden Roman. Jenem 832 Seiten langen Auftakt einer Trilogie, der der Meister den Obertitel „Ein Schlüssel zu allen Mythologien“ gegeben hat. Ein Zitat aus George Eliots „Middlemarch“, das nur nebenbei; natürlich hat Franzen das Format, ganz ernsthaft intertextuell mit den Werken der Literaturhistorie zu arbeiten. „Crossroads“ ist sein erster Roman seit „Purity“ (dt. „Unschuld“, 2015), einem tollkühn geplotteten, unterhaltsamen Roman über manische Weltbessermacher und Enthüllungsplattformbetreiber, Journalismus, die DDR und das Internet. Und, unnötig zu sagen: die Familie. Über familiäre Bande (in diesem Fall: eine Vatersuche und geheime Verwandtschaften) und andere Beziehungsnetze, die das Wesen menschlichen Mit- und Gegeneinanders ausmachen.

Jonathan Franzen ist der entschiedenste Menschenerkunder und Familienanzünder der Gegenwartsliteratur. Wobei, was das mit dem Anzünden angeht: Es braucht nicht viel, um romanhandlungsmäßig das, was sich Menschen mit demselben Genmaterial antun, in Gang zu setzen. Man nennt das literarischen Realismus.

„Crossroads“: Ein Stresstest für die ganze Familie

Im Falle von „Crossroads“ ist es also die Familie Hildebrandt, die Franzen einem Stresstest unterzieht. Vater Russ bewundert nicht nur verdruckst Frauen, wenn er durch seine Gemeinde in einer Kleinstadt im Mittleren Westen zieht. Er steigt auch der verwitweten Frances Cottrell hinterher. Deren Sohn wiederum wird von Russ‘ Sohn Perry mit Marihuana beliefert. Perry ist eine manisch-depressive Intelligenzbestie mit Drogenproblem. Sein ältester Bruder Clem wiederum ist ein überernsthafter, reflektierter junger Mann, der gerade angefangen hat, aufs College zu gehen und damit die Distanz zu seinem einst vergöttertem Vater weiter vertieft: Das älteste Kind der Hildebrandts ist der Atheist im Hause. Seine jüngere Schwester Becky wiederum, zu der Clem ein inniges Verhältnis hat, ist jedermanns Liebling an der Highschool. Bis sie bekifft ein religiöses Erweckungserlebnis vor dem Altar hat. Judson, der neunjährige jüngste Spross, ist der einzige, der keine Rauschmittelerfahrung macht.

Auch 1971, als die gesellschaftliche Flowerpower vor allem Joint-infiziert war, waren Minderjährige von der grassierenden Bewusstseinserweiterung ausgeschlossen. Judson bleibt in „Cross­roads“ Zaungast: Wir werden sehen, wie gut oder schlecht es Franzen in den beiden folgenden Bänden mit ihm meint. „Ein Schlüssel zu allen Mythologien“ wird, teilt der Rowohlt Verlag (der wenig zurückhaltend im Hinblick auf die annoncierte Trilogie von „einem der größten literarischen Projekte unserer Zeit“ spricht) mit, das Schicksal der Romanhelden bis in die Gegenwart verfolgen.

Russ Hildebrandt symbolisiert die Schwäche Amerikas

Bleibt, als Letzte im Familienpersonal, die Ehefrau und Mutter Marion. Sie ist drei Jahre älter als der aus einer Mennonitensiedlung in Indiana stammende Russ und hat eine traumatische kalifornische Vergangenheit, von der ihr Mann nichts ahnt.

In diesem ersten Band der anvisierten Saga, in der Franzen die zerstörerischen Kräfte freisetzt, die in jeder Familie walten, ist der Kulminationspunkt aller Ereignisse der 23. Dezember 1971; wie schon in Franzens größtem Hit „Die Korrekturen“ von 2001 (20 Jahre sind, leider, weg wie nichts, auch im Kontinuum der Bücher, die wir lesen) ist es das Weihnachtsfest, das alle Familienmitglieder auf Gedeih und Verderb zusammenbringen soll. An jenem Tag spielt der Roman hauptsächlich, und er schildert so die Dynamik aus Liebe und Hass, Anziehung und Abstoßung, Rivalität und Loyalität wie in Superslowmotion.

