Elbphilharmonie

Teodor Currentzis macht eine bejubelte Ankündigung

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Verena Fischer-Zernin
Teodor Currentzis, dirigierte in der Elbphilharmonie (Archivfoto).

Teodor Currentzis, dirigierte in der Elbphilharmonie (Archivfoto).

Foto: picture alliance

Der charismatische Dirigent gab im Großen Saal ein Konzert mit dem SWR Symphonieorchester und ließ die Corona-Vorgaben vergessen.

Hamburg.  Eigentlich müsste man dem SWR Symphonieorchester die kalte Schulter zeigen, dieser Kopfgeburt einer sparwütigen Rundfunkanstalt. Leichen pflastern seinen Werdegang, hatte man doch in ihm doch zwei sehr feine Klangkörper mit sehr eigenständigen Profilen verbacken, nämlich das Radio-Sinfonieorchester Stuttgart und das SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg.

2012 wurde das Gemetzel beschlossen, die Kulturszene hallte wider von Aufschreien der Empörung und zunehmend auch der Verzweiflung. Nichts zu machen. 2016 ging das Hybridwesen an den Start. 2018 wurde Teodor Currentzis Chefdirigent, ein Popstar seiner Zunft, der um seiner Selbstinszenierungen und seiner extremen Interpretationen willen durchaus umstritten ist.

Teodor Currentzis reißt das Publikum in der Elbphilharmonie vom Hocker

Wie gesagt: eigentlich müsste man. Aber die Musik ist wieder mal stärker. Bei ihrem Gastspiel in der Elbphilharmonie reißen die Künstler das Publikum samt der Rezensentin umstandslos vom Hocker.

Ein Abend Prokofjew? Wohlan, so etwas schärft die Ohren. Zum Beispiel für das zeitgeschichtliche Schillern der fünften Sinfonie. Prokofjew schrieb sie 1944, da war er aus dem amerikanischen Exil zurück in der stalinistischen Sowjetunion. Und nannte dieses heroische, vor Blech und Schlagwerk gleißende Werk ein „Lied auf den freien und glücklichen Menschen“. Beim Hören stellt sich ob des affirmativen Gestus denn auch immer wieder leises Unbehagen ein.

Musiker spielen im größten Getümmel präzise

Die Wiedergabe aber ist exquisit. Plastischer, federnder kann man die vielen Szenen, die Kontraste und jähen Umbrüche nicht erzählen, von den filmmusikartig breitflächigen Kantilenen bis zu den auskomponierten Schicksalsschlägen mit Gong, Piccologeschrei und Blechsalven. Die Musiker spielen noch im größten Getümmel, bei den exponiertesten Celloläufen und den akrobatischsten Holzbläsersoli mühelos präzise zusammen.

Schon beim 3. Klavierkonzert spürt man die innere Beteiligung des Orchesters wie einen Sog von hinten nach vorn. Beginnend mit einem berückenden Klarinettensolo, ziehen die Bläser förmlich den Vorhang auf für das mit voller motorischer Energie einsetzende Klavier. Die Pianistin Yulianna Avdeeva leistet Schwerarbeit. Furchtlos langt sie zu bei all den vollgriffigen Fortissimo-Akkorden und mehrstimmigen Läufen, doch wirkt ihr Spiel nie einfach nur sportlich. Was sie tut, hat Herz, Sinn und Verstand. Sie spielt kammermusikalisch mit dem Orchester zusammen und zeigt mit ihren Farbnuancen und ihrem Zeitgespür, wie fein dieses Stück gemacht ist.

Currentzis verlängert Engagement um drei Jahre

Nach dem schmissigen Schluss: Bravorufe, Applaus. Avdeeva badet nicht darin, sondern lächelt freundlich-sachlich, verbeugt sich, geht ab. Und gibt nach all den Tönen noch eine rasante „Toccatina“ des polnischen Pianisten Wladyslaw Szpilman (das ist der aus dem Film „Der Pianist“) aus dem Jahre 1933 zu. Nach der Pause sitzt sie im Publikum und hört sichtlich gebannt zu.

Es ist bewegend, wieviel Glück an diesem Abend im Raum ist, trotz Masken, Abständen, leerer Sitze. Das ganze Corona-Kleinklein ist für einen Moment vergessen. Dann greift Currentzis, der für seine Verhältnisse relativ wenig Show gemacht hat, zum vorbereiteten Mikro und gibt auf offener Bühne bekannt, dass er sein Engagement soeben um drei Jahre verlängert habe. Wieder Jubel.

Die Musikgeschichte geht weiter. Wie lang bleibt sie wohl, die Erinnerung an die aufgelösten Orchester?

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