Elbphilharmonie

Jan Lisiecki: Weltklassekonzert mit Schrecksekunde

| Lesedauer: 2 Minuten
Marcus Stäbler
Der kanadische Pianist Jan Lisiecki sprang beim SHMF für Hélène Grimaud in der Elbphilharmonie ein.

Der kanadische Pianist Jan Lisiecki sprang beim SHMF für Hélène Grimaud in der Elbphilharmonie ein.

Foto: © Christoph Köstlin / DG

Der Pianist und das Tonhalle-Orchester Zürich liefern denkwürdigen Auftritt beim SHMF ab. Am Ende wagt Lisiecki einen Drahtseilakt.

Hamburg. Mit seiner diesjährigen Porträtkünstlerin hat das SHMF etwas Pech gehabt. Wegen der aktuellen Reisebeschränkungen konnte Hélène Grimaud kein einziges ihrer 14 geplanten Konzerte wahrnehmen. Die eine Hälfte musste ausfallen – doch für die andere konnte das Festival Jan Lisiecki als Einspringer gewinnen. Und der ist ja zum Glück alles andere als eine B-Lösung.

Beim Elbphilharmonie-Auftritt mit Paavo Järvi und dem Tonhalle-Orchester Zürich übernahm der kanadische Pianist Grimauds Programm, das Klavierkonzert von Schumann, und präsentierte sich als romantischer Tastenträumer: Indem er das – hinreißend gespielte – Thema der Holzbläser auf dem Flügel nachsang, etablierte er gleich zu Beginn einen Ton von zarter Poesie, der die ganze Interpretation beseelte.

Elbphilharmonie: Kurzer Schreck für Jan Lisiecki

Sei es im gemeinsamen Schwelgen mit den Celli oder im Intermezzo, das mit federleichten Schritten in die Ferne streift. Jan Lisiecki tupft und trillert mit blitzsauberer Technik, er hat genau das richtige Gespür für das Zögern, Innehalten und wieder Vorandrängen dieser Musik.

Im Finale dann plötzlich eine Schrecksekunde: Der 26-jährige Pianist verliert kurz den Faden, das Orchester muss abbrechen und ein paar Takte früher nochmal einsteigen. Puh. Aber – ein Zeichen für seine Klasse – Lisiecki lässt sich davon nicht aus der Bahn werfen, im Gegenteil. Er steigt mit noch mehr Feuer ein, bringt das Finale furios zu Ende und wagt in der Zugabe einen pianistischen Drahtseilakt: mit einer wunderbar freien Lesart von Schumanns berühmter „Träumerei“, die er unglaublich leise in die Tasten streichelt.

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Das Publikum umarmt ihn mit empathischem Jubel. Und wird in der zweiten Hälfte mit nichts weniger als einer Sternstunde beschenkt. In der Aufführung von Schuberts „großer“ C-Dur-Sinfonie untermauern Järvi und sein Zürcher Orchester den Eindruck, der sich schon vor der Pause abzeichnete: dass sie ein echtes Dreamteam sind.

Atemberaubendes Pianissimo in der Elbphilharmonie

Nicht nur wegen der phänomenalen Klangkultur und Disziplin des Zusammenspiels. Sondern vor allem, weil sie mit einer unbändigen Entdeckerlust die weiten Landschaften von Schuberts Musik erkunden, vom Hornthema zu Beginn bis zu den finsteren Abgründen im Andante.

Paavo Järvi führt diese Wanderung liebevoll, straff und natürlich, er atmet mit seinen Musikerinnen und Musikern und modelliert plastische Kontraste. Dabei beglückt er mit einer reichen Palette an Farben. Gerade das Pianissimo ist atemberaubend und rührt etwas tief in uns drinnen an. Schwer zu erklären, aber umso deutlicher zu spüren. Das Wunder großer Musik.

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