Das liegt am epischen Prinzip des Erzählers Franzen, dessen Schlüssel zu allen Konflikten die Psychologie ist, und der in akkurat aufgefächerten Szenen und pointierten Dialogen seine Geschichten aus der Schreckenskammer des Familienverbundes erzählt. Die Seelenfenster, die er auf diese Weise bei allen seinen Protagonisten öffnet, sind die Seelenfenster einer Nation. Russ Hildebrandt, der König der eifrigen Selbstbefrager („Er allein, von allen Menschen auf der Welt, war ein falscher Fuffziger, er allein war ein Gespenstmensch“), symbolisiert in diesem Sinne die Schwäche Amerikas zu der Zeit, in der der Roman spielt. Die große Erzählung vom gerechten Land ist mit dem Krieg in Vietnam perdu, Amerika gefangen im verlorenen Glauben an sich selbst.

Hildebrandt wird von Teenagern gemobbt

Die prächtige und beinah zu großzügige Romanarchitektur erlaubt dem Erzähler Retrospektiven bis in die Zeit des Ersten Weltkriegs und die 1920er-Jahre. Es gibt die Hintergrundgeschichten und Stammbäume der Eheleute Russ und Marion zu bewundern, und was sich dadurch vor den Lesenden entblättert, ist ein Panoramabild der Vereinigten Staaten des 20. Jahrhunderts.

Das Hauptinteresse gilt freilich den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg, die in die Zeit der Bürgerrechtsbewegung, der Anti-Vietnamkrieg-Proteste und der Hippies münden. In diesem multiperspektivischen Roman porträtiert Franzen ausführlich jene Epoche, in der die Blumenkinder gegen ihre Eltern aufbegehrten und Autoritäten radikal infrage gestellt wurden.

Ein Opfer dieser jugendlichen Selbstermächtigung ist Russ Hildebrandt. Die Teenager können nichts mit ihm anfangen und mobben ihn aus der Jugendgruppe der Gemeinde. Ein Jugendleiter verdrängt ihn aus seiner Rolle des Ansprechpartners. Fortan verfolgt Russ den Rivalen mit ungezügeltem Hass; aber er wäre nicht der Diener Gottes, der er eben nicht ist, würde er sich nicht selbst jeden Tag für diesen Hass, seine eigene Eitelkeit und Heuchelei beschimpfen. In „Crossroads“ ist jede Figur irgendwann auf dem Sühne- und Selbstbestrafungstrip. Das Büßergewand ist stets griffbereit, das ist der Fluch des Pfarrhauses.

Franzen zeichnet ein Sittenbild des amerikanischen Lebens

Geschwister, die einander verachten, Eltern, die manchen ihrer Kinder zu wenig Sympathien entgegenbringen: Den niederen Verhaltensweisen, dem Berechnenden im Umgang miteinander widmet Franzen mit Hingabe sein Augenmerk. Dass das Familienoberhaupt im Begriff ist, eine Affäre zu beginnen, ist nur oberflächlich der Auslöser für die Spaltung der eigensinnigen Sippschaft.

Die giftige Mischung aus Hohn und Genervtsein, die auf unterschiedlichen Charaktereigenschaften und Prägungen fußt, gärte lange und wird von Franzen so detailliert geschildert, dass die Romanüberlänge überhaupt nicht verwundert. „Crossroads“ schneidet, indem es seinen Figuren auf alltäglichen Wegen folgt, Themen an, deren Aktualität evident ist. Sexuelle Übergriffigkeit (selten ist sie so schusselig-naiv anzutreffen wie bei Russ Hildebrandt), afroamerikanische Deklassierung, Drogenkonsum, die Bedeutung der Popkultur: Franzen zeichnet ein Sittenbild des amerikanischen Lebens, das im Hinblick auf seine Prä-Internet-Wirklichkeit dann aber auch wieder lange her zu sein scheint.

