Elbphilharmonie

"Geil!" – Stefan Gwildis gibt 18 "Zugaben" im Großen Saal

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Tino Lange
Stefan Gwildis gab gleich 18 "Zugaben" in der Elbphilharmonie in Hamburg.

Stefan Gwildis gab gleich 18 "Zugaben" in der Elbphilharmonie in Hamburg.

Foto: Marcelo Hernandez / FUNKE Foto Services

Mal sanft wie ein Seidenvorhang, mal abgewetzt wie ein Billardtisch. Mit seiner Stimme begeistert der Hamburger exakt 1348 Fans.

Hamburg. „Ich bring wie in ,Blues Brothers’ die Band wieder zusammen“, versprach Stefan Gwildis vor einem Jahr beim Schwatz vor der Oberhafenkantine. Und jetzt sitzt das Publikum am Donnerstagabend im Großen Saal der Elbphilharmonie, aber die Band ist nicht da. Vor drei Jahren feierte Gwildis hier mit 100 Musikerinnen und Musikern, mit Orchester, Bigband, Chor und Gebärdenchor seinen 60. Geburtstag.

Das ist lange her. Nun sind der Barmbeker Soulbruder und sein Pianist, Arrangeur und Songschreiber Tobias Neumeier allein auf der Bühne. Na ja, die Blues Brothers waren im Kern ja auch nur zwei.

Stefan Gwildis gibt 18 "Zugaben" in der Elbphilharmonie

Dafür sind aber exakt 1348 dauerhaft maskierte Fans gekommen. Das ist sehr kulant von den zuständigen Behörden, auch Gwildis kann es nicht fassen, als er wie ein kleines Kind zur Bescherung vor den Steinway-Flügel tritt und seinen Blick über die Reihen schweifen lässt: „Geil!“ Da kann man zum Beginn auch gleich mal die Hits, die sonst gern als Zugaben auftauchen, verschenken: „Allem Anschein nach bist du’s“ in einer Beatbox-Version, bei der sich Gwildis mit mundgemachtem Bass, Schlagzeug und Bläser-Sektion selbst begleitet, „Mach die Musik so laut du kannst“ und „Sie ist so süß (wenn sie da liegt und schläft)“ stellen die Setlist und das Publikum auf den Kopf. Frenetischer Applaus. „Das war ein toller Abend mit euch“, keucht Gwildis.

Aber da geht noch was. Es folgen noch 18 „Zugaben“. Mit spontanen Liedern für zufällig ausgewählte Fans geht es los, auch wenn ihre Namen das Reimen schwierig machen: Peter aus Norderstedt kriegt ebenso ein Ständchen wie Annette aus Meiningen/Thüringen. Kein Weg zu weit für „Mein Meer“, „Sie lässt mich nicht los“ oder das als „Gestern war gestern“ eingedeutschte „Walking in Memphis“. „Ihr glaubt nicht, wie gut es tut, nach anderthalb Jahren wieder live zu spielen“, bedankt sich Gwildis für den Jubel. Vielleicht hat er den Auftritt im vergangenen Oktober im St. Pauli Theater mit Tobias Neumann am Piano, Achim Rafain am Bass und Martin Langer am Schlagzeug und ein paar weitere Shows schlicht vergessen.

Der Abend lebt von Stefan Gwildis' Stimme

Aber gestern war gestern, heute ist heute, und das Publikum hört und schaut mit Hingabe bei „Sommer in der City“ und „Nö“ zu. Das ist nicht selbstverständlich, denn die Dynamik und der Schmackes der Band fehlt. Der Abend lebt allein von Gwildis und seiner Stimme. Mal schmeichelt sie sanft wie ein Seidenvorhang im Abendwind, mal geht sie auf Italienisch ins Tenorale, nur um dann abgewetzt wie ein Dorfdisco-Billardtisch unverstärkt in den Saal zu schlurfen. Er gibt alles und braucht nach der Pause ein frisches Hemd.

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Auch Wolfgang Borchert, dem Gwildis im Mai zum 100. Geburtstag das Album „Pack das Leben bei den Haaren“ widmete, wird mit „Ich bin der Nebel“ und einer auf einem Ascheimer (!) perkussiv begleiteten Rezitation gewürdigt. Mehr davon gibt es am 25. Oktober und 9. November im St. Pauli Theater. Ebenfalls neu ist das Lied „Sand von Sylt“, eine ausgesprochen schwül-schwitzige Schmachterei, für die Sängerin Julia Schilinski zum Duett auf die Bühne kommt. „Wenn ihr das Lied morgen auf iTunes vorbestellt, schaffen wir es vielleicht in die Jazz-Charts“, hofft Gwildis.

Einen Schnaps zum Gedenken an Joe Cocker

Egal wie viele Bestellungen es dafür braucht: 1348 könnten es auf jeden Fall werden, denn hier im Großen Saal sind absolut alle begeistert und fordern stehend Zugabe um Zugabe. „Halleluja“ singt Gwildis, setzt sich für ein Dave-Brubeck-Doppel zu „Take Five“ an den Flügel, kippt noch einen Schnaps in Gedenken an Joe Cocker und beendet nach zwei Stunden Programm den Abend mit „Du bist so wundervoll“.

Vor der Tür zeigt sich Hamburg immer noch von seiner besten Seite, so wie Stefan Gwildis es besingt: „Wunderschönes Grau“.

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