Während Clem am College seine Sexualität entdeckt, erwacht bei Becky doch noch – freilich ohne dabei ihrem durch seine Uncoolness in der Gemeinde zum Gespött gewordenen Vater nahezukommen – ihre Religiosität. Sie kommt mit Tanner zusammen, einem von Gott beseelten Folksänger.

Dennoch ist die Hochphase der Jugendrevolte, in der der Roman spielt, eine Zeit, in der die Religion als Identifikationsmodell längst auf dem absteigenden Ast ist. Franzens Idee, die christliche Rechtschaffenheit von Russ und Marion Hildebrandt, auf die angesichts des Ehebruchs die eigene Vergangenheit und die dazugehörigen sexuellen Ausschweifungen hereinbrechen, auf eine harte Probe zu stellen, ist so einfach wie genial. Wo wäre die Fallhöhe gewaltiger als bei denen, die nach Gottes Wort leben?

Hassdialoge und Showdowngespräche sind unvergessliche Szenen im Buch

Die Zentrifugalkräfte, die die Familie auseinanderzutreiben scheint, sind dieselben, die die amerikanische Gesellschaft in verschiedene Richtungen lenkt. Hier droht der amerikanische Familientraum zu implodieren; Franzen ist zumindest versucht, gnadenlos die Keimzelle der Nation auseinanderfliegen zu lassen. Als die Jugend die Fesseln vorbestimmter Lebenswege ablegte, gewann sie Freiheit von allen Konventionen. Clem wird im Fortgang der Handlung auf der Suche nach sich selbst in Peru sein, während seine Schwester den genau umgekehrten Weg geht. Sie bleibt in dem Kaff, in dem sie geboren wurde.

Es gibt einige unvergessliche Szenen in diesem Buch, Hassdialoge und Showdowngespräche, in denen sich seine Figuren verwundbar und aggressiv zeigen. Franzen, bei dem man sich mitunter durchaus fragen kann, wie gnädig er bei allem Humor wirklich mit seinen Figuren ist, schickt Russ bei seiner Joint-
Premiere wenig überraschend auf einen üblen Paranoiatrip, während Perrys finaler Rausch unbedingt herzzerreißend ist. Als Opferlamm für das wüste Tun seiner Erzeuger, die Gottes Strafe mit Hingabe annehmen, taugt der Teenager nur bedingt, es fehlt ihm die Unschuld. Aber er muss als Erlöser herhalten; sein Leiden, das ihn an den Rand der physischen Existenz bringt, ist eine harte Nummer. Franzens Einfühlung in Perrys Unglück untermauert die Kraft der Literatur: „Als Perry [seinen Bruder] hinfallen und schnell wieder aufstehen sah, bedauerte er es, nicht mehr so klein zu sein, dass Hinfallen nicht wehtat. Er erinnerte sich gar nicht mehr daran, wie es sich anfühlte, wenn der Boden so unbedrohlich nah war. Warum hatte er es derart eilig gehabt, groß zu werden? Es war, als hätte er die Gnade der Kindheit nie
erlebt.“

„Crossroads“ ist ein hemmungsloser Roman über Menschen, in dem Gefühle wie Sehnsucht und Scham nachvollziehbar werden. Der Roman handelt von Menschen, die über ihr Handeln manisch nachdenken, aber nie so gut sind, wie sie gerne wären. Wenn es drauf ankommt, taugt Gott als Fluchtpunkt nicht mehr. Es wird viel geweint, weil Franzen seinen Figuren auch kathartische Momente gönnt. Amerika, das ist in den 70er-Jahren vor allem eine Gesprächstherapie. Sie bringt mehr als alle Gebete.

Jonathan Franzen stellt „Crossroads“ am 16.10., 19.30 Uhr, per Videoschaltung aus Amerika im Rolf-Liebermann-Studio vor.

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